Die Suche nach verbindender Magie

Die Suche nach verbindender Magie

Buchbesprechung zu:

„Gott hassen“

Von Jenny Hval

Roman, übersetzt aus dem Norwegischen von Clara Sondermann

März Verlag, 2023, 236 Seiten

Das Cover des Buches zeigt ein samtschwarzes Oval, ein Loch, das tief in das umgebende Violett hineinzieht. Das Buch selbst ist ein tiefes Loch, das magisch in sich hineinzieht. Es nennt sich Roman, könnte sich aber genauso gut Beschwörung oder Trip oder Traum nennen. Wenn es ein Roman ist, dann vielleicht eine Coming-of-Age-Geschichte oder ein Entwicklungsroman. Das erzählende Ich ist nicht ganz zu trennen von all den darin auftauchenden Figuren. Es betrachtet sie und ist zugleich eins mit ihnen, verschmilzt, trennt sich wieder. Kommt nahe und hasst sich durch die Jahre, durch das eigene Ich und im Spiegel all der Subkulturen, die angedeutet werden.

Black Metal ist in den 90ern schon so gut wie tot, nachdem in Norwegen Kirchen brannten und doch ist Black Metal die Zuflucht der Erzählerin, des Mädchens, das alles hasst, was Weiß ist, eine skandinavische Vorort-Hölle der Konformität. Aber auch das Okkulte und Schwarze ist besetzt von Männlichkeit, die sie als singende Frau in schwarzem Samt immer als Fremdkörper wahrnehmen wird. Trotzdem singt sie in einer eigenen Band und verflucht alles, was christlich ist oder sich dafür hält.

Sinnbilder für norwegische Kultur und Geschichte tauchen in Traumgebilden und ausgedachten Filmsequenzen auf. Edvard Munchs Frauengestalt „Pubertät“ wird lebendig und hasst ihren Schöpfer. Die Erzählerin hasst Gott. Das ist oberflächlich, geradezu primitiv, wie sie schreibt. Aber es ist eigentlich nicht Gott, ob es ihn gibt oder nicht, der hier mit einer geradezu fantastischen Energie gehasst wird. Es ist seine unterdrückende, männlich dominierte, norwegisch-weiß definierte Ausprägung in der Gesellschaft. Alles, was damit zu tun hat, muss gehasst werden, schwarz übermalt werden, nichtig gemacht werden. Eine schwarze Leinwand, auf der die Protagonistin sich selbst neu schaffen muss.

Sie wird selbst zum Sinnbild, zum Hass aller Mädchen aus allen Jahrhunderten. Und langsam wird deutlich, dass es nicht nur Hass ist, dass er schöpferische Wut wird, die alles umformt und verwandelt.

Die erwachsene Protagonistin zieht sich aus dem Black Metal zurück, studiert Kreatives Schreiben und Film, passt sich einer anderen Welt der Konformitäten an, rutscht an ihrem Hass vorbei durch, findet zurück zum Hass. Aus einer beschriebenen Film-Sequenz über eine Mädchen-Schulklasse heben sich zwei Mädchen heraus. Terese und Venke. Sie werden lebendig, leben mit der Erzählerin zusammen. Sie gründen einen Hexenzirkel, der durch Oslo zieht und alles verflucht. Oder doch segnet? Das bleibt undeutlich. Es entsteht eine Form der Magie, die diese Frauen in Gesprächen und ausgetauschten Bildern zelebrieren.

Rituale und Worte werden seziert, reflektiert. Die Grenze zwischen Black Metal und den in Zungen redenden christlichen Jugendlichen hebt sich auf. Beide Subkulturen versuchen zu segnen, zu fluchen, ihre eigene Form der Magie zu betreiben. Black Metal selbst wird zu Konformität, Ritual. Der Mensch ritualisiert seine Gemeinschaft. Und beghet Rituale, um Gemeinschaft zu stiften und zu bestätigen. Eine stärkere Macht holt sie alle ein, während sie erwachsen werden. Die Gesellschaft mit ihrer langen Entwicklungsgeschichte prägt sie alle. Niemand ist frei davon. Und das erwachsen gewordene Mädchen hasst weiter. Es schreibt einen Kurz-Film, der getreu dem Black-Metal-Genre zunächst in den norwegischen Wäldern spielt. Eine Mädchen-Schulklasse verirrt sich. Die Handlung wird jedoch immer traumhafter, wird zu Visionen, okkulten Bildern, Ritualen. Männliches und Weibliches verschwimmt, verschmilzt in stark symbolischen Bildern. Die Grenzen der Kunst werden durchstoßen. Jenseits davon treffen Black Metal, Edvard Munchs Figur „Pubertät“, die Mädchen der norwegischen Schulklasse und der Leser / die Leserin selbst aufeinander und vereinen sich in einem Ritual, das ein Ei zur Welt bringt.

Ein Ei in der Schwärze, im dunklen Urgrund, etwas Neues. Hass hat Hoffnung gebracht auf neue Nähe. Dass es möglich ist, über Konformität und Rituale und Grenzen hinweg eine neue Form des Nahe-Seins herzustellen. Eine Magie der Liebe, die aus dem Hass der Mädchen durch die Jahrhunderte geboren wird.

Anders als auf diese angedeutete Weise lässt sich der Inhalt des Romans nicht zusammenfassen. Wer hier eine stringente Handlung sucht, muss enttäuscht werden. Auch wenn es wohl vordergründig um die subjektive innere Entwicklung der Hauptprotagonistin geht, bietet dieses Buch mehr und ganz anderes. Wer offen ist für bildlich beschriebene, unzusammenhängende Ästhetik von Musikvideos, für harte Kontraste von Schwarz und Weiß, den Zusammenstoß von Edvard Munchs melancholischer Farbigkeit und der grellen Fröhlichkeit der Neunziger, für reflektierende Wortspiele, die sich selbst in beschriebene Wirklichkeit hinein überhöhen – der wird in diesem Roman ein irres Lesevergnügen finden.

Man kann „Gott hassen“ sogar als spirituellen Trip verstehen. Gott steht für alles Unterdrückende und Hassenswerte an einer gesellschaftlichen Konformität, die das Ich klein hält. Der Hass wird zu einer befreienden Wut, die in Traum und Ritual über sich selbst hinaus geht und nach einer neuen Form der Nähe sucht. Schließlich kommt die Erzählerin bei sich selbst an und bei uns. Sie will uns nahekommen. Am Grund dieses Eies, das uns die Autorin hier gelegt hat, findet sich die Hoffnung auf eine Magie der Liebe, die neu miteinander verbinden kann und alle Konformität und Subkulturen hinter sich lässt.

Ein Kunst-Roman, der gekonnt mit Worten und Bildern spielt. Musikalisch und poetisch und keinesfalls das, was immer man von einem Roman erwartet. Eine spirituelle Überraschung. Ein großer Spaß und eine tiefe Reflektion über das Ich, was dieses Ich prägt und wie es sich zu befreien sucht, um eine viel tiefere Verbindung mit sich selbst und anderen eingehen zu können.