Apokalypse ist jeden Tag
XVI
Rauchgebete (Inspiration zum achten Kapitel, Verse 2 bis 5 der Apokalypse des Johannes)
Nach der großen Stille beginnt der zweite Siebener-Kreis der apokalyptischen Ereignisse. Sieben Engel stehen bereit, um sieben Posaunen zu blasen. Wir kennen das Blasen der Posaunen als Urbild der Ankündigung von Krieg, Gericht und Machtausübung. Wir kennen die Posaunen, die die Mauern von Jericho zum Einstürzen brachten. So erzählt es uns das Buch Josua. Wir wissen, dass Großes und Schreckliches sich ankündigt, wenn Posaunen erhoben werden. Doch etwas ist hier anders.
Das Öffnen der Siegel an der Buchrolle der Apokalypse war dem Lamm, dem verherrlichten Christus, vorbehalten. Die nun bald folgenden, schlimmeren Katastrophen werden von Engeln ausposaunt. Es ist nicht Gott, es ist nicht Christus, der das Übel bewirkt. Wird es von den Posaunen verursacht? Wird es nur angekündigt, ehe es eintritt? Wir dürfen nie vergessen, dass das Buch der Apokalypse sich in einer dreifachen Steigerung selbst wiederholt. Die Bilder stehen immer für ein und dieselbe Sachen:
Sehnsucht nach Vergeltung für erfahrenes Übel. Hoffnung darauf, dass Gott das Leiden sieht und irgendwann beantworten wird. Zuversicht, dass böse Taten ihre Folgen haben werden und nicht übersehen werden können von einem gerechten Gott. Eine endgültige Erlösung und Wiedergutmachung und eine neue Welt, in der das Leiden endlich aufhören wird. Es sind diese Dinge, von der das fantastische Buch erzählt. Es sind keine kleinen Dinge. Es sind Dinge, die vielleicht wahr werden könnten. Aber ihre Bilder sind fantastisch, entrückt, prophetisch, poetisch. Sie sind wahr, weil sie wahrhaftig sind und unsere Herzensängste und Herzenssehnsüchte spiegeln. Aber sie sind nicht notwendig wahr, weil sie exakt so eintreten würden. Das ist unwichtig. Wichtig ist, dass uns Johannes zuspricht: Gott sieht, er vergisst nicht, das Leiden geht nicht ungesehen an ihm vorüber. Es sind nämlich vor allem die Verfolgten, Geknechteten, Leidenden, an die die Worte gerichtet sind.
Und in diesen Versen, die dem neuen Kreis der Schrecken vorangehen, stecken Trost und Zusicherung. Die Gebete der Heiligen – unsere Gebete der Freude und Verzweiflung und des Leidens – steigen zusammen mit wunderbar riechendem Räucherwerk vom Altar hinauf zu Gott. Gott riecht die Gebete. Ihm gefallen die Gebete. Er nimmt sie wahr. Er kümmert sich darum. Auf seine Weise – man weiß nicht wie und hat nur fantastische Bilder dafür.
Gebete, Räucherwerk und Altarfeuer regnen als Blitz und Donner und Beben auf die Erde nieder. Deine Gebete, Mensch, bleiben nicht ohne Wirkung. Das ist Trostbotschaft. Das ist ein wunderbares Bild der Zuversicht, dass alles, was unser Herz verzweifelt betet, nicht ungesehen bleibt und seine Wirkung entfalten wird. Wir können es nicht mit Händen greifen, aber Dinge werden geschehen, sich ändern, sich auflösen, neu werden.
Was wir hoffen, bleibt nicht ohne Spur in dieser Welt. Das ist ein schöner Gedanke und ein Gedanke, der vielleicht Mut macht, weiter zu hoffen und sich weiter darum zu mühen, gute Dinge in einer bösen Welt zu tun, weil alles ein gutes Ende nehmen wird. Fantastisch, ja. Aber wahrhaftig und aufrichtig. Und nur so kann ein Mensch als Mensch leben und hoffen.

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