Apokalypse ist jeden Tag
XVII
Ausgeliefertsein (Inspiration zum achten Kapitel, Verse 6 bis 13 der Apokalypse des Johannes)
Nun also blasen die Engel ihre Posaunen und der zweite Kreis der sieben Katastrophen beginnt. Bedenken wir Folgendes: bereits im ersten Kreis wurde der gesamte Himmel aufgerollt, während nun in der zweiten Folge der Katastrophen die Sterne vom Himmel gesprengt werden… Die Vernichtung des Himmels kann logisch nicht zweimal erfolgen. Wir haben es hier selbstverständlich mit einer Steigerung des Grauens zu tun, aber gleichzeitig mit der Wiederholung ein und derselben Botschaft. Das ist kein Widerspruch, das ist Prophetie, Poesie, Kunst, Fantasy – es ist Literatur und damit müssen wir klarkommen – wir, die wir so gerne alles geordnet und gesetzmäßig und völlig erklärbar hätten.
Die Apokalypse ist nicht erklärbar. Sie ist nur erlebbar und fühlbar. Sie liegt hart an den Realitäten, die uns in ihrer Schrecklichkeit seit Jahrtausenden Menschheitsgeschichte immer wieder begegnen. Aber sie ist kein Geschichtsbuch und kein behördliches Protokoll. Und das ist wunderbar so, denn wir brauchen nichts mehr als eine Begegnung mit unseren inneren Ängsten, Träumen und Hoffnungen, die wir geerbt und erworben haben und Zeit unseres Lebens zu leugnen suchen.
Ist denn das, was die ersten vier Engel herbeiposaunen oder ausposaunen oder anposaunen, uns so unbekannt?
Wenn wir in die Geschichten des zweiten Mosebuches blicken, lesen wir von zehn Plagen, die über das ägyptische Volk hereingebrochen sind. Hier bereits liegt der Keim aller apokalyptischen Szenarien und Ängste, die ein Johannes nur auf die Spitze trieb. Auch über Ägypten kamen Hagel, Feuer, Seuchen… Selbstverständlich ist das eine Übertreibung, eine dramatische Erzählung. Aber ist es deshalb weniger wahr?
Wir kennen Naturkatastrophen, Plagen, Seuchen, Verschmutzungen, Vernichtungen, Hunger und Tod – es sitzt in unseren Kochen – wir sind die Nachfahren der Überlebenden. Jeder von uns ist jemand, dessen Urahn solche Dinge gesehen hat. Und wir sehen es heute. Der Kreis wiederholt sich. Wir sind den Folgen unseres Handelns und den Gewalten der Natur, die uns sonst so mütterlich umschließt, völlig ausgeliefert – ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.
Der erste Engel posaunt. Hagel, Feuer und Blut – eben eine total splatter-mäßige Horrorfilmmischung – fallen auf die Erde. Ein Drittel von Baum, Gras und Erde verbrennt. Ist uns das wirklich nicht bekannt? Trockenheit, Erderwärmung, Waldbrände… wir kennen es und wir erleben es und es ist apokalyptisch. Immer wieder.
Der zweite Engel posaunt. Das Meer wird blutig und ein Drittel der Lebewesen verendet. Erinnert uns das nicht an Plastikteppiche im Meer oder an die letzte Ölpest, die über die Haut und das Gefieder der Lebewesen kriecht und sie verschlingt? Oder an stark erwärmte Stellen im Meer, wo ein Drittel, ein Viertel, die Hälfte… eines Korallenriffs abstirbt. Tote Fische, die an Land gespült werden… Ist uns das wirklich unbekannt?
Der dritte Engel posaunt. Ein Stern namens „Wermut“ oder „Bitterkeit“ fällt vom Himmel und vergiftet sämtliche Flüsse und Gewässer. Die Menschen trinken es und sterben. Kennen wir das nicht? Verseuchtes Wasser, das Menschen trinken und daran zugrunde gehen. Noch vor 30 oder 40 Jahren konnte man aus keinem Fluss in Ostdeutschland trinken, es gab kaum noch Fische in den Flüssen – unsere Kohlekraftwerke und unsere Chemiewerke haben alles vernichtet. Heute wieder kann man bedenkenlos einen Schluck Wasser aus der Bode saufen, ohne gleich an Tod und Verderben zu denken. Aber wie lange noch? Andere Flüsse dieser Welt sind so giftig, dass mit einer offenen Wunde darin zu baden, den baldigen Tod bedeutet. Also ist uns das wirklich so unbekannt?
Der vierte Engel posaunt. Ein Drittel von Sonne, Mond und Sternen wird weggesprengt, und Folglich fehlt ein Drittel Licht auf der Erde. Ist das nicht auch etwas, das wir kennen? Brände, die den Himmel verdunkeln, Atompilze, die aufblitzen und dann finstere Nacht und Asche auf das Land senken. Rauchsäulen, die aufsteigen und nicht mehr vom Dunst der Wolken zu unterscheiden sind. Smog, der durch die Städte kriecht und Menschen die Luft abschnürt. Kennen wir das wirklich nicht?
Der Punkt ist: keine ausgedachte, himmlische Strafgerichts-Apokalypse kann so übel sein wie das, was wir selbst verursachen und über uns bringen. In der Apokalypse steckt wenigstens noch die Hoffnung, dass ein gerechtes Gericht vor allem bösartige Menschen trifft und sie züchtigt und zurechtbringt. Wir selbst blasen unsere eigene Posaune des Untergangs und vernichten Unschuldige. Kein Gott und kein Dämon kann so grausam sein wie der Mensch, der seinen Bruder erwürgt. Das sind wir. So ist unser Herz. Also sagt nicht, wir hätten keine Apokalypse verdient.
Und doch, und doch… am Ende, wir werden es sehen, hat eben nicht die Vernichtung das letzte Wort.
Nach dem Waldbrand keimen bereits neue Blättchen aus dem Boden. Da, wo einst Blut und Feuer den Boden aufwühlte, wächst wieder saftiges Gras. Da, wo Gift die Fluten füllte, sitzt heute ein Angler und blinzelt in die Sonne. Das Leben und die Quelle des Lebens sind mächtig – mächtiger als unsere grausame Sucht nach Zerstörung. Es gibt Hoffnung. Aber dazu müssen wir etwas tun. Nämlich zuerst erkennen, dass wir selbst die Vernichtungsposaunen in den Händen halten und wir es immer schon waren, die sie fröhlich bliesen. Und dann in unserem kleinen Bereich anfangen, Leben zu säen, für das Leben zu sein, unsere kleinen und großen Vernichtungs-Posaunen gegen uns und andere aus den Händen legen und „Werkzeuge des Friedens“ aufnehmen.

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