Nebelschwarzer Winterweg

So lange die Sonne und die Erde in ihrem Verhältnis zueinander stehen, ist es das Licht, was bestimmt, dass der Winter einkehrt, wiederkehrt und schwindet. Schnee und Temperatur spielen nur die Nebenrolle. Was sie und alles Materielle erfahrbar macht, ist das Licht. Es durchdringt die Dinge, umzeichnet sie, stößt sich an ihnen.

Die Luft ist feucht und schwer in meiner Kehle. Sie hat jene Qualität, die kurz vor einem Prozess der Umwandlung steht. Entweder bricht der Nebel. Dann schmelzen die Schneereste gänzlich. Oder es kippt zurück in den Zustand des Frierens. Dann wird der dünne, weiße Firnis harsch. Die Tropfen an den Zweigen gefrieren zu Glasperlen.

Für jetzt befindet sich die Welt in jenem feuchten Zwischenzustand. Weder warm noch kalt. Das Leben pausiert, aber es wird durchbrechen, sobald es seine erste Möglichkeit sieht. Die mutigsten aller Blumen schieben bereits blassgrün umhüllt ihre weißen Blütenknospen aus dem Boden. Das Schneeglöckchen braucht nur ein paar weitere Tage zunehmenden Winterlichts, dann steht es als stille Königin über dem feuchten Laub.

Es ist schwer zu gehen, denn die Luft drückt im Hals. Die Feuchtigkeit tränkt die Kleidung. Jede Stehpause wird bestraft mit der Ahnung, dass auch ich ein Ding bin, das gefrieren kann. Die meisten Wege sind schlammig. Dicke Klumpen Erde kleben an den Sohlen. Es muss dieses schwere, feuchte Material gewesen sein, aus dem der Adam erschaffen wurde, denn es hält meine Schritte fest. Dann wiederum erreiche ich abgeschirmten Wegstellen, zu denen das stundenweise Sonnenlicht kaum vordringen kann. Hier hält sich der Frost hartnäckig. Wo ich eben noch kaum die Ferse heben konnte, werde ich jetzt so leichtfüßig, dass ich mein Gewicht nach vorne verlagern muss, um nicht auszugleiten.

Doch die schwierigsten Abschnitte sind jene, auf die es geregnet hat. Ausgespülte Mulden haben sich mit Wasser gefüllt. Sie sind oberflächlich gefroren. Darüber liegt der dünne Film von Schnee. Er verbirgt diese Pfützen im Zustand unwilligen Frierens und Tauens. Leicht zucke ich zusammen, als unter meinem Tritt die erste dieser herrlichen Fallen knackt. Die nächste sendet ein lautes Krachen. Darauf antwortet eine Krähe. Alles andere ist nebelfeuchte Stille. Sie schluckt heute sogar die Geräusche der fernen Straße.

Im Alltag reizen uns unvorhergesehene Hindernisse zum Zorn. Hier draußen freue ich mich über alles Überraschende und Gefährliche. Ich kann es leicht verzeihen, denn es geschieht ohne Absicht, ohne Motiv. Es gibt keine Angst, denn der Weg droht mir nicht. Er ist da und es kommt ganz allein auf mich an. Ich kann alles verzeihen.

Die kahlen Bäume halten mit Mühe ihre Knospen zurück. Noch ist es zu kalt und zu dunkel. Ihre Zeit ist noch nicht. Ihre schwarzen Äste kleben vor dem grauen Nebel. Ein schöneres Gemälde kann es nicht geben, keinen besseren Kontrast, der zugleich zärtlich und brutal in die Augen fällt.

Es ist dieses feuchte Winterschwarz, das mich beruhigt, mich sogar heiter stimmt. Auch der Fluss führt dunkles Wasser. Es ist so kalt, dass es die Hand fühllos macht. Alles liegt kurz vor dem Frost, ist dem Tod so nahe. So nah am Tod, dass es keine andere Möglichkeit hat, als jeden Augenblick neu aufzuerstehen. Die Dämmerung des Todes ist ein neuer Morgen für das Leben. Gedämpft flüstert mir das Schwarzwasser seinen Trost zu.

Alles ist so grau, schwarz und weiß, das jeder andere Farbton in den Augen hörbar wird. Grell leuchten Flechten an klammen, totschwarzen Ästen. Sie sind ein Misston des Wohlgefallens. Ein lautes Lied, das die Stille wie eine Erlösung durchbricht. Sie sind ein erbarmungsloses Lied des Sterbens und wieder Werdens. Sie leuchten in eigenem Licht. Etwas an ihnen weckt mich auf und beschleunigt meine Schritte.

Ich will noch kurz frieren und allein sein. Das hilft mir, freundlich zu sein, wenn ich aus der Stille presche und meine letzten Schritte eilig nach Hause lenke.