Apokalypse ist jeden Tag XI

Apokalypse ist jeden Tag

XI

Die Reiter (Inspiration zum sechsten Kapitel, Verse 1 bis 8 der Apokalypse des Johannes)

Die vier apokalyptischen Reiter sind eines der berühmtesten und beliebtesten Bilder des Grauens. Vielzitiert, vielverwendet, vielmissbraucht. Aber eigentlich so einfach. Es gibt wohl kein besseres Bild in schärferen Farben, welches das Wesen von Gewalt auf Erden ausdrücken könnte. Wir erleben gerade genau das, was Johannes beschreibt – aber es ist nicht das Ende der Welt. Es ist das, was in der Welt schon immer passiert ist. Immer wieder. Es sollte uns nicht überraschen. Es sollte uns nicht übermäßig lähmen.

Ein Reiter zieht den anderen nach sich. Zunächst dieser rätselhafte Kerl auf dem weißen Pferd und mit dem Bogen bewaffnet. Das Urbild des dahinfliegenden Jägers. Da will einer erobern, Macht besitzen, Land einnehmen. Damit, dass einer will, was andere haben, fängt fast alles Elend in der Welt an. Dieser Reiter ist immer und überall zu finden, wo jemand unter allen Umständen nach Macht und Geltung strebt. Im Großen wie im Kleinen.

Unweigerlich werden die anderen Reiter ihm folgen. Dazu braucht es keine Siegel, die im Himmel gebrochen werden. Sie sind nur dramatische Verstärkung dessen, was ohnehin geschieht. Kommt einer, der Macht ergreifen will, folgt ihm der Krieg. Der rote Reiter mit dem Schwert, der rotes Blut vergießen wird.

Kommt der kriegerische Reiter, folgt ihm der schwarze auf dem Fuße. Denn Krieg unterbricht immer den Fluss des alltäglichen Lebens und Handelns. Die Preise steigen und der Hunger und der Mangel kehrt ein.

Kommt der schwarze Reiter des Hungers, dann folgt ihm unweigerlich der bleiche Reiter des Todes. Wer hungert, wird krank. Seuchen haben leichtes Spiel.

Das ist keine Beschreibung von etwas, das in der Zukunft geschieht und auch keine Beschreibung eines Weltendes, das wir jetzt gerade erleben würden. Es ist schlicht die Zustandsbeschreibung einer menschlichen Welt, in der immer wieder einer danach streben wird, mächtiger zu sein als alle anderen. Und immer wieder wird dieser Jemand die drei anderen Reiter mehr oder weniger heftig auf den Plan rufen.

Dieses Bild ist unsere Urangst, unsere Sorge, unser Kummer in dieser zerrissenen Welt. Aber es ist nicht das Ende. Es soll uns nur gefasst machen. Es ist, was es ist. Ein Zustand, der nicht so bleiben muss. Auch das schnellste Pferd wird einmal müde und lahmt. Auch der siegreichste Eroberer lebt nicht ewig. Die Reiter ziehen vorüber, das ist gewiss. Wir werden es sehen, erleben und aushalten wie all die anderen Menschen vor uns.

Aber es ist nicht das Ende.