Apokalypse ist jeden Tag
XXVI
Das endgültige Ende? (Inspiration zum fünfzehnten und sechzehnten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Mehr denn je gelten für die Kapitel fünfzehn und sechzehn der Apokalypse die Dinge, die für das ganze Buch gelten:
1. Wer keinerlei Kenntnis der Schriften des Alten Testamentes, insbesondere der Bücher 2. Mose und der Propheten, hat, wird diese Texte immer missverstehen, missbrauchen und mit einem Herzen voller Angst lesen. Es werden alte Bilder von Gericht, Gerechtigkeit und Vollendung von Heil und Frieden verwendet. Sie sind universell, sie sind im Fleisch und in der Seele der Menschheit als Erfahrung, Befürchtung und Hoffnung tief eingebettet.
2. Wir wechseln abermals die Perspektive zwischen himmlischer Dimension und Geschehnissen auf der Erde. Beides geht ineinander über, trennt sich auf, vermischt sich wieder, ergänzt einander, tritt aber auch in einen Gegensatz zueinander. Mit diesem Wechsel und der Gleichzeitigkeit muss man zurechtkommen, es hinnehmen, ohne eine feste Gleichung und Gesetze zeitlicher Abläufe daraus machen zu wollen.
3. Der Zorn Gottes kommt zum „Ziel“ heißt es. Aber wie schon bei den sieben Siegeln und bei den sieben Posaunen ist der Kreis der sieben Zornesschalen ein offener Kreis, der den Kosmos nicht verschlingt, obwohl es so angekündigt wird und die Plagen fürchterlich erscheinen. Dieser offene Kreis mündet in die letzten, abschließenden Kapitel der Apokalypse, die dann ein vollständigeres Bild zu zeichnen suchen.
Es ist wieder nicht Christus, es sind die vier Wesen, die an die mit Augen übersäten Engelsgestalten aus Hesekiel erinnern, und sieben Tempelengel, die das Gericht vollziehen. Die lobende und singende Menge sind immer noch die 144 Tausend. Es bleibt dieselbe Masse erlöster, gläubiger Märtyrer, in den Himmel entrückt und Zeuge der Geschehnisse. Sie singen das Lied des Mose und das Lied des Lammes.
Spätestens hier sollte dem aufmerksamen Leser oder Hörer aufgehen, dass mit der Menge der Erwählten eine gemeint ist, die nicht nur aus den jüngsten Christusnachfolgern besteht, sondern auch aus denen vor der Zeit des auf Erden wandelnden Christus. Es geht um alle Gerechten und Aufrechten und durch Ungerechtigkeit Verfolgten aus allen Zeitaltern. Sie sehnen sich wieder einmal nach Genugtuung und danach, dass das an ihnen geschehene Böse nicht ungestraft gelassen wird. Es ist ein biblischer Wunsch, ein biblisches Bild, das wir akzeptieren müssen, denn es ist der Spiegel unseres Herzens, das sich danach sehnt, Gutes belohnt und Schlechtes vergolten zu sehen. Es ist urmenschlich und ein gerechter Wunsch in einer bösen Welt.
Bemerkenswert ist, dass der Rauch Gottes den Tempel im Himmel füllt und niemand ihn betreten kann. Eine Andeutung auf die Tempeleinweihung durch Salomo, bei der die Wolke der Herrlichkeit Gottes sichtbar auf den Tempel niederging und niemand diese Herrlichkeit betreten konnte, ohne zu sterben. Oder wie jener Rauch auf dem Gipfel des Sinai. Aber riss nicht beim Tod des Christus der Vorhang im Tempel entzwei? Ist nicht der Zugang zum Herrlichen frei für alle, die es wollen?
Das eben ist der Punkt. Der Zugang zum Guten ist immer frei. Aber nur für die, die das Gute auch wollen. Denn als die sieben Schalen des Zornes nacheinander ausgegossen werden – und dieses Mal geht es sehr schnell, beinahe hektisch, ohne ein Zwischenstück oder eine Pause vor der letzten Schale – wird betont, dass die Menschen leiden, aber sie lästern und fluchen und kehren nicht um. Sie bleiben bei ihrem bösen Tun. Darum bleibt der Tempel für sie wohl verschlossen, obwohl er laut Text im Himmel gerade erst geöffnet wurde.
Es ist dieses Wogen zwischen der absoluten Offenheit Gottes und seiner Herrlichkeit und der absoluten Verschlossenheit einiger Menschen gegen alles, was gut und richtig ist. Ein Zustand, den wir in dieser Welt aushalten müssen und den wir so gerne durch Schalen voll mit dem Zorn Gottes beseitigt sehen wollen. Allein – dieser ausgegossene Zorn beseitigt das Böse nicht, es verstärkt ihn. Man möchte wie Jesus sagen: wer Ohren hat zu hören, der höre!
Die Plagen erinnern noch einmal viel stärker an jene aus dem Buch Exodus, die über den Pharao und sein Volk gekommen sind. Es ist ein ewiges Gesetz: der Mensch sehnt sich nach Zorn, aber der Zorn wird den Menschen nicht bessern. Darum bleibt der Kreis offen, darum vollendet sich der „Zorn Gottes“ immer noch nicht, obwohl es doch so angekündigt wurde. Ein Cliffhanger nach dem anderen wird hier von Johannes aufgeschrieben und wir werden in der Schwebe gehalten.
Wird der Kosmos doch noch enden? Wird der Mensch sich doch noch zum Guten bekehren? Wird das Reich der Herrlichkeit und des Friedens kommen? Wie kann man die radikale Offenheit Gottes mit dem Zorn und dem Sehnen nach Gerechtigkeit überein bringen? Dazu brauchen wir eine Ewigkeit und Ewigkeiten, um dieses Rätsel aufzulösen. Oder auch nur ein offenes Herz, das verletzlich ist, manchmal zornig und sich trotzdem immer nach dem Guten und dem Schönen sehnt. Vielleicht genügt das ja. Vielleicht ist das die einzige Rettung in dunklen Zeiten. Ein Herz, das wütend sein kann, aber immer offen bleibt.

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