Apokalypse ist jeden Tag
XXIV
Tiere (Inspiration zum dreizehnten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Das Tier – unschwer zu erkennen, dass damit der Teufel oder Satan, oder wie immer man das personifizierte Böse bezeichnen mag, gemeint ist. Es steht nach seinem Fall aus dem Himmel, also nach seiner Entmachtung wie schon Jesus sie prophetisch ausgesprochen hat („Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“) am Ufer des Meeres. Das Meer ist das Völkermeer. Ebenso wie viele andere Bilder der Apokalypse ein altbekannter prophetischer Vergleich. All die Nationen verschiedener Sprache und Kultur wogen durch die Welt und die Zeitalter wie ein unendliches Meer, dessen Wellen kommen und gehen. Mal hat das eine Volk die Oberhand und mal das andere.
Der Satan also steht am Ufer dieses Völkermeeres und aus dieser Menge steigt einer empor. Das Tier, das Biest, der Antichrist. Wir müssen verstehen, dass dieses Tier weder ein mythologisches Wesen ist noch ein Monstrum, das irgendwann die Welt verschlingen wird wie die Midgardschlange oder der Fenriswolf. Das Tier ist ein Spottbild. Eben ein Antichristus – das exakte, auf die Spitze getriebene Gegenbild zu dem Christus, der die Welt mit sich versöhnt und sie heilt und rettet.
Die Beschreibung des Tieres ähnelt der Beschreibung der Tiere, die im Buch Daniel aufgezeichnet sind. Sie verkörpern aufsteigende Imperien und deren Herrscher. Es ist ein Panther – schnell und flink hat das römische Reich sich ausgebreitet und herrscht über den größten Teil der bekannten Welt. Es ist ein Bär. Er ist stark und ausdauernd. Es ist ein Löwe. Mit seiner Kriegsmaschinerie zermalmt Rom die Völker. Die Welt staunt darüber – bis heute. Dieses Imperium ist Inbegriff krassester weltlicher Macht und Gewalt. Kaum eine Herrschaft war grausamer und umfassender.
Schließlich steigen wir mit Johannes tief hinab in die Abgründe korrumpierter Macht. Ihre Verzahnung von Religion und Gewalt garantiert ein Ausmaß von Kontrolle und Vereinnahmung, das anders nicht möglich wäre. Vergotte den Herrscher, dann betet das Volk ihn an und die Macht ist gesichert. Es ist ein uraltes System, das bis heute wirksam ist. Amerikanische Präsidenten rechtfertigen Kriege mit göttlicher Sendung. Islamistische Gruppen rechtfertigen Kriege mit dem Auftrag Gottes im Koran. Putin und Kyrill rechtfertigen Krieg mit der Verteidigung und Wiederherstellung eines orthodoxen Großreiches. Die Verschmelzung von weltlicher und religiöser Macht ist immer – satanisch. Solche Herrschaft ist immer anti-christlich, anti-göttlich, weil sie anti-menschlich ist. Weil sie Menschen verfolgt und verschlingt, um die eigene Macht zu erhalten. Sie ist das doppelte Tier aus dem Meer und aus der Erde.
Denn nachdem der vergottete Kaiser die Macht vom Bösen erhalten hat, springt ihm ein zweites Tier zur Seite und rechtfertigt mit religiösem Budenzauber die Vergottung des Menschen. Statuen werden aufgerichtet, Menschen dazu gezwungen, sie anzubeten. Die Statuen werden zum Reden gebracht. Tatsächlich ist bekannt, dass es in den Tempeln trickreiche Leute gab, die mit mechanischen Instrumenten Leben in Götterstatuen bringen konnten. Scharlatanerie hat Hochkunjunktur in solchen Imperien.
Feuer lässt das Tier auf die Erde regnen – Zeichen seiner Macht und seines Vernichtungswillens, wenn ihm nicht die ganze Welt gehorchen will. Was anderes als Feuer vom Himmel sind den Bomben und Raketen, wenn diplomatische Argumente ausgehen?
Ist es nicht so, dass Jakobus und Johannes einmal Jesus danach fragten, ob er nicht wolle, dass Feuer vom Himmel auf das Dorf falle, das ihnen keine Herberge gab? Jesus weist seine Jünger auf das schärfste zurecht. Das ist nicht die Herrschaft des Himmels. Das ist die Herrschaft des Bösen und der weltlichen Imperien. Das ist Rom, nicht das Reich der Himmel. An kaum einer anderen Stelle hat Jesus seine Jünger schärfer ermahnt. Er ermahnt auch uns.
Politik und Religion als Geschwisterpaar bedeutet immer Vernichtung. Wir sollten uns hüten vor Machtfantasien. Wie viele liebenswürdige Christenmenschen gibt es, die sich wünschen, dass wir eine „christliche“ Regierung hätten. Wünscht es euch nicht! Denn das Reich Gottes ist fern von solchen Imperien. Es wächst klein auf mitten unter denen, die kein Feuer vom Himmel werfen, sondern einander lieben und helfen. Mehr Macht steht uns nicht zu.
Ob nun Kaiser Nero mit der Zahl 666 gemeint ist oder welcher Herrscher auch immer… es ist müßig darüber nachzudenken. Die Leser und Hörer von damals wussten, wer gemeint war. Für sie war es Hinweis und Trost genug. Doch das Bild der finsteren Verbrüderung von Gewalt und religiösem Eifer – das ist uns geblieben und wir können es im Völkermeer durch alle Zeiten wiedererkennen. Wir brauchen nicht auf den Antichristen warten. Das wurde uns nie gesagt. Der ist immer unter uns und wohnt auch in unserem Herzen, wo wir Feuer statt Frieden wünschen.
Wir warten auf Christus. Auf Frieden. Auf Zeichen der Liebe und Hoffnung. Wir leben Auferstehung. Das ist unsere tägliche Apokalypse. Vernichtung ist nicht unser Ziel. Das übernehmen die beiden Tiere, immer wieder, bis wir verstanden haben, dass das Heil der Welt jenseits des Auf und Ab und des Für und Wider der Völkermeere liegt.

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