Apokalypse ist jeden Tag
XXV
Ernte (Inspiration zum vierzehnten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Gerade dieses Kapitel der Apokalypse zeigt uns noch einmal, dass hier Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges miteinander verschmelzen. Dass irdische Ereignisse und Wirklichkeiten und himmlische Bilder ineinander übergehen. Dass mit den stärksten Gegensätzen gearbeitet wird, um eine Botschaft des Trostes und des Durchhaltens zu vermitteln. Wir können und dürfen daraus kein Gesetz und keine konkreten Vorhersagen ableiten.
Es ist die unmittelbare Gegenwärtigkeit des fantastischen Textes, die uns treffen soll, in einem Hier und Jetzt, das für die Leser und Hörer damals Lebenswirklichkeit war. Nur in Grenzen ist es übertragbar. Aber inneres Fühlen und äußeres Leiden spricht das Panorama der Apokalypse überzeitlich an. Es berührt uns da, wo unsere Träume und Ängste wohnen, wo unser Menschsein leidet, hofft und sehnt. Das darf der Text, wenn wir es zulassen und ihm nicht unseren Willen zur Macht aufzwingen.
Wenn wir wissen, dass Menschen, die dem vergöttlichten Kaiser keine Opfer darbrachten, von der Gesellschaft ausgeschlossen waren, dann verstehen wir besser, was hier beschrieben ist. Dann verstehen wir die Not der ersten Christen, ihre innere und äußere Not. Dann verstehen wir die dringlichen Aufrufe zum Durchhalten, die Verheißung von himmlischem Lohn und das Sehnen nach dem Eingreifen des wahren Gottes, der den Erdkreis und den ganzen Kosmos erschaffen hat. Diese Wünsche sind legitim für solche, die leiden.
Für solche, die alles haben und nur meinen, sie würden leiden, weil man ihnen widerspricht oder nicht das gleiche denkt und fühlt wie sie – für solche ist der Text nicht gedacht. Doch von ihnen wird er missbraucht. Die Rache soll kommen für alle, die nicht glauben und denken und fühlen und wissen wie ich!
Augustus, der sich selbst „Sohn des Vergöttlichten“ nannte, regierte zur Zeit von Jesu Geburt. Sohn Gottes nannte sich der Nazarener und bestieg keinen Thron. Er ist der Anti-Kaiser. Wir müssen tief hinein in dieses Bild des Christus, um die Apokalypse als Trost zu verstehen und nicht als Racheplan. Jesus ist der König, der sich schlagen, treten, bespucken und schlachten lässt. Jesus ist der König, der den Hunger und die Nacktheit und den Schmerz kennt. Jesus ist der, der das Menschsein kennt. Daher und deshalb ist er wahrhaft göttlich. Weil er uns in uns begegnet. Weil er radikal anders ist als die Macht, die wir so gerne anbeten, weil wir uns erhoffen, dass herrschende Gewalt uns geben wird, wonach wir verlangen, wenn wir sie nur genug anbeten und zu ihren Bedingungen leben.
Dieser Christus thront im vierzehnten Kapitel der Offenbarung inmitten von sechs Engeln, die die Botschaft von Gottes Erschaffung der Welt und von Gottes „Abernten“ und Richten der Welt ausrufen. Er ist golden umkränzt. Er ist gekrönt wie die römischen Kaiser. Er ist der wahre Kaiser und seine Herrschaft wird kommen. Eine Herrschaft, ganz anders als die der Kaiser auf Erden.
Selbstverständlich leiden die, die irdische Macht anbeten, wenn diese Macht fällt. Und fallen wird sie! Wie zu allen Zeiten und immer wieder. Und wer mit dieser Macht verbunden war, der wird „abgeerntet“. Das ist eine natürliche Folge dessen, dass Einfluss, Macht und Reichtum nun einmal nicht ewig sind.
Allein, wer Gutes tut und gut lebt – sich darum bemüht, diesem ganz anderen Kaiser nachzufolgen – denn nichts anderes bedeutet Nachfolgen, als „gut“ zu sein und Gutes zu tun. Solch ein Mensch ist „jungfräulich“ wie der Text es beschreibt – nicht in dem Sinne, dass er niemals Verkehr gehabt hätte. Das ist nicht gemeint. Sondern in dem Sinne, dass er frei ist vom korrumpierenden Einfluss irdischen Strebens nach Macht, Geltung und Einfluss. Frei wie Jesus, der umherziehende Prediger. Frei wie Jesus am Kreuz. Frei wie Jesus im Grab. Frei wie Jesus in der Auferstehung. Frei zu leiden und zu lieben. Das wird belohnt werden, so verspricht es der Text mit himmlischen Bildern. Darauf hoffen alle, die sich bemühen, gut zu sein.
Wenn wir so tief einsteigen in das Königtum des Gekreuzigten, dass wir verstehen, göttlich sein bedeutet: menschlich sein, wahrhaft menschlich, mitmenschlich, nächstenliebend, machtverachtend, alles-umfassend liebend – dann begreifen wir etwas von der Botschaft dieses gewaltigen Buches. Nur dann, wenn wir unseren eigenen Durst nach Rache und Macht überwinden. Das ist schwer, aber es ist der einzig göttliche, weil menschliche Weg.

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