1. Dezember: Kosmische Schafe
Der Schleier des Novembernebels hing tief im Gras. Noch gab es grüne Halme zwischen bleichen Stängeln. Die Sonnenstrahlen reichten kaum über die Kuppe der Erhebung, deren Nordseite in feuchtem Schatten lag. Ein paar letzte wilde Nelken leuchteten mit eigenem Licht. Fünfblättriges Rosa, das sich im kalten Schein bedrohlichem Rot annäherte. Es trotzte dem Frosthimmel, bis es unweigerlich starb. Diese Blumen blickten zu Wolken auf, die in dunklen Fetzen zogen.
Es war ein einsamer Höhenzug, der sich aus flachen Feldern erhob und an dessen ausgeblichenen Hängen die Herde der kosmischen Schafe graste. Sie waren schweigsam wie der Boden, von dem sie kurze Kräuter zupften. Wenn man nah vor ihnen stand, hörte man, wie Blättchen und Halme übereinander rutschten, dem Ziehen ihrer Zähne nachgebend. Es war das Grasen vor dem Schnee. Der Geruch ihres schwarzen, kugeligen Kotes hing fettig in der Luft. Er zog nicht weit über den steilen Hang, erreichte kaum den Pfad, der den Höhenzug streifte. Selten sah man Wanderer zwischen dem einen und dem nächsten Dorf. Niemand konnte die Schafe sehen. Nur wenige nahmen ihren Geruch wahr. Sie wunderten sich kurz, um es dann sofort zu vergessen.
Kosmische Schafe sind stiller als andere Schafe. Ihr Hirte sorgt dafür, dass sie auf unsichtbaren Nordseiten abgelegener Hügel grasen. Er führt sie durch die Novembernebel, damit ihr silbriges Fell die Feuchtigkeit trinkt und ihre Mägen das Gras fressen, das den letzten Mond vor dem ersten Schnee gesehen hat. Nur diese Nahrung gibt ihnen Kraft für den Aufstieg zur Rückseite des Mondes. Dort schlafen sie in ihren Höhlen bis zur großen Schur im Frühjahr. Danach weiden sie zwischen den Sternen und kauen den Staub zerriebener Kometen. Das lässt ihr Fell metallisch glänzend nachwachsen. Ihre Fettigkeit fressen sie sich dann wiederum auf irdischen Hügeln an, wenn ihr Hirte sie die Mondleiter herabführt.
Aus ihrem Fell werden silberne Ketten und Seile gewebt. Vermutlich besteht auch der Anker des Segelschiffes der Mondpiraten aus dieser Kunst. Genau kann das niemand sagen. Außer vielleicht der Hirte der kosmischen Schafe selbst, der jetzt auf dem schwarz gefärbten Sandstein zwischen den grasenden Tieren saß. Er holte seine Flöte aus der zottigen Weste und blies in die Stille. Geschickt tanzten seine langen, schlanken Finger über die Löcher. Sie erzeugten eine Melodie kaum lauter als das Rupfen und Zupfen der Tiere, sachte und schwer wie der Novembernebel. Ich konnte sie hören, als ich dem Geruch der Schafe nachgegangen war. Den Pfad hatte ich verlassen. Gegen das Verbot, auf das ein verblichenes Schild mich aufmerksam zu machen suchte.
Ich wusste, dass ich auf ihn treffen würde, als die Flöte erklang, denn ihren Ton hatte ich schon einmal gehört. Dort also saß der schönste und traurigste Pan, Hüter der Übergänge. Sein langes Tiergesicht, das dem einer Ziege ähnelte, hing anmutig gebeugt. Die beiden prachtvoll geschwungenen Hörner ragten hoch auf gegen den blassen Winterhimmel und seine düsteren Wolken. Das dichte Fell auf seinem Leib hatte den Schimmer des Mondes, wenn er zugleich mit der Sonne am Himmel steht. All das zu sehen, machte mich glücklich, denn es war mir vertraut von unserer gemeinsamen Reise ans Ende der Sonnenwelt. Doch das Berührendste waren seine Augen. Schwarz wie eine sternenlose Nacht, nass wie wilde Tieraugen, zugleich warm wie die Augen eines Menschen, der gerade erblickt, was er am meisten liebt.
„Passus.“, flüsterte ich, als fürchtete ich, ihn durch einen lauten Ruf zu vertreiben.
Sofort hörte sein Flötenspiel auf. Er sah mich an. Unmöglich hatte er mich sprechen hören können. Aber was wusste ich schon von diesem uralten Wesen? Vielleicht hatte er mich schon lange vorher gerochen oder erspürt. Am wahrscheinlichsten jedoch war, dass er seine Schafe mit der ihm eigenen liebevollen Tücke dort grasen ließ, wo ich wanderte, damit ich auf ihn traf. Er hatte mich erwartet, wie ich ihn erwartet hatte. Wir trafen uns an einem Übergang in Landschaft und Zeit, weil ihm alle Übergänge gehörten.
„Die kosmischen Schafe sind bald fett und müde. Wenn das Land schläft, werde ich auch sie zu ihrem Schlaf führen. Auf der Rückseite des Mondes.“, sagte er, als wüsste ich über all diese Dinge genauestens Bescheid.
„Darf ich dich begleiten auf dieser Reise?“, fragte ich.
Der Passus ließ seine Flöte zurück in die Weste gleiten. Er schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, Lina. Diese Reise haben wir bereits hinter uns. Nur sehr wenige Menschen erblicken lebendig die Rückseite des Mondes. Mehr als ein Blick steht dir nicht zu, wenn es so vielen anderen gar nicht vergönnt ist, meinst du nicht auch?“
Ich war enttäuscht, aber mir schien richtig, was er sagte.
„Warum also sehe ich dich hier?“, fragte ich.
„Es sind noch einige Tage, bis meine Zeit hier vorüber ist. Freunde gehen für eine Weile gern in dieselbe Richtung.“, sagte er.
Diese Art, auf Fragen zu antworten, indem er nicht auf sie antwortete, kostete einen Menschen viel Geduld. Aber wenn er es meinte, wie ich wünschte, dann lohnte es sich, auf die Auflösung zu warten.
„Ich hoffe, dass wir solche Freunde sind.“, sagte ich.
Der Passus warf den tierischen Kopf zurück und lachte hell. Nur zwei der Schafe hoben kurz ihren Kopf an und grasten dann weiter. Sie kannten ihren Hirten, waren daher weder durch sein Flötenspiel noch durch sein lautes Lachen beunruhigt.
„Komm her.“, forderte er mich auf.
Vorsichtig erklomm ich die Steigung zwischen den Schafen bis zu dem Stein, auf dem er saß. Dabei versuchte ich möglichst nicht in den Kot der Tiere zu treten. Der Geruch nach verdauten Pflanzen und tierischer Wärme war stechend, aber störte mich nicht. Eine Spur davon hatte ich damals schon am Passus wahrgenommen. Natürlich musste es so sein. Er hatte es doch selbst gesagt. Manche nannten ihn Pan. Manche einen Ziegengott oder Schafsgott. Manche hatten seine Gestalt vielleicht im Gegenlicht eines vollen Wintermondes erblickt und geglaubt, dass böse und gehörnte Geister am Ende des Jahres die Dunkelheit heimsuchen. Der Krampus geht aus. Er frisst die Kinder. Die Seelen. Das Vieh. Die Herzen. Daran dachte ich, als ich vor ihm stand.
Eine leise Angst vor dem Wilden stieg in mir auf, als seine schwarzen Augenfenster mich fassten. Doch dann schloss er sie und beugte seinen Kopf. Ich wusste, was er wollte. Zitternd streckte ich die Hände aus, umfasste seine Hörner und schloss ebenfalls die Augen. Als ich die Hände fortnahm und die Augen wieder öffnete, sah ich das Reich der Übergänge.

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