Apokalypse ist jeden Tag
XXXII
Heilige Stadt (Inspiration zum einundzwanzigsten Kapitel und zweiundzwanzigsten Kapitel, Verse eins bis fünf der Apokalypse des Johannes)
Die Vision des Johannes hat uns einen weiten Weg geführt, bis der Sieg über die herrschenden Mächte und das Böse errungen war. Im vorletzten Kapitel wird der endgültige Sieg über den allerletzten Feind des Menschen beschrieben. Dieser Feind ist die Folge des Sündenfalls gewesen, aus dem all die Irrwege des Menschen kamen, all das Streben nach Macht und Kontrolle und Selbstvergottung. Es geht um den Tod. Besiegt wird das Leiden und Sterben, indem die gefallene Schöpfung erneuert wird. Es gibt plötzlich einen neuen Himmel und eine neue Erde, möglich geworden durch die Beseitigung alles Ur-bösen.
Noch knapper und geheimnisvoller als der Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel wird hier in nur einem Vers mitgeteilt, dass eine neue Erde und ein neuer Himmel da sind. Das Meer ist verschwunden. Sinnbildlich steht das Meer für Chaos und seine Tiefe für Bedrohung, manchmal ist auch das Meer der unterschiedlichen Völker auf Erden gemeint, das aufgeregt hin und her wogt und sich aneinander in Kriegen zerreibt. All das gibt es nicht mehr.
Das vollkommene, himmlische, ewige Jerusalem senkt sich aus Gottes Dimension herab ins Irdische. Wieder verschwimmen die Grenzen dessen, was von Johannes geschildert wird. Das Neue Jerusalem ist Vieles. Es ist die Neue Schöpfung, es ist Heiligtum, es ist Volk Gottes. Und das Volk Gottes besteht jetzt aus allen Völkern – sie sind befriedet und eins in Gott. Gott ist, wie schon von den Propheten des Alten Testamentes verheißen, nicht nur mehr der Gott Israels, sondern der Gott von Völkern. Von allen.
Ein sanfter Vater ist dieser Gott des vorletzten Kapitels. Er wischt die Tränen ab und tröstet. Er ist eine Mutter für seine Kinder. Alles Leiden hat ein Ende, denn die alte Welt mit ihren Schrecken ist vergangen. Wie am Anfang des Buches tritt Gott auf als das Alpha und das Omega. Das Lamm und der Vater verschmelzen hier noch viel mehr zur Gottheit, die ihren Menschen an die Brust zieht und „Sohn“ nennt. Gott ist Anfangspunkt und Vollendung, Alles in Allem. Das Wasser des Lebens, das Leben selbst ist ein kostenfreies Geschenk, das dieser Gott großzügig vergibt.
Ein letzter Schatten schleicht sich in dieses tröstliche Bild. Diejenigen, die Zauberei und Hurerei und Mord begangen haben – wir erinnern uns, dass es um die Mächte der Manipulation des römischen Reiches ging – werden in einen Feuersumpf geworfen und sterben einen zweiten, endgültigen Tod. Verhängnisvoller Vers, der ganze Jahrhunderte der Christenheit zu Visionen und Theorien über eine Hölle der Qual und Folter anregte!
Doch nirgendwo in der Schrift ist ein Ort der immerwährenden Qual tatsächlich deutlich beschrieben. Es gab in der Vorstellung der Juden und ersten Christen immer noch ein diffuses Totenreich der Schatten, aber keine Hölle. Und wenn es nötig wäre, dass Gott die allerübelsten Kreaturen bestraft, dann bitteschön doch so, dass er sie ganz aus der Existenz nimmt, wie hier angedeutet. Ein Gott, der seine Geschöpfe – und mögen sie noch so bösartig geworden sein – in alle Ewigkeit quält, ist ein Monstrum, das schlimmer ist als das Tier aus dem Abgrund, als die Hure Babylon, als der Antichrist. Der Gott der Offenbarung ist im Gericht selten bis gar nicht selbst aktiv. Der Gott der Offenbarung ist ein Lamm, das hier zum Schluss wieder auftaucht.
Auch darüber, ob Bösartige und Gewalttäter tatsächlich in einem wie immer gestalteten Jenseits einen zweiten und endgültigen Tod erleiden und einfach nicht mehr sind, weil ihre Verdorbenheit es ihnen unmöglich macht, zu einem Gott als ihrem Zuhause zurückzukehren… herrschte durchaus keine Einigkeit und das ist bis heute so unter Gläubigen und Theologen. Wir wissen nicht, was der Seele hinter dem Vorhang des Todes und des Weltendes genau passiert. Wir sehen bei Johannes aber, dass dieser Gott, an den wir als Christenmenschen glauben, ein Vater und ein Lamm ist und Tränen abwischt. Wir dürfen an der Apokalypse lernen, Getröstete zu sein. Mehr gibt dieses Buch nicht her. Bilder sind Bilder. Sie sind wahrhaftig, aber keine exakte Wissenschaft.
Dafür spricht auch die Beschreibung des Neuen Jerusalem. Es ist schlicht ein riesengroßer Würfel. Es ist absurd vergoldet. Es ist eine monströse Konstruktion, die eher an Science Fiction und krasse Raumschiffe denken lässt. Es ist ein Bild für das Eigentliche, das niemand erfassen kann, aber erahnt werden möchte. In Höhe, Breite und Länge gleich symbolisieren die Maße der Stadt schlicht: Vollkommenheit, Einheit, Herrlichkeit. Das Himmlische, das Neue, die Wiederhergestellte und geheilte Menschheit ist vollkommen und schön. So wird es sein. Das ist die Nachricht, die Johannes uns weitergibt.
Die Stadt enthält keinen Tempel – und das ist in der Zeit, aus der dieser Text stammt, einfach richtig erwähnenswert – es ist eine Sensation – denn eine Stadt ohne Tempel gab es schlicht überhaupt nicht. Um den Tempel, den Kult, die Herrschaft – da bildete sich städtisches Leben der Antike aus – so und nicht anders. Hier ist die ganze Stadt selbst ein Tempel Gottes und die Menschen haben ohne Einschränkung Zugang zu diesem Heiligtum, denn seine Tore stehen immer offen. Der Mensch geht ein in Gott, in Herrlichkeit, ins Leben, ins Allerheiligste.
Die Zwölf Edelsteine, auf denen die Stadt ruht, erinnern an die zwölf Edelsteine, die das Efod zierten, für die zwölf Stämme Israels standen und auf der Brust des Priesters lagen. In diesem Efod lagen die Lossteine, mit denen Gottes Willen für das Volk befragt wurde. Hier hat jeder Mensch Zugang zum Inneren des Efods, zu Weisheit und Erkenntnis, zu Gott. Es gibt keinen Priester, der befragt werden muss.
Auf den zwölf Toren stehen die Namen der zwölf Stämme Israels, auf den Grundsteinen die der zwölf Apostel. Volk und Völker kommen zusammen. Der Zugang zu dem einen Gott gelangte durch Israel in die Welt und Jesu Jünger legten den Grundstein dafür, dass Völker und Völker ihren Zugang zu diesem Gott bekamen. Und die Tore sind offen und jeder hat Zugang und so ist es ewig in dieser ewigen Stadt.
Von dieser Stadt und dem Thron des in ihr herrschenden Gottes geht ein Wasserstrom aus, an dem heilenden Bäume für alle Völker stehen. Das klingt so ganz anders als die drei Zyklen des blutigen, feurigen, zornigen Gerichts, das alles und jeden in sich verschlingt. In diesem Kapitel erfolgen die Wiederherstellung und Heilung der Schöpfung. Leiden, Sterben, Tod sind besiegt. Das ist das eigentliche Ende aller Dinge, die wahre Hoffnung der Gläubigen. Sie hoffen auf Heil, nicht auf Rache. Sie schauen wie Johannes der Apokalyptiker auf das Lamm, nicht auf das Raubtier. Das ist ihre tägliche Apokalypse, die sie auf sich nehmen.

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