Apokalypse ist jeden Tag IX

Apokalypse ist jeden Tag

IX

Parodie apokalyptischer Herrschaft (Inspiration zum vierten Kapitel der Apokalypse des Johannes)

Wenn wir die Apokalypse des Johannes vielleicht ein bisschen mehr wie Fantasy lesen würden und sehr viel weniger als Gesetzbuch eines feststehenden, chronologischen Ablaufs des Weltendes, könnten wir uns unterhalten und getröstet fühlen. Es ist doch einfach gute alte Fantasy-Manier, eine Tür im Himmel erscheinen zu lassen, zu der Johannes durch den Heiligen Geist hoch gebeamt wird, durch die er eine andere Dimension betritt und sich plötzlich im Thronsaal Gottes befindet. Ein klassischer Anfang für alles Abgefahrene in der Weltliteratur: der Held tritt durch die Tür in eine andere Welt und erlebt Dinge.

Und genauso ist es hier. Johannes tritt durch eine Tür in eine andere Dimension und aus dieser Perspektive muss alles, was er in Zukunft sieht, hört und beschreibt, auch verstanden werden. Wir sollen das, was auf der Erde geschieht, „von oben her“ betrachten. Dazu wird Johannes aufgefordert. Nachdem er die Briefe an die Gemeinden herausgegeben hat, in denen der Ist-Zustand der einzelnen Gruppen beschrieben ist, geht es jetzt darum, was denn „hernach“ passieren wird. Und zwar nicht in tausend oder mehr Jahren, sondern bald. Prophetische und apokalyptische Zeit findet immer „bald“ statt und dieses Bald ist sehr nahe an einem Jetzt, in dem solche Texte geschrieben werden.

Warum machen wir es uns eigentlich so schwer und fürchten uns vor einem Weltende, das angeblich seit Jahrhunderten drohend in diesem Buch angekündigt ist und ganz sicher irgendwann mal eintreten soll? Warum verstehen wir es nicht so, wie es gemeint ist? Als Jetzt-Botschaft. Apokalypse war schon immer und ist immer und ist heute und wird morgen auch sein. Apokalypse ist jeden Tag. Und jeden Tag überleben wir diese Apokalypse.

Johannes also betritt den Thronsaal Gottes. Auch hier sollten wir uns nicht von den einzelnen Edelsteinklassen, die erwähnt werden, irritieren lassen. Es ist einfach alles furchtbar hell, strahlend, glänzend und poliert. Mächtig eben. Auf dem Thron sitzt Gott und der hat Stil – denn die Farben Rot und Grün werden erwähnt – einer der prächtigsten Komplementärkontraste, die es gibt. Königlich, kaiserlich geradezu. Auf der Erde mag der Christen verfolgende Kaiser herrschen, aber hier sitzt Gott auf dem Thron und er ist „Herr und Gott“ – und nicht der Kaiser, der sich als Gott anbeten lässt.

Und wie ist es heute? Lassen sich die Herrscher der Welt, die so gerne Krieg führen, nicht auch gerne durch ihre Kirchen und Tempel als Söhne Gottes oder als Gesandte Gottes legitimieren? Muss ich wirklich erwähnen, dass ein Patriarch oder ein Papst, der einem Herrscher einen Auftrag Gottes für die Beherrschung eines Weltenteils aufträgt und ihn dazu „segnet“ – ein geistlicher Führer ist, der wohl eher mit dem Thron Satans (um mich in Johannes´ Sprechweise auszudrücken) paktiert als mit dem Thron Gottes?

Für Johannes steht fest, es gibt nur einen Herrn und einen Gott – und der sitzt in dieser anderen Dimension auf dem Thron und der hat die Welt erschaffen, weil er Lust zu ihr hatte und nur er besitzt das Erdreich – egal, wie sehr sich die Mächtigen um jeden Flecken hier streiten mögen.

Was auch immer die vier Gestalten mit den Augen an ihrem ganzen Körper bedeuten mögen… dieses Rätsel haben schon die Kirchenväter kaum lösen können. Es sind vier und vielleicht hatten die Väter Recht und sie stehen für das Evangelium, die Botschaft aus dieser fremden Dimension des Reiches Gottes, die an alle vier Enden der Welt ausgeht. Interessanter sind die 24 Ältesten. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass sie für alle Gläubigen aus dem alten und dem neuen Bund stehen – für die Gesamtheit von Gottes Volk vor und nach Jesus.

Was tun sie? Sie legen ihre Kronen vor dem Thron nieder. Das ist unsere Aufgabe in dieser Welt – unsere tägliche Apokalypse. Wir legen die Krone unseres Stolzes, unserer Herrschsucht und unserer Besitzgier nieder, denn die Welt gehört uns nicht – auch wenn wir uns das vormachen, auch wenn Despoten, Diktatoren, Autokraten, Oligarchen – oder wie immer wir sie nennen mögen – denken, sie könnten sich selbst krönen, die Welt aufkaufen und mit Waffen einnehmen.

Wir, die wir Jesus glauben und folgen möchten, wir wissen, dass wir nicht einmal uns selbst gehören. Wir siegen, weil wir von Angang an unsere Krone ablegen. Wir siegen, weil wir wissen, dass die Ohnmächtigen und die Liebenden und die Friedfertigen und die Treusorgenden und die Besorgten und die Bedrückten die eigentlichen Besitzer der Welt sind, gerade weil sie sie nicht besitzen und nicht missbrauchen.

Die gesamte Apokalypse als Text ist eine Parodie der weltlichen Macht. Wir, die wir behaupten Jesus zu folgen, sollten diese Apokalypse und Parodie der weltlichen Macht sein. Es ist kein leerer Satz, wenn es heißt, dass die Friedfertigen das Erdreich besitzen werden. Die Mächtigen missbrauchen das Land und die Leute – die Friedlichen wollen nur unter ihrem Weinstock sitzen und dem Nachbarn auch seinen Weinstock gönnen. Das ist Nächstenliebe. Völlig unromantisch, voll praktischer, jüdischer Weisheit. Das ist lebbar. Darum siegreich.