Apokalypse ist jeden Tag X

Apokalypse ist jeden Tag

X

Der Lämmerkönig (Inspiration zum fünften Kapitel der Apokalypse des Johannes)

Nun beginnen die rätselhaften Kreisläufe dieses rätselhaften Buches. Nacheinander werden sieben Siegel aufgebrochen, sieben Posaunen geblasen und sieben Schalen ausgeschüttet. Dreimal ergibt sich so ein Kreislauf von Bildern des Schreckens, der über die Erde hereinbricht. Das Geheimnis liegt wahrscheinlich darin, dass es ein und dieselbe Sache ist, über die dreimal in je verschiedener Weise geschrieben wird. Und sieben ist eine Vollzahl – es ist die Vollendung allen Schreckens, der für den einzelnen Menschen vorstellbar ist: Seuchen, Hungersnöte, zerstörte und verschmutzte Landschaften, Kriege, Teuerungen, Verfolgungen, Folterungen, Naturkatastrophen. Es ist einfach alles gemeint, was wir in dieser Welt als Unordnung und Bedrohung erfahren.

Dabei wechselt die Begründung, wer oder was diese Schrecken verursacht. Mal ist es Christus selbst, der Siegel öffnet und so scheinbar das Gericht Gottes als Plage über die Menschheit bringt. Mal sind es Engel, die diese Katastrophen als Strafe Gottes ausbrechen lassen. Mal sind es geheimnisvolle, satanische Tiere und Kreaturen, die es aus ihrem Bösen heraus verursachen. Alles ist möglich, die Bilder verschwimmen miteinander. Alles ist gleichzeitig, und zugleich wirklich und unwirklich. Das Böse lässt sich eben nie ganz erklären, die Frage nach Grund, Sinn und Ursache des Leidens in der Welt wird auch die Apokalypse nicht erklären und es ist gefährlich, wenn wir versuchen, aus diesem Fantasy-Epos Gesetzmäßigkeiten abzuleiten oder Rechtfertigungen für unseren ganz persönlichen Drang nach Rache und Vergeltung.

Am besten fahren wir wohl, wenn wir uns drei Dinge vor Augen halten:

1. Johannes beschreibt eine himmlische Wirklichkeit im Thronsaal Gottes, die er mit geistlichen Augen sieht. Es ist die eigentliche Wirklichkeit, die himmlische Realität. In dieser Wirklichkeit ist der Mensch erlöst, die Welt gerettet und die Schöpfung geheilt. Es ist schon alles geschehen und wiedergutgemacht.

2. Johannes beschreibt, was auf der Erde passiert. Dies ist sowohl Gegenwartsbeschreibung als auch Zukunftsvision. In immer neuen Kreisläufen von Gewalt und Elend ergießt sich der Schrecken auf die ganze Welt. Dabei werden nicht nur die „Bösen“ bestraft – auch diejenigen, die sich zu diesem Jesus zugehörig fühlen, leiden. Es ist die Realität des Leidens, das in dieser Welt immer wieder geschieht, bis zum Ende.

3. Johannes lässt all diese dramatischen Kreisläufe auf ein Ende zu laufen. Das Ende ist wie der Anfang. Die himmlische Wirklichkeit, die er schon sieht. In diesem Ende hört alles Leiden endlich auf. Das ist die eigentliche Zukunftsvision der Apokalypse – nicht, dass Leiden über die Welt kommt – denn dieses Leiden ist ja schon immer da gewesen, ist jetzt täglich erfahrbar und wird auch immer wieder stattfinden, solange Menschen einander Böses antun – sondern, dass all dieses Leiden irgendwann aufhört. Die Schreckensvisionen der Apokalypse sind großartig beschrieben – aber sie sind doch nur ein Zwischenspiel im Großen und Ganzen.

Hier nun in diesem fünften Kapitel der Apokalypse wird verzweifelt nach einem gesucht, der das Ende kennt und würdig ist, es herbeizuführen. Johannes weint heftig oder sehr oder enorm – jedenfalls begleitet das Wort „weinen“ eine Verstärkung. Es sind starke Emotionen im Spiel. Da endlich wird ihm verkündet, es gibt den großen, siegreichen Löwen Judas, der würdig ist. Wir erinnern uns, dass laut biblischem Bericht aus dem Stamm Juda das Königtum Davids hervorging. Wir erinnern uns, dass David blutigste Kriege geführt hat – so blutig, dass ein Schreiber des Alten Testamentes darüber berichtet, es wäre genau deshalb für David nicht statthaft gewesen, den Tempel zu bauen, da so viel Blut an seinen Händen klebte. Erst sein Sohn durfte dies tun. Ja, siegreich im Krieg war dieser David und siegreich in den Kriegen waren die römischen Herrscher. Löwen sind sie, Raubtiere. Und der verfolgte Gläubige, der betende und leidende Mensch, sehnt sich nach dem Christus, dem Löwen, der siegreich ist und die Feinde zerstört. Er weint heftig, wie Johannes es tut. Manchmal will das Herz Psalmen der Rache und des Zorns beten. „Zerschmettere sie, Gott!“ Und das Herz darf es. Und Gott hört es.

Doch Johannes schaut und sieht – keinen Löwen – sondern ein Lamm, das noch der Muttermilch bedarf. Dieses Lamm ist geschlachtet worden. Es ist ein bedauernswertes Opfertier. Über dieses Lamm wird gesagt, es sei ein Löwe und siegreich. Wie passt das zusammen? Es ist die absolute Umkehr irdischer Macht und Gewalt. Christus ist gerade siegreich, indem er nicht siegreich war. Er hat keine Armeen angeführt und er wird es auch in Zukunft nicht tun. Er ist auf ewig das geschlachtete Lamm. Der Leidende. Der mit uns Leidende. Die Verheißung, dass der Ohnmächtige in seiner Ohnmacht letztlich siegreich sein wird gegen all die brüllende Gewalt in dieser Welt.

Das ist die eigentliche Wirklichkeit, an der festzuhalten tatsächlich viel Mut und Kraft kostet. Wir brauchen zu unserem Trost die apokalyptischen Bilder des Schreckens, denn da ist die menschlichste Sehnsucht unseres leidenden Herzens, dass das Böse sich irgendwann einmal rächen wird an denen, die es über uns bringen. Aber es geschieht nicht durch die Krallen des Löwen. Es geschieht durch die Hände des Lammes, das die Siegel öffnet und den Fortgang und Ausgang der Welt doch irgendwie in den festhält. So glaubt der einfache Mensch. So hofft der Leidende. Und seine Morgendämmerung wird kommen.