Apokalypse ist jeden Tag
XIII
Großer Tag (Inspiration zum sechsten Kapitel, Verse 12 bis 17 der Apokalypse des Johannes)
Endlich ist das Ende der Welt gekommen. Der Große Tag des Gerichtes und des Zornes und der Rache. Alles geht unter mit dem Öffnen des sechsten Siegels. Doch kann es wirklich das Ende sein, wenn noch ein siebentes Siegel aussteht? Irren wir uns nicht, wenn wir annehmen, dass die Beschreibungen, diese fantastischen Bilder uns den Untergang des Kosmos beschreiben? Wir würden viel wohler fahren, wenn wir das Fantastische in diesem Buch annehmen könnten und nicht nach einem minutiösen Fahrplan für das Ende aller Dinge suchten.
Die Sonne hört auf zu scheinen. Der Mond hört auf zu scheinen. Die Sterne hören auf zu scheinen. Der Himmel wird aufgelöst, fällt in sich zusammen und stürzt gleichsam auf die Erde. Wie die Gallier bei Asterix und Obelix sich vor nichts und niemandem fürchten, außer davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt – so ergeht es den Menschen in diesem Text. Sie fürchten sich vor dem Einsturz des Himmels und suchen Schutz in Höhlen und Erdspalten.
Ihre Welt wie sie sie kennen geht unter. Die Macht und der Wohlstand und das alltägliche Leben – ihre ganze Sicherheit gerät ins Wanken. Selbstverständlich ist das ein Weltuntergang! Erleben wir diesen Untergang unserer Gewissheiten nicht ebenso? Gerade jetzt? Es gibt keine Garantie mehr für dauerhaften Frieden, immerwährenden Wachstum und das fröhliche Einerlei eines strukturierten Alltags. Unsere Welt geht unter. Wir leiden daran, dass sich die Welt, wie wir sie kennen und daran gewöhnt sind, ändern wird, untergehen wird.
Dabei ist das ein natürlicher Vorgang. Alle mächtigen Reiche dieser Welt sind aufgestiegen und untergegangen. Und selbst die Menschen, die an ihnen litten, litten oft am meisten an ihrem Untergang. Das Römische Reich ist untergegangen und die Anfänge der Erschütterungen des Machtgefüges wird der Schreiber der Apokalypse vielleicht schon mitbekommen haben.
Täglich erleben wir den Untergang unserer Welt. An jedem Morgen ist die Welt eine andere als am Tag davor. Menschen sind gestorben, neue Menschen geboren wurden. In keinem einzigen Augenblick ist die Welt so, wie sie vor dem letzten Atemzug war. Geht nicht jeden Tag die Sonne unter? Gehen nicht jeden Tag der Mond und die Sterne unter? Rollt sich der Himmel nicht jeden Abend in der Dämmerung zusammen und ist es nicht ein ganz neuer Himmel, der uns nach der Finsternis der Nacht begrüßt?
Apokalypse ist jeden Tag. Apokalypse ist Normalzustand. Sie ist nicht das Ende. Sie ist vielmehr Verwandlung. Wir leiden daran, wir weinen darüber, wir können das Ausmaß der Schrecken, die wir selbst verursachen, oft kaum ertragen und wollen, dass die vier Wände unserer Wohnungshöhlen über uns zusammenfallen. In unserer Angst haben wir uns gerade erst in unseren Häusern verschlossen. Wir haben es erlebt und es fühlt sich wie das Ende an, weil es eines ist.
Doch vergessen wir nicht, dass es erst das sechste Siegel ist, das geöffnet wurde. Ein siebentes steht noch aus. Erst dann kommt das Ende… Oder doch ein Neuanfang?
Jeden Tag ist Apokalypse. Jeden Tag ist Neuanfang. Nach dem Tod die Auferstehung. Die Apokalypse des Johannes ist frohe Osterbotschaft und keine Drohbotschaft – wenn wir es nur mit einem offenen Herzen lesen und unsere Zuversicht bewahren.

Hinterlasse einen Kommentar