Apokalypse ist jeden Tag XVIII

Apokalypse ist jeden Tag

XVIII

Heuschreckenalarm (Inspiration zum neunten Kapitel, Verse 1 bis 12 der Apokalypse des Johannes)

Was für ein außergewöhnliches Szenario uns Johannes doch mit dem Blasen der fünften Posaune vor Augen malt. Wie ein Meteor stürzt ein greller Stern in die Atmosphäre. Es zischt und glüht und am Ende stellt sich dieser fallende Stern als Engelwesen heraus, das einen Schlüssel zum Tor der Unterwelt bei sich trägt. Rauch schlägt hervor, nachdem er dieses Tor geöffnet hat. Dann kommen abermillionen Heuschrecken-Wesen aus der Erdspalte geschossen. Ein moderner Horror- oder Fantasyfilm hätte diese Dinger nicht besser gestalten können! Sie halten locker dem Vergleich mit all den Monsterwesen stand, die der „Witcher“ auf Netflix mit seinem Schwert wegmetzeln muss.

Frauenhaare, Löwenzähne, Menschengesichter, rasselnde Flügel, gepanzerte Körper, giftige Schwänze. Ernsthaft – wenn das kein Vorläufer-Modell für all das ist, was wir uns so gerne zur Unterhaltung in aufwendig gestalteten Games und Filmen reinziehen… Der Horror steckt schon immer in uns. Jeder mit nur einem Körnchen Vorstellungskraft kann sich schmerzhafte Schrecken aus dem finstersten Abgrund der Hölle ausmalen.

Doch machen wir kurz Halt. Erinnern wir uns. Wer hat eigentlich den Schlüssel zum Totenreich und zum Untergrund in seiner Hand? Christus ist es, der Johannes ganz am Anfang des Buches gesagt hat, er hätte diese Schlüsselgewalt. Was sagen uns die Evangelien kurz und knapp und was beten Christen bis heute in aller Welt in ihren Bekenntnissen? Dass dieser Christus in seinem Tode ins Totenreich eingedrungen ist und das Totenreich erobert, besiegt, überwunden hat und lebendig aus ihm hervorgegangen ist. Dieses Totenreich ist also längst unter der Gewalt des auferstandenen Christus. Warum also jetzt ein Geistwesen, das einen Schlüssel zur Unterwelt trägt und sämtliche Schrecken befreit?

Erinnern wir uns weiter zurück, finden wir Worte, die Jesus vor seinem Tod gesprochen hat: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz…“ Ist es nicht dasselbe Bild? Was bedeutet es denn, wenn Jesus den Feind, den Widersacher, das Böse vom Himmel fallen sieht? Es ist von seinem Thron gefallen und entmachtet. Es ist besiegt. Nichts anderes hat Jesus uns da prophetisch mitgeteilt. Nichts anderes als das letzte Aufbäumen und das endgültige Aus für das Böse und das Leiden malt uns auch der Apokalypsen-Schreiber vor Augen. Das ist wichtig zu wissen, weil wir uns sonst in den detaillierten Schrecken verlieren und meinen, sie hätten noch Macht über uns.

Daher nutzt der Schreiber ein altes Bild, wenn er sagt, dass diese seltsamen Skorpion-Heuschrecken keine Macht über die Versiegelten hätten (gemeint ist diese große Schar, die Gruppe der 144Tausend aus dem vorangegangenen Kreis der sieben Siegel). Es ist wie damals in Ägypten. Der Engel des Todes und der Unterwelt zog durch die Häuser und nahm Menschen mit sich. Nur die Häuser der Israeliten, deren Schwellen mit dem Blut des Passahlammes bestrichen waren, blieben von diesem Übel verschont. Es ist dasselbe Bild, dieselbe Botschaft. Das Böse tastet den nicht an, der sich an das Gute geheftet hat. Das Grauen kann dem nicht die Hoffnung nehmen, der weiß, dass es längst besiegt ist. Derjenige ist versiegelt, der Christus vertraut und nicht mehr vor der Gewalt des Todes zittert.

Es sind starke Bilder, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpfen. Aber es ist keine Zukunftsvision für irgendwann, dass Gott solche Skorpion-Heuschrecken auf die Menschheit loslässt, um sie zu strafen. Es ist das Böse, die Unterwelt und der Tod, die hier agieren – nicht Christus.

Ist es denn so unfassbar, dass frühere Menschen das, was unter der Scholle liegt und sich manchmal durch heiße Erdspalten oder Vulkane bemerkbar macht, mit einer schrecklichen Unterwelt des Todes und des Bösen in Verbindung gebracht haben und dieses Bild gerne verwendeten? Ist es nicht heute noch – obwohl wir alle naturwissenschaftlich gebildet sind – eine heftige Vorstellung, dass die Erdflecken, auf denen wir leben, uns gegenseitig abschlachten und begraben werden – im Grunde Inseln sind, die auf einem flüssigen See feuriger Lava schwimmen? Ist es denn weniger ehrfurchtgebietend, nur weil wir es heute näher beschreiben können?

Ist es so unfassbar, dass Feuer und Rauch aus der Erde sehr gerne mit Ereignissen wie Krieg und Seuchen in Verbindung gebracht wurden? Ein sogenannter Hauch der Pestilenz… Wenn der Apokalyptiker den Herrn der Unterwelt mit dem griechischen Götternamen Apollon verbindet – ein Gott, der gerne auch die Pest mit sich brachte – dann wissen wir doch, dass er hier nicht von guten Kräften redet. Das Böse schlummert unter unseren Füßen. Es ist besiegt, aber es bäumt sich noch auf. Und es trifft besonders diejenigen mit Todesfurcht ins Herz, die eben nicht versiegelt sind mit Vertrauen, Zuversicht und dem Festhalten am Guten.

Diese Bilder, ja Archetypen, reden zu uns. Sie sind aktuell. Wir haben sie geerbt. Sie mahnen uns noch heute. Sie kräftigen uns noch heute. Es sind die Bilder und Geschichten, die uns ausmachen und Trost geben, unsere Traumata verdeutlichen. Zahlen und Fakten sind wenig hilfreich im Umgang mit der Angst.

Lasst euch versiegeln gegen Todessehnsucht, Todesfurcht und Todesgewalt. Fürchtet euch nicht vor dem, was sich mit Grauen vor euch aufbäumt. Es ist doch längst besiegt. Wartet ab. Noch zwei Posaunen, dann zeigt sich erneut, dass der Kreis zum Ende kommt und der Frieden des Himmels einkehrt. Nur Geduld, die erste Wehe ist gekommen, weitere Wehen folgen. Aber es kann etwas Großes geboren werden.