Die Temperaturen tendieren immer noch gegen Null, ebenso meine Motivation zur Bewegung. In diesem Jahr bin ich zu meiner ersten längeren Wanderung später aufgebrochen als in den zwei Jahren zuvor. Pandemie-Verschiebung. Der allgemeine Winterschlaf dauert nun wieder bis in den März. Den Vögeln ist mein Befinden fremd. Sie folgen ihrem eigenen Rhythmus, der sich weit mehr nach dem länger werdenden Licht als nach dem Wetter richtet. Seit Tagen singen die mutigsten von ihnen kurz vor dem Sonnenaufgang. Heute habe ich beschlossen, ihrem Ruf zu folgen. Ich habe meine Höhle verlassen.
Haben die Menschen eigentlich je ihre Höhlen hinter sich gelassen? Ist nicht jedes Zelt, jede Blockwohnung und jede Villa nur eine Höhle, in die wir uns verkriechen, um das Außen wegzusperren? Die Hütten, die wir bauen, machen es uns leicht, an unsere eigene Großartigkeit zu glauben. Waren die ersten Priester, Druiden, Seher jene, die am häufigsten die Höhlen verließen, am längsten beim Feuer saßen, bis es zur Glut niederbrannte und die Sterne sichtbar wurden? Jene, die sich der Weite im Außen auslieferten und feststellten, dass ihre eigene Großartigkeit nichtig wirkt gegen die Großartigkeit da draußen?
Alles ist weit weg und groß hier. Es ist ein armes Land, voll bröseligem Kalk und feuchtem Sand. Schwer, dieser Erde ohne ausgeklügelte Methoden eine Ernte abzuringen. Dafür ist es reich an Wildheit. Gerade vor dem Frühling so kalt, nackt, braun und gleichgültig. Ich bin ausgeliefert in die Großartigkeit der Landschaft. Ist es ein Wunder, wenn es Menschen gibt, die sie anbeten wollen? Die Größe fällt zurück auf mich, durch meine Augen in mich hinein und mit dem Eiswind, durchsetzt von letzten Schneeflocken, schlägt sie mein Gesicht.
Es liegt Barmherzigkeit darin zu erkennen, dass man dieser Welt ausgeliefert ist und gerade deshalb in ihr geborgen. Ich werde zu einem Teil der Größe, über die meine Füße mich tragen, bis sie schmerzen. Ich fühle mich großartig, will meiner Großartigkeit aber keine Kathedrale mehr bauen. Mein Fenster sind die Wolken, die sich öffnen und weiße Sonne werfen.
Endlich habe ich den höchsten Punkt des Hügelkamms erreicht. Von dort beobachte ich den Tanz der Krähen. Ich höre sie gerne rufen. Etwas in ihrem tiefen Krächzen dringt an einen Ort meiner Seele, der sehr alt sein muss. Im Winter ist der Schwarm der schwarzen Flügel eine schützende Heimat. Sie hocken geschlossen in den Bäumen, auf den Dachfirsten. Dass sich ihre Gemeinschaft nun in einem wilden Tanz zu vielen Zweisamkeiten auflöst, ist untrügliches Zeichen für Frühling und Auferstehung. Die Paare finden sich zusammen. Sie tanzen im Flug umeinander, übereinander, verschwinden hinter der Böschung, steigen wieder auf und setzen sich zum Ausruhen in die Spitzen des Kiefernwäldchens.
Ich bin glücklich hier draußen. Noch ein letzter Weg nach dem Innehalten. Durch die Felder hinunter und ins Weite zu einem weiteren Höhenzug. Er hätte leicht dem Wüten menschlicher Gewinnsucht zum Opfer fallen können, ist er doch nur eine kleine Sand-Narbe, die das Einerlei der Feldwirtschaft unterbricht. Niemand hat ihn abgetragen in tausenden von Jahren. Hier ist eine Präsenz. Ein Ort, an dem die Luft zwischen dieser und allen anderen Welten dünn wird. Ich habe ihn gefunden, den schmalen Grat des Übergangs.
Nun werde ich sehr müde und hungrig. Meine Füße sind heiß. Der Wind wird schneidend über dem Kamm. Lauter als mein Blut rauscht er den Ohren. Eine Gabelweihe zieht ihre Kreise über meinem Kopf. Die Vögel kennen keine angeeignete Großartigkeit. Sie sind fliegende Großartigkeit. Das Wilde, der Funken, das Alte ist hier. In mir. Ich gehe mit schmerzenden Gliedern nach Hause und nehme es mit.








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