Apokalypse ist jeden Tag
XXXIII
Schlussworte (Inspiration zum zweiundzwanzigsten Kapitel, Verse sechs bis Ende der Apokalypse des Johannes)
In dreiunddreißig Etappen habe ich mich nun durch die zweiundzwanzig verrücktesten Kapitel der Bibel gelesen und geschrieben. Es war ein interessanter Ritt mit den apokalyptischen Reitern, eine vergnügliche Fahrstuhlreise mit dem Apokalyptiker Johannes – rauf in den Himmel und wieder runter zur Erde, eine aufregende Fantasy-Lektüre, eine tröstliche Reflektion in diesen Zeiten der Angst und Krise.
Es gibt Denominationen, in denen der Text der Apokalypse als ein Predigttext für die Gemeinde vom gottesdienstlichen Gebrauch ausgeschlossen ist. Das hat gute Gründe. Denn wer diese Verse ohne Verstand und Gefühl liest, bleibt verwirrt zurück und wird andere verwirren, wenn er meint, die Wahrheit dieses Buches endgültig aufgedeckt zu haben. Nicht selten endeten religiöse Überzeugungen in Verbindung mit Auslegungen dieses Buches in Mord und Selbstmord. Zahllose Endzeit-Gruppen und -Grüppchen halten sich an einzelnen Versen und Passagen fest, die Johannes vor fast 2000 Jahren niederschrieb.
Und genau dies ist das Stichwort: der Text ist fast zwei Jahrtausende alt und er war vornehmlich an die in den Anfangskapiteln erwähnten Gemeinden in Kleinasien gerichtet – an eine Gemeinde, die einem Jesus nachfolgte und damit ärgster Verfolgung in einer Welt des Kaiserkultes ausgeliefert war.
Zum Schluss betont Johannes noch einmal sehr klar, dass seine Worte für die Jetzt-Zeit gedacht sind, in der er sich befindet und schreibt. Er soll laut himmlischer Anordnung das Buch nicht versiegeln, es soll sofort verbreitet und gelesen werden. Die Dinge, die dort in düsteren Bildern ausgemalt sind, werden bald geschehen – und zwar in einem Bald, das gleich am nächsten Tag beginnen könnte. Dafür ist dieses Buch gedacht – als eine gegenwärtige Ermutigung und Bestärkung, am Glauben festzuhalten.
Niemals war es dafür vorgesehen, in eintausend oder zweitausend Jahren von verwirrten Seelen auf ihre eigenen, ganz persönlichen Lebensumstände gemünzt zu werden.
Schlüsselvers für mich ist der Fluch-Spruch des Johannes: wenn einer etwas zu den Worten, die Johannes hier aufgeschrieben hat, hinzufügt oder davon wegnimmt, dann sollen ihn die Plagen treffen, die in dem Buch beschrieben sind. Nun – zu jener Zeit gab es noch keinen Kopierschutz für Dateien oder sonstige Beglaubigungen – nur ein Siegel konnte auf die Originalität hindeuten – doch dieses Siegel ist Johannes verwehrt, wie eben angedeutet. Flüche wurden hingegen sehr ernst genommen. Genau so wie Johannes es aufgeschrieben hatte, sollte der Text verlesen und übermittelt werden. Sicher haben sich die Gemeindevorsteher und später die Kopisten daran gehalten.
Nur wir Heutige haben ein ernsthaftes Problem mit dem eingebauten Kopierschutz von Johannes. Denn unsere Fantasien und Meinungen und Theorien fügen dem Text Dinge hinzu, die Johannes niemals schrieb – wir lassen Dinge weg, die nicht in unseren Rahmen passen. Wir lesen den Text nicht mehr als Text und prophetische Überwältigung. Wir versuchen aus ihm die Karten einer ungewissen Zukunft zu legen, um sie für uns kontrollierbar zu machen. Wir sind diejenigen, die Johannes verfluchte. Und jeder, der mit der Apokalypse so umgeht, ist tatsächlich in einem gewissen Sinne dazu verflucht, die Plagen zu durchleiden, die hier beschrieben wurden. Wer eine düstere Zukunft prophezeit sieht, der wird alles, was in der Welt geschieht, als böse und dunkel und antichristlich interpretieren. Sein Horizont wird zu Finsternis, er kann nur noch leiden an und in dieser Schöpfung. Und manchmal wird er die Plage über sich und andere bringen, wenn der Wahn fortgeschritten ist und Gewalt zu rechtfertigen scheint, zu der Johannes niemals aufgerufen hat.
Wozu aber hat er aufgerufen? Zum Aushalten, zum Durchhalten, zum Mitleiden, zum Hoffen auf das gute Ziel und Ende. Zum Anschauen des Lammes, das nicht so ist wie die Nachtschatten-Monster unserer auf den Zustand der Welt angewendeten Fantasie.
Sicher können wir die von Johannes beschriebenen Muster des Machtmissbrauchs, der Gewaltanwendung und der Manipulation ganzer Menschenmassen und Völker vielfältig gespiegelt sehen in Geschichte und Gegenwart. Aber das ist es dann auch schon gewesen: ein schlichter Spiegel, der den Zustand des menschlichen Herzens zeigt, das in die Welt geht und sie verdirbt. Das Verderben jedoch hat nicht das letzte Wort.
Das Buch endet mit dem himmlischen Jerusalem, dessen Tore für immer offen sind. Das Buch endet mit dem Ruf des Geistes Gottes und der Braut: Komm! Jeder, der möchte, kann kommen, hinein in das Reich des Friedens, der Güte und der Zuversicht. Es ist eine Einladung zum Guten, die den langen Ruf des Apokalyptikers beschließt. Sicher, wer der Einladung zum Guten nicht folgt, der bleibt draußen – freiwillig. Der muss weiter leiden an sich selbst und den Weltzuständen. Das ist einfache Weisheit und hat nichts mit Zukunftsvorhersage zu tun.
Vielleicht sind wir gerade heute bereit, unsere Zukunftsängste unbewertet stehen zu lassen, uns der Hoffnung zuzuwenden und auch zu handeln wie Menschen, die Hoffnung haben und das Gute wollen. Daran sollen alle Völker heil werden, wie Johannes es prophezeit.

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