Apokalypse ist jeden Tag XIV

Apokalypse ist jeden Tag

XIV

Große Menge (Inspiration zum siebenten Kapitel der Apokalypse des Johannes)

Eine Pause setzt ein in den Schilderungen des Apokalypsen-Schreibers. Er hält inne, wie er es häufiger tut, und wendet sich weg von der Welt einer anderen Wirklichkeit zu – der Himmlischen. Hier finden wir einen weiteren viel missbrauchten Vers des Buches. Den über die große Menge der 144Tausend Erlösten, Erwählen oder Versiegelten – je nachdem, wie sie in der einzelnen christlichen Gruppe heutzutage benannt werden. Häufig stecken in der Benennung auch schon Interpretation und Gesetz.

Doch um diese rätselhafte Zahl besser einschätzen zu können, reicht vielleicht ein Blick auf diese Pause zwischen dem sechsten und dem siebenten Siegel. Vier Engel an den vier Enden der Erde halten vier Winde der absoluten Zerstörung in den Händen. Sie sind bereit, diese Kräfte auf die Erde loszulassen. Von Gott jedoch geht ein fünfter Engel aus, der ihnen befiehl, diese Zerstörung nicht erfolgen zu lassen. Bis diese 144Tausend eben „versiegelt“ sind. Was nichts anderes heißt, als dass sie an der Stirn gekennzeichnet werden als zu Gott gehörend.

Halten wir selbst kurz inne. Wer wurde von Gott einst an der Stirn gekennzeichnet? War es nicht Kain – der seinen Bruder erschlagen hatte? Und um diesen Mörder zu schützen, kennzeichnet Gott ihn. Also sind die 144Tausend vermutlich keine Heiligen und Auserwählten von Geburt an. Es ist reine Gnade und reines Erbarmen, was sie zu Auserwählen macht. Wir Brudermörder sind es, die Gott in die große Schar hineinruft.

Und wie lange wird es dauern, bis diese Gruppe vollständig ist und die vier Zerstörungsengel ihr Werk vollbringen? Bei der Öffnung des siebenten Siegels jedenfalls passiert… nichts!

144Tausend – das ist die doppelte 12 mal 1000. Eine doppelte Zahl der Vervollkommnung. 12 Söhne hatte Jakob. 12 Stämme zählte das Volk Israel, das seinen Gott suchte und ihn zu verstehen suchte. 12 Jünger hat Jesus sich ausgesucht. 12 Apostel, die anderen die Worte Jesu nahebrachten. Aus der Schar der 144Tausend wird im zweiten Teil des Textes eine unüberschaubare Menge aus allen Völkern, Nationen, Sprachen. Es gibt keine Grenzen mehr.

Wie können wir nur glauben, dass ein unendlich weiter und grenzenlos großer Gott seine Erwählten peinlich genau abzählt? Es gibt einige, die das tatsächlich so glauben. Wenn wir doch das freie Herz besäßen, die Symbolik und das Fantastische dieses Buches ernst zu nehmen und uns davon trösten zu lassen!

Vielleicht dauert es so lange, diese Vollzahl zu erreichen, bis auch der letzte und verlorenste Mensch heimgekommen ist zu der Liebe, die ihn umfassen will. Das Ende käme dann erst, wenn alle Menschen Frieden miteinander und mit Gott gemacht haben. Und so lange ist es still, keine Winde der völligen Zerstörung werden wehen. Der große Empfang der großen Menge im Himmel findet ständig statt.

Es ist Osterstimmung. Die Menge singt und jubelt und schwingt Palmwedel für den wahren König, für das Lamm – so wie Jesus einst auf dem Esel reitend von Palmwedel schwingenden Jublern in Jerusalem begrüßt worden ist. Nachdem alle Herrschaft auf Erden sich aufgebraucht hat, alle Sicherheiten unserer menschlichen Ordnungen von uns abgestreift sind – nachdem alle Menschen eins sind und miteinander jubeln und ihre Tränen abgewischt werden – kommt das Ende. Und das Ende ist ein weites Tor, durch das alle gehen können, die ein weites Herz haben.

In der Welt herrscht Leiden, aber die himmlische Wirklichkeit zeigt dem Johannes bereits endlosen Jubel. Bis das siebente Siegel geöffnet wird. Dann sicherlich wird Gott alles im Kosmos beiseite wischen und vernichten? Stattdessen kehrt einfach Stille ein. Wunderbare Stille. Eine andächtige Stille des Weltenalls. Ein großer Trost für unsere Wunden.