Apokalypse ist jeden Tag
XXIII
Himmelskönigin (Inspiration zum zwölften Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Nachdem sieben Siegel und sieben Posaunen noch immer kein Ende des Kosmos herbeigerufen haben und damit auch kein Ende für alles Leiden und alle Verfolgung der Gerechten durch die Ungerechten, der Nachfolger des Christus durch das Römische Imperium, der Elenden in der Welt durch die Mächtigen und Reichen… werden wir aus diesen Kreisläufen noch einmal neu entrückt in ein weiteres Himmelstheater. Ein prophetisches Bild blitzt zwischen den dunklen Wolken auf und erstreckt sich zwischen alle Himmelskörper vor unseren erstaunten Augen.
Eine gebärende, fliehende Frau, ummantelt von der Sonne – der Herrlichkeit – unter den Füßen den Mond, auf dem Kopf zwölf Sterne.
Spätere christliche Tradition sah in der Frau, die Johannes dort beschreibt, Maria, die das Jesuskind gebar. Ganz Unrecht hatten die guten Mönche vielleicht nicht, die Geschichte von der Geburt des Messias spielt in jedem Fall mit hinein. Doch das Bild ist viel größer, welt- und geschichtsumfassender. Wir sehen einen uralten Vergleich, den viele Propheten anstellten. Israel als Frau, als Braut des einen Gottes. Ein ganzes gottesfürchtiges Volk als Weib zwischen Stärke und Verletzlichkeit.
Was für eine Frau ist das! Sie ist in heftigen Wehen und Schmerzen und bringt auf der Flucht und mit dem Tod auf ihren Versen ihr Kind zur Welt. Es gibt kein krasseres Bild als das einer Hochschwangeren – so schutzbedürftig und verletzlich –, die von Feinden mit dem Tod bedroht wird, während sie neues Leben zur Welt bringen will. Sie flieht und kämpft in der Wüste um dieses Leben. Sie bringt es tatsächlich zur Welt und in Sicherheit – gebiert den Sohn hinein in Gottes Schoß.
Ist es nicht so, dass Israel über Jahrhunderte hinweg gelitten hat, an sich selbst, an äußeren Feinden, an seinem Gott? Unter Schmerzen haben sie diesen Gott zur Welt gebracht. Ihre Geburtswehen sind eingefangen in den prophetischen Schriften der gesamten Bibel. Sie sind eingefangen in den Psalm-Gebeten. Ein Geschenk an die Welt, die unendlichen Trost aus den erlittenen Kämpfen dieses Volkes zieht.
Nur dieses Israel, das diesen Gott durchlitten und in die Welt hinein gelitten hat, konnte einen Messias hervorbringen. Einen Jesus, der an sich selbst all dieses Erlittene durchlebte und erfüllte, nur um am Kreuz durch die Hand der Römer zu sterben. Einen Jesus, der in der Wüste dieser Welt aufrief, diesen Gott und diese Menschen, die dieser Gott geformt hatte, zu lieben – selbst wenn sie einen verfolgen und töten wollen.
Das ist es, was dieses Bild uns gibt.
Und wieder hören wir von einem Kampf zwischen Engeln und dass der Satan aus dem Himmel stürzte. Dieses Mal hören wir auch das Triumphlied – gerade durch das erlittene Übel wurde das Übel überwunden und besiegt. Wer kann das erfassen? Man kann es nicht erfassen, sondern nur davon erfasst werden. Dann kann man einstimmen in das hoffnungsvolle Lied der verfolgten Christen der ersten Stunde, die das Wüten des Satans durch die Schergen eines vergötzten Kaiserreiches erlebten – und trotzdem daran glaubten, dass durch das Leben, Sterben und Auferstehen des Christus eben dieses Böse bereits besiegt ist und auf dieser Welt nur noch eine kurze Zeit hat, Unruhe zu stiften.
Alle, die an einem guten Gott und am Guten festhalten im Angesicht des Bösen – sie sind wie die Frau, die unter Schmerzen und Todesangst und Verfolgung in der Wüste ihr Kind zur Welt bringt. Das ist das Leben. Es bricht durch und vollendet sich. Der Sieg ist bereits errungen, auch wenn das Dunkle noch toben will.
Der Drache, der die Frau verfolgt, ist das in weltlicher Macht geronnene Böse, das sich gegen die Schwachen wendet. Die Frau wird diesem Drachen entkommen. Wir werden diesem Drachen entkommen. Es wird ihm nicht gelingen, den ganzen Kosmos zu verschlingen, solange wir am Guten festhalten und immerfort unseren Gott der Barmherzigkeit in diese Welt hineingebären.

Hinterlasse einen Kommentar