Apokalypse ist jeden Tag XII

Apokalypse ist jeden Tag

XII

Mordzeit (Inspiration zum sechsten Kapitel, Verse 9 bis 11der Apokalypse des Johannes)

Die Seelen der Märtyrer, also der um ihres Glaubens willen verfolgten und getöteten Christus-Nachfolger, befinden sich vor oder eher unter einem himmlischen Altar. Ein Altar ist ursprünglich immer eine Opferstätte. Diese Seelen sind jedoch nicht auf dem Altar, obwohl sie ihr Leben geopfert haben. Sie sind dem Altar vor- oder untergeordnet, denn das eigentliche Opfer des Glaubens, das erste und vorrangige, hat der Christus selbst vollbracht. Darin folgen ihm die Märtyrer tatsächlich vollkommen nach.

Als die Zeiten ärgster Verfolgung im Römischen Reich vorüber waren, galten diese Menschen, die Märtyrer, den folgenden Generationen von Gläubigen als ganz besondere Vorbilder, als Heiligste unter den Heiligen. Sie waren Gott besonders nahe, weil sie selbst gelitten hatten wie der Gott-Sohn. Das westliche Christentum kannte lange Zeit die Tradition, dass eine Kirche nur um einen Altar errichtet sein konnte, unter dem die Reliquie mindestens eines Heiligen oder besser noch eines Märtyrers aufbewahrt wurde. Man führt dies auf jenen Abschnitt der Offenbarung des Johannes zurück, der davon spricht, dass die Seelen der Märtyrer sich unter dem Altar sich befinden. Hier ist ein besonders schönes Beispiel dafür, welch verrückte Dinge Menschen befolgen, wenn sie solche Texte wie diesen apokalyptischen hier wörtlich nehmen.

Nun sind bei der Öffnung der ersten vier Siegel der Buchrolle durch das Lamm große Katastrophen über das Erdreich hereingebrochen. Während der Öffnung des fünften Siegels geht es um den Tod der Märtyrer. Will Christus also, dass die, die ihn lieben, leiden und umgebracht werden? Bewirkt er selbst es sogar? In gewisser Hinsicht ja – denn wer ihm nachfolgt, wie er es fordert, der begibt sich auf diesen Weg des Leidens, Mitleidens und Ausleidens eines wahrhaftigen Menschen. Menschsein ohne Leiden gibt es nicht. Wahrhaftiges Menschsein ist immer Leiden. Es ist nicht anders zu haben. Und andererseits auch wieder nein – denn getötet werden die Märtyrer ja nicht durch Christus oder das Lamm der Apokalypse, das dieses Siegel aufbricht – sondern ganz konkret durch ihre allzu menschlichen Verfolger. Die Verantwortung ist nicht auf etwas Göttliches abzuschieben.

So rufen die Märtyrer nach göttlicher Rache an ihren Mördern. Ihnen werden aber nur weiße Kleider gegeben. Sie werden geehrt, immerhin. Und man sagt ihnen, sie müssten sich gedulden und es würden noch mehr sterben, wie sie es getan haben. Sehr ernüchternd.

Aber so ist sie, die tägliche Apokalypse. Bei all den fantastischen Bildern des Schreckens doch eine ernüchternde Realität. Der Gläubige, der an Gottes Liebe und am Weg von Gottes Liebe festhält, wird auch leiden müssen. Einen Umweg gibt es nicht in diesem Leben. Gottesnähe, Gottesahnung, Gotteserfahrung kann herrlich sein, wie Johannes es in seiner Vision vom Thronsaal Gottes erfährt. Aber sie bedeutet eben auch und gerade, ganz Mensch zu sein und zu leiden. Geduld haben zu müssen im Leiden, weil einem nichts anderes übrigbleibt.

Doch ungesühnt wird dieses Leid nicht bleiben. Das ist die Hoffnung derer in den weißen Gewändern. Wie auch immer diese Wiedergutmachung aussehen mag, sie wird erfolgen. Aber geduldig müssen wir sein. Menschen müssen wir sein.