Apokalypse ist jeden Tag XXXI

Apokalypse ist jeden Tag

XXXI

Sieg über das Böse (Inspiration zum zwanzigsten Kapitel der Apokalypse des Johannes)

Das zwanzigste Kapitel der Apokalypse hat wohl am meisten Verwirrung unter den frommen Lesern aller Zeiten gestiftet. Wir finden hier die abenteuerlichste Mischung aus antiken Vorstellungen vom Totenreich, ersten christlichen Ideen davon, was mit den Toten passiert, bis der Christus wiederkehrt und den Gedanken der Auferstehung, verschränkt mit einem gerechten Gericht über Lebende und Tote, wie es sich auch noch im Glaubensbekenntnis wiederfindet, das von fast allen Denominationen bis heute gesprochen wird.

„Er wird wiederkehren, zu richten die Lebenden und die Toten“ und „Ich glaube an die Auferstehung“. Diese beiden Glaubenssätze sind so eng miteinander verzahnt, dass kaum ein Gläubiger sie wirklich zu unterscheiden vermag. Diejenigen, die es versuchen und dazu das zwanzigste Kapitel der Offenbarung zu Hilfe nehmen, müssen unweigerlich noch mehr verwirrt werden oder zu den verrücktesten Theorien kommen, was in regelmäßigen Abständen auch passiert und einige fromme Kreise in helle Aufregung versetzt.

Es hat seinen Grund, dass Auferstehung, Gericht und Ewiges Leben als Bekenntnisse von den Kirchenvätern sehr einfach gehalten wurden und ohne weitere Erklärung hergebetet werden. Denn die Naherwartung trat nicht ein. Noch der Schreiber der Apokalypse dachte, dass Christus sehr bald und leibhaftig wiederkehren würde, doch bereits zu diesem Zeitpunkt zog sich das Warten schon etwas hin. Man brauchte Erklärungen und Hoffnungen und Deutungen dafür, dass

– das Böse weiterhin herrschte, obwohl die Anhänger Jesu sich vermehrten

– Jesu Wiederkehr noch nicht eingetreten war

– bereits viele Jesus-Anhänger gestorben waren, ohne eine Auferstehung zu erleben

– es den Bösen und Mächtigen weiterhin so gut erging, obwohl sie doch offensichtlich ein Gericht verdient hatten

– all die Krisen der Zeit sowohl Gläubige als auch Nicht-Gläubige trafen

– die Apostel von Auferstehung und Gericht gesprochen hatten, aber nichts Konkretes zu sehen und zu erleben war

– Jesus selbst von seiner Wiederkehr gesprochen hatte, von Auferstehung, von Gericht, von Gottes Reich – und niemand eigentlich wusste, wie irdisch oder wie vergeistigt das alles gemeint ist…

Das sind Fragen, die uns bis heute begleiten!

Das Spannungsfeld von Naherwartung und der Ahnung, dass manche Dinge wohl doch sehr irdisch sind oder in der Zukunft liegen müssen, zeigt sich besonders in diesem Kapitel der Apokalypse. So finden wir hier zwei Auferstehungen, die zeitlich weit voneinander getrennt werden, wo sie noch bei Paulus nur von der Art her getrennt waren.

Die Auferstehung der Gläubigen: besonders – denn es gab zu Anfang der Christenheit viele von ihnen – die Märtyrer galten als eine Klasse von Menschen, die ohne weiteres Gericht eine Auferstehung hinein in Gottes Herrlichkeit und Herrschaft verdient haben. Sie hatten wie Christus selbst ihr Leben gegeben, näher konnte man dem Ideal nicht kommen. Und alle, die trotz größter Widrigkeiten an der Nachfolge Jesu festgehalten haben.

Sie stehen aus dem Totenreich auf. Nun muss man wissen, dass in der antiken Vorstellung das Totenreich eines der Schatten und Geister war. Die Seelen existierten noch, aber hatten keinen Anteil an irgendetwas. Erst sehr viel später verfestigte sich die Zuversicht, dass die Toten gleich in die Hand Gottes gelangen – wie auch immer man sich das vorstellen mag – weil Jesus das Totenreich durch seine eigene Auferstehung besiegt hatte. Manche Christen halten bis heute daran fest, dass die Toten eigentlich gar nicht existieren bis sie wieder fleischlich erwachen oder es immer noch ein Reich der Schatten gibt, das erst mit der konkreten Auferstehung aufgelöst wird. Hier liegt der Keim für unzählige Ideen und Überzeugungen und Meinungen.

Da die heiligen Toten etwas besonderes sind, trennt Johannes sie hier nicht nur nach der Art von den anderen Toten, sondern auch zeitlich. Die Erde mit ihrer Herrschaft muss aufgehört haben in der bekannten Weise zu existieren und zu funktionieren. Die gläubigen Toten werden lebendig und regieren 1000 Jahre ein großes, weltumspannendes Reich des Friedens. Einige stehen auf ihrer Seite, andere Menschen werden mit diesem Gottesreich nicht einverstanden sein. Diese Herrschaft ist aber nur möglich, wenn der Satan in dieser Zeit keine Macht hat, weshalb er von einem Engel gefesselt und im Abgrund festgehalten wird.

Erst als der Satan wieder freigelassen wird, bricht der Krieg erneut aus, der letzte und endgültige Krieg – zwischen den herrschenden, heiligen Auferstandenen und den Völkern, die sich ihnen nicht unterordnen wollen. Entschieden wird der Kampf durch Feuer vom Himmel. Die Heiligen selbst führen keinen Krieg mehr.

Dann erst steht die zweite Klasse Toter auf. Diese müssen durch das Gericht. Sie werden anhand ihrer Taten beurteilt und dürfen also entweder zum endgültigen Reich Gottes gehören oder müssen draußen bleiben. Das Buch des Lebens wird aufgeschlagen und darin geforscht, ob einer aufgeschrieben steht oder nicht.

Interessant ist hier, dass offengelassen wird, wer genau in diesem geheimnisvollen Buch steht. Scheinbar spielt die Zugehörigkeit zu einem Stamm rechtgläubiger Christenmenschen keine so große Rolle wie sie das heute für so manche Fundamentalisten tut. Die Taten sind wichtig. Jeder Mensch wird danach beurteilt, wie er gehandelt hat, ob er ein guter Mensch war. Die Grenzen verschwimmen plötzlich wieder – beide Klassen der Auferstandenen gehen ineinander über. Wer weiß? Vielleicht stehen ALLE im Buch des Lebens? Weil sie eben alle dort stehen sollten und jeder Mensch sich zutiefst nach dem Guten und dem Frieden sehnt. Die Frage ist, ob der einzelne Mensch sich dazu entscheidet, den Weg des Guten und des Friedens zu gehen, hinein in das Reich der Himmel, das so anders ist als alle tausendjährigen Reiche, die wir Menschen immer wieder aufrichten wollen.

Ist das Tausendjährige Reich also nur ein Bild der Unterscheidung und weniger ein Herrschaftskonzept? Wer sah sich im Laufe der Geschichte nicht alles in dem Recht, ein solches Reich zu errichten! Keines davon hat 1000 Jahre überdauert. Das wird auch nie geschehen, solange der Feind, die Schlange, der Drache, der Satan noch Einfluss hat. Es deutet sich an, was wir alle ahnen: Kein Engel kann den Satan im Abgrund unserer Herzen auf ewig festbinden – er wird immer wieder nach oben zu kommen suchen, um Unfrieden zu stiften.

Es spielt keine Rolle, ob wir an einen Himmel auf Erden glauben oder an ein personifiziertes Böses, das sich Teufel oder Satan nennt. Das Prinzip bleibt das Gleiche: wenn wir das Übel in unserem Herzen nicht besiegen, dann kommt es aus der Tiefe und frisst alles Gute, das wir im Äußeren aufgebaut haben. Das ist der letzte und eigentliche Kampf. Erst dann wird alles neu und der Himmel umfasst Alles und Jeden.

Auferstehung und Gericht hin oder her – was uns das zwanzigste Kapitel vermittelt ist, dass der eigentliche, letzte Kampf gegen das Urböse und die Todesnot geht – und erst wenn das besiegt ist, kehrt das Himmelreich ein.