Auge sein und Ohr

Hoch aufgeschossen stehen die Büschel der alt gewordenen Schneeglöckchen. Sie haben dieses Jahr alles gesehen, was ein Schneeglöckchen nur sehen kann. Sie haben den letzten Frost durchstoßen, sind vom Sturm gewiegt worden, von Flocken bedeckt, von Sonnenstrahlen zärtlich nach oben gelockt und sind schließlich einen warmen Tod in der Schwüle vor dem Frühlingsgewitter gestorben.

Ich will sein wie sie, hinnehmen, was ist. Hier draußen halte ich Gottesdienst mit Auge und Ohr. Wir können in diese Welt nichts mitbringen außer uns selbst. Wollen wir als Beschenkte gehen, müssen wir Auge und Ohr sein. Still jetzt. Über den prall gefüllten Fluss zieht ein silbergrauer Schatten, der am Ufer ruht und mich eher gesehen hat, als ich ihn entdecken konnte. Der Fischreiher wird heute Beute machen. Klug schaut er durch die Uferzweige. Es fällt ihm nicht schwer, aufrecht zu stehen.

Über mir kreisen wie immer die Krähen. Es kommt mir vor, als begleite mich auf jeder Wanderung, jedem kleinen Spaziergang ein schwarzes Paar. Ungewöhnlich ist es nicht, sind diese Vögel doch zahlreich. Sie sind scharf und weise, wissen, wie man mit und bei dem Menschen lebt. Trotzdem stelle ich mir vor, dass es die äußeren Formen von Gedanke und Erinnerung sind, die mich schützend beäugen. Ist es nicht so, dass auf jedem Weg, den wir gehen, der Kopf eigene Pfade betritt? Er dreht sich in die entgegengesetzte Richtung und erinnert sich, während meine Füße vorwärts wollen. Dann wieder wendet er sich um und schaut voraus mit neuen Gedanken. Dazwischen meine nassen Tritte und das Rufen der Krähen. Sie kündigen allen anderen an, dass ich komme.

Es stört die Sänger nicht. Die Meisen, die Spatzen, all die kleinen Heckenflieger, die munter schwatzen und mich nicht beachten. Was mich heute tief berührt, ist der unaufhörliche Ruf der Ringeltaube. Die tiefen Töne treffen besonders leicht auf dem Grund meiner Seele auf. Ich bin mein Ohr und höre in mich hinein. Da ist der Funke, die Quelle. Das, was mich mit allem anderen verbindet und mich zugleich davon unterscheidet.

Die Wolken ziehen sich zusammen. Sie sind von so dunklem Grau, dass es sich fast in schwarzes Blau vertieft. Ich muss umdrehen. Der Regen wird kommen. Die Luft trägt schwer an der ersten Wärme des Jahres. Ein letztes Mal schaue ich auf. Die Robinien schlafen noch. Sie sind späte Bäume und es kümmert sie nicht, dass alles andere bereits treibt und blüht und singt. Dieses Jahr bin ich spät wie sie, aber ich werde erwachen. Auge und Ohr sein.