Es ist noch Zeit, ein Stück zu gehen, aber die schwarzen Stunden des Januars haben sich in meine Glieder gekrallt. Sie versuchen, mich von der Sonne fernzuhalten. Der Schlaf zerrt an der Seele, die dunkle Wärme unter den Federn ist verlockend. Endlich jedoch zieht das Blau über dem Horizont mich in die Weite.
Warum ist alles, was der Mensch tut, um zu arbeiten oder sich zu vergnügen, so laut? Der ganze Mensch ist ein einziges Lärmen, das ich nicht mehr ertrage. Hinaus, hinaus, weg von den Straßen! Es stört mich, dass sogar der Himmel brüllt vor Schmerz, weil ihn die Flugbahnen durchziehen. Die Frau an der Ampel ist sicher ein freundlicher Mensch und ihr Telefongespräch ein gutes Werk, das zwei Stimmen zueinander bringt. Trotzdem fliehe ich vor den aufgeregten Melodien ihrer Sätze, die mich wie hitzige Pfeile verfolgen, bis ich endlich unter die Bäume tauche.
Weiter, immer weiter und mit schnellen Schritten. Ich will nur allein sein. Das einzig Menschliche bleibt mein Atem und der dumpfe Widerhall meiner Schritte auf dem schlammfeuchten Boden. Jetzt, für diesen winzigen Augenblick, ist nichts zu hören. Kein Flug und kein Fahren, kein Laufen und kein Reden. Es beruhigt mich. Endlich teilt ein erleichtertes Lächeln mein Gesicht in zwei glückliche Hälften.
Mein Schritt wird langsamer, bleibt aber gleichmäßig zielgerichtet. Einmal umrunden will ich diesen Park, bis mir nichts anderes übrig bleibt, als zum Lärm der Straße zurückzukehren. Erst jetzt öffne ich meine Augen wirklich. Sie haben nun die Möglichkeit dazu, weil die Ohren nicht mehr verstopft sind. Das Licht hängt tief im dunklen Frühlingsblau des Himmels. Es schlägt sehr lange Schatten, deren Ränder so scharf sind, dass man sich daran schneiden könnte, wenn man sie versuchte vom braunen Laub aufzuheben.
Königin Schneeglöckchen entdecke ich hier nicht. Aber ihr Bruder, der gelb leuchtende Winterling, reckt seine runden, teilweise geschlossenen Köpfe. Dort vorn, wo das Sonnenlicht mehr Wärme erzeugt, gehen seine Sterne schon weit auf. Gibt es ein wertvolleres Gold als das seiner Blütenblätter, wenn es behauptet, dass der Winter bald zu Ende geht?
Ich trete näher heran. Mein harter Schatten fällt lang hin neben die Winterlinge. Dies ist ein Augenblick, wie man ihn selten erlebt. Schönheit, wirkliche Schönheit, ist nicht etwas, das man beschreiben könnte oder erklären. Vielleicht mag es klare Parameter dafür geben, was die Mehrheit als schön bezeichnet. Aber das hier. Diese strahlenden Kelche, in denen das Gelb zu kochen scheint. Das ist wahre Schönheit, denn sie ist fühlbar. Sie lässt sich so sehr spüren, dass sie ins Herz schneidet. Es tut fast weh. Es treibt Tränen ins Auge. Früher hätte ich das als Kitsch abgetan, ein ironisches Lächeln dafür übrig gehabt. Doch je öfter ich einen Frühling erlebe, desto schmerzhafter ist diese Schönheit, die zugleich Wahrheit ist.
Ich kann mich kaum davon losreißen, doch mir bleibt nicht mehr viel Zeit für meine Runde. Unbarmherzig mahnt mich der Tag mit weiteren Verpflichtungen. Der Pfad führt ins Weite. Nur so lerne ich, dass es den Atem gibt, auch wenn der Lärm die Ohren schlägt. Hier im graugrünen Wintergras zerteilen sich die langen Schatten in sanftere Längen. Friedlich fühle ich mich. Es stört mich nicht mehr, dass ich für den Rückweg wieder an der Straße entlanglaufen muss.
Noch ein kurzer Halt auf dem uralten Friedhof, weit oben über den Gruften, auf einer Bank im Sonnenschein. Hier ist es so warm, dass ich meine Jacke ablegen kann und zum ersten Mal seit Wochen die nackten Arme ins Licht recke. Wie gut es tut, sich vom schräg einfallenden Licht berühren zu lassen, selbst zu leuchten mit einem Schein, den ich nicht kenne und den andere beurteilen mögen, wenn sie wollen.
Nirgendwo fühlt man sich gleichzeitig so allein und in Gesellschaft wie am Ort der Toten. Es ist ein Zwischenreich, ein schwebendes Ding, das an Wahrheit rührt. Es hat eine eigene Schönheit. Eine Ruhe, die so tief geht, dass sie den ganzen Tag nachhallt. Ich kann den Lärm wieder ertragen, weil ich in mir die Stille hören kann. Also gehe ich zurück und kann mir keine bessere Mittagspause denken als diese, welche ich gerade genossen habe.






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