Apokalypse ist jeden Tag
XV
Große Stille (Inspiration zum achten Kapitel, Vers 1 der Apokalypse des Johannes)
Das siebente Siegel an der Buchrolle wird vom Lamm geöffnet. Man stelle sich vor, dass Johannes in seiner Vision gespannt darauf wartet, was für ein großes, schreckliches Ereignis nun wohl folgen wird. Man stelle sich eine Gemeinschaft aus Judenchristen und Heidenchristen in der Provinz Kleinasien vor, die dem Vorleser lauschen und auf das endgültige, siebente Siegel warten.
Denn sieben ist eine Vollzahl. Sechs Tage lang hat Gott die Welt erschaffen. Am siebenten Tag ruhte er. Sechs Siegel lang erzählt die Apokalypse davon, dass alle Grundfesten des gültigen Weltsystems erschüttert werden, dass Gläubige verfolgt und vernichtet werden und dass sie jubeln über Gottes Heil und Wiedergutmachung. Und nun das siebente Siegel. Jetzt wird die blutige Rache erfolgen. Jetzt wird der Kosmos enden. Jetzt wird das Größte und das Schlimmste und das Heiligste geschehen.
Das siebente Siegel wird geöffnet und… es tritt eine halbe Stunde lang völlige Stille ein. Das ist alles. Nichts weiter geschieht. Man stelle sich die Verwunderung von Johannes vor, der weitere Offenbarungen sehen will. Man stelle sich die Verwirrung der Zuhörer vor, als die Schilderungen von immer größeren und fantastischeren Dingen hier plötzlich abbrechen.
Und vielleicht, ich stelle mir das gerne so vor, wurde die Lesung der Apokalypse an dieser Stelle tatsächlich für eine halbe Stunde unterbrochen. Schweigen trat unter die Hörer. Sie hatten Zeit und Gelegenheit, das bis dahin Gehörte zu bedenken, zu verinnerlichen, es in ihren Herzen und Köpfen zu bewegen.
Warum hört es an dieser Stelle auf? Nach dem Jubel und dem wunderbaren Tränenabwischen: Stille. Das werden sich die Hörer gefragt haben und das sollten wir auch uns fragen, wenn wir den Text lesen. So leicht gehen wir über diese Zeile hinweg und stürzen uns in den Kreis der nächsten sieben Dinge der Offenbarung – sieben Engel mit sieben Posaunen stehen bereit, um sie zu blasen und sieben weitere große und schreckliche Ereignisse herbeizublasen. Aber sind das wirklich neue Dinge? Wird es nicht vielmehr eine Wiederholung sein? Was kann denn noch besser sein, als dass Gottes Kinder in Gottes Schoß zur Ruhe kommen, vor Freude jubeln und ihr Leiden aufhört?
All dies reflektiert die Stille. Wir täten gut daran, diese fragende Stille zuzulassen und auszuhalten. Wer von uns hat schon einmal eine halbe Stunde einfach dagesessen, ohne dass irgendein Mensch gesprochen hat, irgendein Radio, irgendein Bildschirm gelaufen ist? Wer von uns hat schon einmal versucht, sich selbst in dieser Welt für eine halbe Stunde auszuhalten? Eine halbe Stunde Schweigen vor dem unendlichen Kosmos, vor der ewigen Schöpferkraft, vor dem Hintergrund einer Stille, die so laut redet, dass sie unsere Ohren betäubt.
Jeder Klang in dieser Welt und jede Bewegung ist ein Pinselstrich gegen die großartige Leinwand der Stille des Universums. Wer still wird, fügt sich in diese Leinwand ein und hebt sich gleichzeitig von ihr ab. Es kann eine atemraubende, beängstigende Erfahrung sein. Es kann aber auch beruhigen und neue Kraft entfachen für das, was kommt. Es macht uns zu starken Menschen, wenn wir lernen, die Anfragen der Stille auszuhalten. Stille selbst ist eine Art Antwort auf die Fragen, die sie nicht stellt. Das ist Leere, die mit sich selbst gefüllt ist. Das ist groß und furchteinflößend.
Eine halbe Stunde schweigt der Himmel. Es schweigt das Lamm, es schweigt Johannes, es schweigen die Engel und alle Geister. Es schweigt die Versammlung der Heiligen, die bereits im Himmel sind und die Versammlung derer, die noch auf dieser geschüttelten Erde ausharren. Alles ist in dasselbe Schweigen eingeschlossen und hält inne, hält an, hält aus.
Versuchen wir es doch einmal mit Stille. Hören wir auf, alles beantworten zu müssen. Hören wir auf, alles in Gesetze gießen zu müssen. Hören wir auf, Rache und Vergeltung herbeizusehnen. Hören wir auf, uns von der Unruhe und dem Lärm hin und her werfen zu lassen. Hören wir einfach auf und schweigen für eine halbe Stunde. Schweigen ist die richtige Antwort auf so viele Dinge. Auf großes Glück und auf großes Leid. Das Glück wird groß vor der Leinwand der Stille. Dem Leid wird Raum zur Verarbeitung gegeben im See des Schweigens.
Als Hiob von seinen Freunden besucht wurde, da saßen sie zunächst bei ihm und schwiegen. So hätte die Geschichte enden sollen. Hiob leidet, seine Freunde kommen zu ihm und schweigen. Sie halten mit ihm aus. Erst als sie das Schweigen brachen, verursachten sie mit ihren Anforderungen, Anschuldigungen und Fragen noch mehr Leid für ihren Freund. Es ist gut, das Schweigen an dieser Stelle der Apokalypse ernst zu nehmen. Nicht zu reden, nicht zu antworten – sondern auszuhalten. Das ist manchmal unsere einzige Tagesaufgabe. Aushalten miteinander. Und das ist größer als wir vielleicht meinen.

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