Apokalypse ist jeden Tag
XXVII
Treulosigkeit (Inspiration zum siebzehnten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Die Tendenz weiter Teile des Christentums, alles Erschaffene mit einem Schleier der Bösartigkeit behangen zu sehen und einzig das Nichtgreifbare und Vergeistigte als Reich der Wahrheit und des Redens Gottes zu nehmen, hat zu den seltsamsten Auslegungen der Schrift geführt. Hat dazu geführt, dass manchmal schon der Akt selbst als Sünde gesehen wurde und insbesondere die Frau als ein Gefäß für Schmutz und Schuld. Dabei schuf Gott sie doch als Mann und Frau und gebot ihnen, sich einander zu nähern und sich zu lieben und zu ergänzen. Was also ist Hurerei in der Schrift? Was bedeutet es, wenn sie als eines der letzten, großen Bilder der Apokalypse vor uns auftaucht?
Die große Hure Babylon auf dem Tier mit den vielen Köpfen und Hörnern. Es ist müßig, heute noch nachvollziehen zu wollen, welche römischen Kaiser in welcher Reihenfolge damit wohl gemeint waren. Das ist jedoch nicht wichtig, um das Bild als solches zu sehen und eine Deutung zu versuchen.
Hurerei ist eigentlich nicht einmal der Akt mit einer Frau, die dafür bezahlt wird. Hurerei betrifft Männer und Frauen und bedeutet eigentlich, dass der Akt außerhalb einer verbindlichen Beziehung gesucht wird, die man eingegangen ist. Hurerei ist ein Treuebruch am anderen. Übertragen ein Treuebruch des Gottesvolkes an seinem Gott, wenn sie anderen Göttern nachlaufen. Das ist das prophetische Bild.
Und wenn wir – wie es eigentlich alle Ausleger und Wissenschaftler bei Verstand tun – annehmen, dass mit der Hure Babylon die Stadt und das Reich Rom gemeint sind, ergibt sich ein ganz anderes Bild als das einer der armen Frauenseelen, die aus Not ihren Körper darbieten müssen… Rom war immer anstößig für die, die nur einem Gott anhingen. Rom, das sich selbst und seine Herrscher vergottete und es zu einem Grundprinzip seiner Machterhaltung werden ließ, dass jeder dieses vergottete Gefüge anzubeten hatte. Rom, das rücksichtslos mordete, richtete, kreuzigte und bekriegte, was sich nicht einfügen wollte. Welches „hurerische“ Reich tat und tut das nicht bis heute?
Rom war mächtig und reich und selbstverständlich „hurten“ alle Völker mit dieser Herrschaft, denn der Handel und Aussicht auf Wohlstand und Gewinn sind stets verlockend. Die vielen Wasser, also die vielen Völker, sind abhängig von Rom. Sie huren mit diesem Gefüge. Mit wem huren wir, um unseren Wohlstand zu erhalten? Mit wem haben die Mächtigen in den letzten Jahrzehnten „gehurt“, um Ressourcen und Kapital zu mehren? Natürlich alles zum Wohle des Gemeinwesens. Immer. Und doch wird die Göttin Roma, wird die Hure Babylon auf den sieben Hügeln nicht ewig Bestand haben, selbst wenn man sie eine ewige Stadt nennt.
Aus dem Osten drängen die Völker heran. Es gab die Legende, dass Nero wieder aufersteht und zur Vernichtung Roms fremde Heerscharen anführen würde. Der Antichrist, das Gegenbild des gestorbenen und auferstandenen Christus, der sein Friedensreich aufrichtet, wo Herzen an seiner Botschaft hängen und ihr folgen. Ein auferstandener Nero würde nur Vernichtung bringen. Das ahnte man, das fürchtete man, das sehnte man herbei – je nach Perspektive.
Natürlich ist nichts von alledem genau so passiert und es wird auch niemals so geschehen, selbst wenn in jedem Jahrzehnt neue Endzeitprediger auftreten und einen neuen Antichristen bezeichnen. Was jedoch geschehen ist: Rom ging unter und es gab Krieg und Seuchen und Hunger und wirtschaftliche Krisen – das alles zeichnete sich zu Zeiten des Johannes bereits ab. Auch für uns zeichnen sich Krisen ab und Kriege und Zerstörung.
Aber es ist nicht das Ende. Das war es nie. Es ist ein beständiges Kreisen. Das ist es, was dieses Buch mit uns macht, es schickt uns noch einmal in einen letzten Kreis. Nun sind es keine Siegel mehr und keine Posaunen und keine Zornesschalen, sondern große Bilder, die den Istzustand rätselhaft umschreiben, eine Deutung in Richtung einer düsteren Zukunft für die, die der Hure anhängen, versuchen und eine Deutung in Richtung einer hellen Zukunft für die, die treu bleiben, sich vom Schmuck der „Hurerei“ und von aufgeblähten Wohlstandsfantasien nicht blenden lassen.
Lassen wir uns dazu hinreißen, in rachedurstigen Endzeitfantasien zu schwelgen? Lassen wir uns dazu hinreißen, alle Hoffnung auf das Gute und Schöne aufzugeben? Lassen wir uns dazu hinreißen, Macht und Reichtum und Einfluss zu vergotten und anzubeten? Lassen wir uns mitreißen vom Strudel des Grauens?
Oder lassen wir zu, dass uns diese Bilder im Inneren anrühren und daran erinnern, dass alle Machtgefüge anfällig, hinfällig und endlich sind? Dass die Sehnsucht der Menschheit nach dem Guten und Schönen dennoch nicht sterben wird. Dass es oft ein schlimmes Ende nimmt, aber ein Anfang für etwas Neues möglich ist, was vielleicht ein Stückchen weniger mit „Hurerei“ zu schaffen hat, sondern die Menschen dazu bringt, ihre Herzen treu zu machen. Treu, nach Güte und Schönheit zu streben – und das nicht als Geschmacksfrage, sondern als liebevolles Tasten nach dem, was uns und anderen wohltut, ohne die Wohltat selbst zu vergöttlichen.

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