Apokalypse ist jeden Tag XXII

Apokalypse ist jeden Tag

XXII

Rachegebet (Inspiration zum elften Kapitel, Verse 15 bis 19 der Apokalypse des Johannes)

Die Pause zwischen sechster und siebenter Posaune ist beendet. Die siebente Posaune wird endlich geblasen. Jetzt! Jetzt! Jetzt muss doch die Vergeltung kommen! Das Ende, die absolute Vernichtung, die schwärzeste Apokalypse…

Doch wieder werden die gespannten Hörer und Leser enttäuscht. Es geschieht zwar etwas mehr als beim siebenten Siegel, wo ja nur eine halbe Stunde Stille eintrat. Aber sehr viel mehr auch nicht. Es wird gebetet. Man kann sich wie bei der halben Stunde Stille vorstellen, dass eine dem Text folgende Gemeinde an dieser Stelle mitbetet, in das von Johannes niedergeschriebene Gebet der 24 Ältesten vor Gottes Thron (die wohl für die Gesamtheit der Gemeinde zu allen Zeiten und im Himmel und auf Erden stehen) einstimmen.

Bevor also die nächsten Offenbarungen verkündet werden, wird abermals innegehalten. Und was für ein Gebet das ist! Wir dürfen nicht vergessen, dass es keine Worte Gottes sind, sondern die Bitten und Anbetungen der Gläubigen.

Zunächst wird wie am Ende der sieben Siegel Gott als der eigentliche Herrscher und König über das Weltall gepriesen – im Gegensatz zu weltlicher, römischer Kaiser-Macht, die versucht, Menschenleben und die Erde zu zerstören.

Zweitens ist wichtig, dass der Zorn der Menschen, ihr übles Tun, zuerst da war. Danach erst bricht laut des Gebetes der Zorn Gottes über den Zorn der Menschen aus. Als Reaktion auf ein vorhandenes Übeltun.

Drittens wird noch einmal die große Hoffnung für das Ende der Zeiten ausgesprochen: dass die Leiden der Anständigen ins Gewicht fallen, dass Gutes zu tun entlohnt werden wird – und dass böse Menschen nicht ohne Konsequenzen davonkommen. In welcher Form das geschehen soll, bleibt offen. Es ist jedoch ein legitimes Bittgebet von Menschen, denen Unrecht widerfahren ist. Es steht ihnen zu.

Die „Vernichter der Erde“ sollen bitte vernichtet werden! Nicht die Unschuldigen sollen weiter leiden, sondern doch bitte die Verursacher des Leidens und der Vernichtung! Es ist ein gerechtfertigter Durst nach Gerechtigkeit. Der soll gestillt werden, hat Jesus in seiner berühmten Bergpredigt einst verheißen.

Wie nun sieht die Antwort Gottes aus? Der Himmel wird geöffnet. Nichts anderes bedeutet es, wenn dort steht, dass der Tempel im Himmel geöffnet wird und die Bundeslade sichtbar wird. Es bedeutet, dass man bis in das Tiefste des Allerheiligsten hineinsehen kann – etwas, das zu früheren Zeiten, als der irdische Tempel noch stand (wir erinnern uns – in den Versen davor wurde die Zerstörung Jerusalems und des Tempels angedeutet), nur einmal im Jahr der Hohepriester zu Gesicht bekam.

Gottes Antwort also auf all unseren Unsinn, auf Zerstörung, auf Tod, auf Leid, auf Gebete um Rache und Vergeltung und Wiedergutmachung ist – dass der Himmel geöffnet wird. Es ist eine große Einladung an alle in das Allerheiligste, in das Herz des Guten und der Herrlichkeit, ein Ruf an den verlorenen Sohn, nach Hause zurückzukehren.

Nicht das, was wir erwarten. Aber so ist es. Wo wären wir denn, wenn Gottes Antwort auf jede unserer üblen Taten sofortige Vernichtung ist? Keiner würde mehr existieren und keiner käme wohl ungeschoren davon. Stattdessen lädt er ein. Und das sollten wir annehmen. Die Chance zum Guten nutzen und andere zum Guten einladen. Das ist unsere Aufgabe, wenn wir unser Herz ausgeschüttet haben und all unsere verständlichen und notwendigen Rachegebete zu Ende gebetet haben.