Apokalypse ist jeden Tag
VII
Apokalypse der Bedeutungslosigkeit (Inspiration zum sechsten Sendschreiben im dritten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Philadelphia, die treue Vorzeigegemeinde und die große Entschuldigung für alle, die sich klein fühlen und deshalb andere klein machen. Neben dem Sendschreiben an Laodizea, das noch folgt, ist dieses hier wohl eines der am häufigsten missbrauchten. Wie oft wurde kleinen, exklusiven Gruppen eingeredet, dass sie zwar „klein und unbedeutend wie Philadelphia“ seien, aber dafür diejenigen, die auf dem einzig richtigen Weg sind. Und alle anderen sind draußen, gehören nicht dazu. Ihnen wird Feuer und Schwefel und Pest und Hölle zuteil, während man selbst entkommt, weil man das Richtige glaubt.
Doch worin besteht denn die apokalyptische Besonderheit dieser christlichen Gemeinschaft im kleinen, unbedeutenden Philadelphia eigentlich? Sie sind treu, tun das Richtige und halten fest. Nicht mehr und nicht weniger. Hier geschehen keine großen Wundertaten, hier sind kleine Leute, die kleine Dinge tun. Diesen Leuten steht immer eine Tür zu Gottes Liebe und Gnade weit offen. Sie sind wohl sicher vor den ganz großen Katastrophen der Verfolgung, gerade weil sie so bescheiden und unbedeutend sind. Das bedeutet aber nicht, dass ihr Kampf unwichtig oder einfach wäre.
Wir dürfen nicht vergessen, dass in den Zeiten, in denen die Schriften des Neuen Testamentes entstanden, diese Gemeinschaften noch aus Juden und hinzugekommenen Nichtjuden bestanden. Wenn hier von den feindlichen Juden die Rede ist, dann sind es Menschen, die an denselben Gott glauben, innerhalb dieser Gemeinschaften unterwegs sind und sich benehmen wie der Teufel selbst – eben anklagend und Unfrieden stiftend. Es sind die allernächsten Menschen, die einem das Leben am allerschwersten machen können. Es geht hier nicht um eine Entschuldigung für das eigene Kleinsein oder um eine scharfe Abgrenzung nach außen… dafür ist zu sehr von weit offenen Türen die Rede.
Es ist immer der eigene Kleinmut, die Traurigkeit über die eigene Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit, die uns täglich eine Apokalypse erleben lässt. Wir können nichts tun. Wir fühlen uns gering. Die Gefahr besteht darin, dass wir unsere Türen verschließen, obwohl uns doch einer die Himmelstür weit aufgeschlossen hat. Die Gefahr besteht darin, dass wir aufgeben und gleichgültig werden und einfach jede Tür unserer Seele weit aufstehen lassen, so dass unser ganzer Mut gefressen wird. Die Gefahr besteht darin, dass wir uns anklagen und kleinmachen lassen und dass wir plötzlich gegen andere, die noch kleiner sind, treten wollen.
Aber wer die Apokalypse seiner Bedeutungslosigkeit überstanden und durchgestanden hat, vor dem muss sich jeder Ankläger irgendwann kleinmachen und verbeugen. Denn wenn ein kleiner Mensch in seinen kleinen Dingen treu bleibt, dann kann es sein, dass er für viele andere kleine Menschen zu einer Säule der Festigkeit wird. Eine tatsächliche Säule im Tempel Gottes, der mit Christus hier auf die Erde gekommen ist und mitten unter uns steht, unsichtbar und ohnmächtig, aber mit weit geöffneten Türen für alle, die auch zugeben können, dass sie Menschen sind und bedürftig und klein.

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