Tagebuch einer Alten Seele – George MacDonald – Der Januar

Teil 1 – Einführung, Titel, Widmung, Januar

Kurze Einführung:

George MacDonald ist zu seinen Lebzeiten vor allem durch seine Romane in einem festen Leserkreis beliebt und bekannt gewesen. Immerhin hat er als Schriftsteller seine große Familie ernährt. Durch die geistlichen Themen und die langen Dialoge über Glaubensdinge sanken diese Bücher jedoch nach seinem Tode, der Mode der Zeit nicht mehr gerecht, schnell ins Reich des Vergessens. Einer kleinen Schar von Eingeweihten sind bis heute vor allem seine schriftlichen Predigten bekannt. Nach und nach entdeckt man auch wieder den Wert seiner Geschichten und erzählten Charaktere. Doch eigentlich begonnen hat MacDonald als Dichter. Das Poetische war für ihn gleichbedeutend mit dem Prophetischen. Als großer Dichter wurde er sowohl zu Lebzeiten als auch danach nie eingeschätzt. Zu nah sind seine Gedichte am Gebet. Ja, zu prophetisch überhöht die Bilder. Und doch geben sie Einblicke in die innere Welt dieses Mannes, in sein poetisch-prophetisches Fühlen. Die folgenden Beiträge auf diesem Blog führen die Texte des „Diary of an Old Soul“ auf und wagen den Versuch einer Übersetzung der Texte. Diese Übersetzung ist keine Nachdichtung und versucht auch keine Reime zu finden, wenn sie sich nicht zufällig ergeben. Vielmehr spüren sie den Gedanken und Bildern nach und sollen nur einen einigermaßen runden Klang beim Lesen erzeugen. Das Poetische soll im freien Vers erhalten bleiben, aber die Übersetzung möglichst nahe am Sinn des Textes bleiben.

Das „Diary of an Old Soul“ war ursprünglich eine Weihnachtsgabe für Familie und enge Freunde. Die Texte sind Gedichte bzw. Gebete für jeden Tag eines ganzen Jahres. Neben den Texten – davon spricht die Widmung – fand sich ursprünglich eine leere Seite mit Platz für eigene Notizen, Gedanken, Gebete. Es ist ein sehr persönlicher Text, der die Tiefen und Höhen der Seele beschreibt, die Zweifel und auch die Hoffnung eines Glaubenslebens. Man findet darin Depression, Schmerz, Tod. Sonnenaufgang, Auferstehung, Hoffnung, Glück. Es sind die intimen Psalmen eines alternden Mannes, der stets auch mit seiner Gesundheit zu kämpfen hatte, dem Tod oft begegnet ist und darum weiß, dass das Innere in tiefe Dunkelheit sinken kann, es viel Kraft kostet, wieder Zuversicht zu fassen und an Glaube und Hoffnung festzuhalten. Diese Texte fühlen sich noch heute nahe an und können Trost spenden, ob der geneigte Leser nun voll Glauben ist oder Atheist. Jede Seele kennt die Reise ins Dunkel und wieder zum Licht.

Titel:

A BOOK OF STRIFE

IN THE FORM OF

The Diary of an Old Soul

by

GEORGE MACDONALD

Ein Buch des Haderns

in Gestalt

Des Tagebuchs einer Alten Seele

von

GEORGE MACDONALD

Original 1880 / Neuauflage 1885

Versuch einer Parallelübersetzung von Beatrice Griguhn

Die Widmung:

DEDICATION:

   Sweet friends, receive my offering. You will find

   Against each worded page a white page set:–

   This is the mirror of each friendly mind

   Reflecting that. In this book we are met.

   Make it, dear hearts, of worth to you indeed:–

   Let your white page be ground, my print be seed,

   Growing to golden ears, that faith and hope shall feed.

   YOUR OLD SOUL

   ~

WIDMUNG:

Werte Freunde, empfangt meine Gabe. Ihr werdet finden

Gegen jede Seite voll Wörter gesetzt eine weiße:–

Diese ist der Spiegel jedes freundlichen Geistes

Ihn reflektierend. In diesem Buch begegnen wir uns.

Macht es, ihr Herzlieben, euch tatsächlich zu Nutzen:–

Lasst eure weiße Seite den Boden sein, meine Schrift sei Saat,

Wachsend zu goldenen Ähren, die Glaube und Hoffnung soll nähren.

EURE ALTE SEELE

~

Der Januar:

JANUARY. ~ JANUAR

   1.

   LORD, what I once had done with youthful might,

   Had I been from the first true to the truth,

   Grant me, now old, to do–with better sight,

   And humbler heart, if not the brain of youth;

   So wilt thou, in thy gentleness and ruth,

   Lead back thy old soul, by the path of pain,

   Round to his best–young eyes and heart and brain.

1.

HERR, was einst ich hätt getan in junger Kraft,

Wär wahrhaftig ich gewesen von Anfang mit Wahrheit,

Gewähr mir, nun da ich alt, zu tun–mit bessrer Einsicht,

Und demüt´gerem Herzen, wenn auch nicht jungem Verstand;

So mögest du, in deiner Sanftheit und Erbarmen,

Leiten deine alte Seele, über´n Pfad des Schmerzes,

Zurück zu ihrem Besten—jung in Aug´, Herz und Verstand.

   2.

   A dim aurora rises in my east,

   Beyond the line of jagged questions hoar,

   As if the head of our intombed High Priest

   Began to glow behind the unopened door:

   Sure the gold wings will soon rise from the gray!–

   They rise not. Up I rise, press on the more,

   To meet the slow coming of the Master’s day.

2.

Ein schwaches Morgenrot steigt auf in meinem Osten,

Jenseits des klüften Horizonts voll Fragen taut der Reif,

Als wenn das Haupt unseres Hohepriesters in seinem Grab

Beginnt zu leuchten hinter der geschlossenen Tür:

Gewiss heben sich bald die gold´nen Schwingen aus dem Grau!–

Sie heben sich nicht. Ich erhebe mich, dränge umso mehr,

Zu begegnen dem langsamen Kommen des Tags des Herrn.

   3.

   Sometimes I wake, and, lo! I have forgot,

   And drifted out upon an ebbing sea!

   My soul that was at rest now resteth not,

   For I am with myself and not with thee;

   Truth seems a blind moon in a glaring morn,

   Where nothing is but sick-heart vanity:

   Oh, thou who knowest! save thy child forlorn.

3.

Manchmal erwach ich, weh mir! Ich hab vergessen,

Und bin hinausgetrieben, auf die wogende See!

Meine Seele, die in Ruhe war, ruht nun nicht mehr,

Denn ich bin bei mir selbst und nicht bei dir;

Wahrheit scheint ein blinder Mond in gleißend Morgen,

Wo nichts ist als nur herz-kranke Eitelkeiten:

Oh, du, der du es weißt! Rette dein verlor´nes Kind.

   4.

   Death, like high faith, levelling, lifteth all.

   When I awake, my daughter and my son,

   Grown sister and brother, in my arms shall fall,

   Tenfold my girl and boy. Sure every one

   Of all the brood to the old wings will run.

   Whole-hearted is my worship of the man

   From whom my earthly history began.

4.

Tod, wie tiefer Glaube, einebnend, erhöhet alles.

Wenn ich erwache, werden meine Tochter, mein Sohn,

Gewachsen zu Schwester und Bruder, fallen in meine Arme,

Zehnfach mein Mädchen, mein Junge. Gewiss jeder

Der gesamten Sippe unter die alten Schwingen wird laufen.

Von Herzen gilt mein Lobpreis dem Mann,

Aus dem meine irdische Geschichte entsprang.

   5.

   Thy fishes breathe but where thy waters roll;

   Thy birds fly but within thy airy sea;

   My soul breathes only in thy infinite soul;

   I breathe, I think, I love, I live but thee.

   Oh breathe, oh think,–O Love, live into me;

   Unworthy is my life till all divine,

   Till thou see in me only what is thine.

5.

Deine Fische atmen nur, wo deine Wasser wallen;

Deine Vögel fliegen nur in deiner luftigen See;

Meine Seele atmet nur in deiner unendlichen Seele;

Ich atme, ich denke, ich liebe, ich lebe nur durch dich.

Oh atme, oh denke,–Oh Liebe, leb in mich hinein;

Unwürdig ist mein Leben, bis es gänzlich göttlich,

Bis du in mir nur siehst, was deines ist.

   6.

   Then shall I breathe in sweetest sharing, then

   Think in harmonious consort with my kin;

   Then shall I love well all my father’s men,

   Feel one with theirs the life my heart within.

   Oh brothers! sisters holy! hearts divine!

   Then I shall be all yours, and nothing mine–

   To every human heart a mother-twin.

6.

Dann werd ich atmen in süßester Teilhabe, dann

Denken in harmonischer Eintracht mit den Meinen;

Dann werd ich recht lieben meines Vaters Sippe,

Mich eins fühl´n mit ihrem Leben in meinem Herzen.

Oh Brüder! Heilige Schwestern! Göttliche Herzen!

Dann werd ich ganz euer sein und nicht mehr mir gehör´n–

Jedem Menschenherz ein Mutter-Zwilling.

   7.

   I see a child before an empty house,

   Knocking and knocking at the closed door;

   He wakes dull echoes–but nor man nor mouse,

   If he stood knocking there for evermore.–

   A mother angel, see! folding each wing,

   Soft-walking, crosses straight the empty floor,

   And opens to the obstinate praying thing.

7.

Ich seh ein Kind vor leerem Haus,

Klopfend und klopfend an verschloss´ne Tür;

Es weckt hohle Echos–doch nicht Mann noch Maus,

Wenn es dort auch klopfend stünde ewiglich.–

Ein Mutter-Engel, schau! Entfaltend jeden Flügel,

Sanft tretend, gerade quert die leere Ebne,

Und öffnet dem hartnäckig bittend Ding.

   8.

   Were there but some deep, holy spell, whereby

   Always I should remember thee–some mode

   Of feeling the pure heat-throb momently

   Of the spirit-fire still uttering this I!–

   Lord, see thou to it, take thou remembrance‘ load:

   Only when I bethink me can I cry;

   Remember thou, and prick me with love’s goad.

8.

Gäb es doch einen tiefen, heil´gen Spruch, durch welchen

Ich immer an dich erinnert würde–eine Art

Zu fühlen den reinen Herzschlag stetig

Des Geist-Feuers, ausrufend immer noch dies Ich!–

Herr, sieh du danach, nimm dich des Erinnerns an:

Nur wenn ich mich besinne, kann ich rufen;

Erinnre du und stich mit dem Stachel der Liebe mich.

   9.

   If to myself–„God sometimes interferes“–

   I said, my faith at once would be struck blind.

   I see him all in all, the living mind,

   Or nowhere in the vacant miles and years.

   A love he is that watches and that hears,

   Or but a mist fumed up from minds of men,

   Whose fear and hope reach out beyond their ken.

9.

Wenn zu mir ich sagte–„Gott greifet manchmal ein“–

Wär geschlagen mein Glaube alsbald mit Blindheit.

Ich seh ihn Alles in Allem, den lebend´gen Geist,

Oder sonst nirgendwo, in Leere von Wegen und Jahren.

Eine Liebe ist er, die wacht und die hört,

Oder bloß ein Nebel, entstiegen dem Sinn der Menschen,

Deren Fürchten und Hoffen all jenes ihrer Sippe übersteigt.

   10.

   When I no more can stir my soul to move,

   And life is but the ashes of a fire;

   When I can but remember that my heart

   Once used to live and love, long and aspire,–

   Oh, be thou then the first, the one thou art;

   Be thou the calling, before all answering love,

   And in me wake hope, fear, boundless desire.

10.

Wenn ich nicht mehr rütteln kann meine Seel sich zu regen,

Und das Leben nur noch Asche eines Feuers ist;

Wenn ich nur noch sinnen kann, dass mein Herz

Einst gewohnt war zu leben, zu lieben, zu sehnen, zu streben,–

Oh, sei du der Erste dann, der Eine, der du bist;

Sei du das Rufen, vor aller antwortenden Liebe,

Und erweck in mir Hoffen, Staunen, grenzenlos Verlangen.

   11.

   I thought that I had lost thee; but, behold!

   Thou comest to me from the horizon low,

   Across the fields outspread of green and gold–

   Fair carpet for thy feet to come and go.

   Whence I know not, or how to me thou art come!–

   Not less my spirit with calm bliss doth glow,

   Meeting thee only thus, in nature vague and dumb.

11.

Ich dachte, dass ich dich hätt verlor´n, doch, sieh!

Du kommst zu mir vom flachen Horizont,

Über die weiten Felder von Grün und Gold–

Lichter Teppich für deine Füße, darauf zu wandeln.

Ich weiß es nicht, woher oder wie du zu mir kamst!–

Nicht wen´ger leuchtet mein Geist in ruhiger Wonne,

Dich so bloß zu treffen, vag und gedämpft in der Natur.

   12.

   Doubt swells and surges, with swelling doubt behind!

   My soul in storm is but a tattered sail,

   Streaming its ribbons on the torrent gale;

   In calm, ‚tis but a limp and flapping thing:

   Oh! swell it with thy breath; make it a wing,–

   To sweep through thee the ocean, with thee the wind

   Nor rest until in thee its haven it shall find.

12.

Zweifel wogt und wallt, und Zweifelwoge folgt dahinter!

Meine Seele im Sturm ist bloß ein flatternd Segel,

Ausbreitend ihre Seile in der Sturmesflut;

In Ruhe ist sie schlaff flappendes Ding nur;

Oh! Bläh sie mit deinem Atem; mach sie zum Flügel,–

Durch dich, den Ozean zu streichen, mit dir, dem Wind,

Nicht rastend, eh in dir ihren Hafen sie find.

   13.

   The idle flapping of the sail is doubt;

   Faith swells it full to breast the breasting seas.

   Bold, conscience, fast, and rule the ruling helm;

   Hell’s freezing north no tempest can send out,

   But it shall toss thee homeward to thy leas;

   Boisterous wave-crest never shall o’erwhelm

   Thy sea-float bark as safe as field-borne rooted elm.

13.

Das träge Flappen des Segels ist Zweifel;

Glaube bläht es voll, der brüsken See zu trotzen.

Kühn, Gewissen, halt fest, beherrsch den lenkend Holm;

Der Hölle frostig Norden kann kein Unwetter senden,

Außer es wirft dich heimwärts zu deinen Auen;

Tobende Wellenkämme übermannen niemals mehr

Deine treibend Barke, sicher wie die Ulme, tief verwurzelt.

   14.

   Sometimes, hard-trying, it seems I cannot pray–

   For doubt, and pain, and anger, and all strife.

   Yet some poor half-fledged prayer-bird from the nest

   May fall, flit, fly, perch–crouch in the bowery breast

   Of the large, nation-healing tree of life;–

   Moveless there sit through all the burning day,

   And on my heart at night a fresh leaf cooling lay.

14.

Manchmal, hart mich mühend, scheint es, ich kann nicht beten–

Wegen Zweifel und Schmerz, Zorn und allem Hader.

Doch ein armer, halb-flügger Bet-Vogel aus dem Nest

Mag fallen, flattern, fliegen, hocken–kriechen in der laubigen Brust

Des großen, Nationen-heilenden Baums des Lebens;–

Reglos dort sitzen durch den brennenden Tag,

Und auf mein Herz legen bei Nacht ein kühlend frisches Blatt.

   15.

   My harvest withers. Health, my means to live–

   All things seem rushing straight into the dark.

   But the dark still is God. I would not give

   The smallest silver-piece to turn the rush

   Backward or sideways. Am I not a spark

   Of him who is the light?–Fair hope doth flush

   My east.–Divine success–Oh, hush and hark!

15.

Meine Ernte welkt. Gesundheit, Unterhalt zum Leben–

Alle Dinge scheinen gerade zu fallen ins Dunkel.

Doch das Dunkel ist immer noch Gott. Ich würde nicht geben

Das kleinste Silberstück, den Fall zu wenden

Rückwärts oder seitwärts. Denn bin ich nicht ein Funke

Von ihm, welcher ist das Licht?–Holde Hoffnung rötet

Meinen Osten.–Göttlicher Sieg–Oh, still und lausche!

   16.

   Thy will be done. I yield up everything.

   „The life is more than meat“–then more than health;

   „The body more than raiment“–then than wealth;

   The hairs I made not, thou art numbering.

   Thou art my life–I the brook, thou the spring.

   Because thine eyes are open, I can see;

   Because thou art thyself, ‚tis therefore I am me.

16.

Dein Wille geschehe. Alles gebe ich auf.

„Das Leben ist mehr als Fleisch“–dann mehr als Wohlsein;

„Der Leib ist mehr als Kleidung“–dann als Wohlstand;

Die Haare machte ich nicht, die du zählst.

Du bist mein Leben–Ich der Bach und du die Quelle.

Weil deine Augen offen sind, kann ich sehen;

Weil du selbst bist, wer du bist, bin ich, wer ich bin.

   17.

   No sickness can come near to blast my health;

   My life depends not upon any meat;

   My bread comes not from any human tilth;

   No wings will grow upon my changeless wealth;

   Wrong cannot touch it, violence or deceit;

   Thou art my life, my health, my bank, my barn–

   And from all other gods thou plain dost warn.

17.

Keine Krankheit naht, mir die Gesundheit zu rauben;

Mein Leben hängt an keinem Fleische;

Mein Brot entstammt nicht dem Acker eines Menschen;

Mein Wohlstand bleibt unveränderlich, flieht nicht;

Übel rührt ihn nicht an, nicht Gewalt, nicht Betrug;

Du bist mein Leben, meine Gesundheit, Bank und Scheune–

Und vor allen andern Göttern mahnst du deutlich.

   18.

   Care thou for mine whom I must leave behind;

   Care that they know who ‚tis for them takes care;

   Thy present patience help them still to bear;

   Lord, keep them clearing, growing, heart and mind;

   In one thy oneness us together bind;

   Last earthly prayer with which to thee I cling–

   Grant that, save love, we owe not anything.

18.

Sorge du für die Meinen, welche ich lassen muss;

Sorge, dass sie wissen, wer es ist, der für sie sorgt;

Deine gegenwärtige Geduld helfe ihnen zu tragen;

Herr, halt sie an zu Klarheit und Wachstum in Herz und Verstand;

In Eins dein Einssein uns zusammen binde;

Letztes irdisch Gebet, mit welchem ich an dir klammre–

Gib, dass, außer Liebe, wir nichts uns schuldig sind.

   19.

   ‚Tis well, for unembodied thought a live,

   True house to build–of stubble, wood, nor hay;

   So, like bees round the flower by which they thrive,

   My thoughts are busy with the informing truth,

   And as I build, I feed, and grow in youth–

   Hoping to stand fresh, clean, and strong, and gay,

   When up the east comes dawning His great day.

19

Wohl ist´s für den unbehaust lebenden Gedanken,

Ein wahres Haus zu baun–nicht von Stroh, Holz oder Heu;

So, wie Bienen um die Blüte schwirren, die sie nährt,

Sind meine Gedanken befasst mit der Wahrheit,

Und wie ich baue, nähre und in Jugend wachse–

Hoff ich zu stehn frisch, rein und stark und froh,

Wenn ostwärts dämmernd kommt Sein großer Tag.

   20.

   Thy will is truth–‚tis therefore fate, the strong.

   Would that my will did sweep full swing with thine!

   Then harmony with every spheric song,

   And conscious power, would give sureness divine.

   Who thinks to thread thy great laws‘ onward throng,

   Is as a fly that creeps his foolish way

   Athwart an engine’s wheels in smooth resistless play.

20.

Dein Wille ist Wahrheit–ist deshalb Schicksal, die Kraft.

Würde doch mein Wille völlig schwingen mit dem deinen!

Dann würde die Harmonie mit jedem sphärischen Lied

Und gegenwärtiger Kraft göttliche Gewissheit geben.

Wer denkt, er könnte folgen dem Strang deiner großartigen Gesetze,

Ist nur eine Fliege, kriechend ihren närrischen Weg

Entlang eines Maschinenrads in geschmeidig-unaufhörlichem Spiel.

   21.

   Thou in my heart hast planted, gardener divine,

   A scion of the tree of life: it grows;

   But not in every wind or weather it blows;

   The leaves fall sometimes from the baby tree,

   And the life-power seems melting into pine;

   Yet still the sap keeps struggling to the shine,

   And the unseen root clings cramplike unto thee.

21.

Du hast in mein Herz gepflanzt, göttlicher Gärtner,

Einen Setzling vom Baum des Lebens: er wächst;

Doch nicht bei jedem wehenden Wind und Wetter;

Die Blätter fallen manchmal vom Kinderbaum,

Und die Lebenskraft scheint zu schmelzen ins Welke;

Doch immer noch steigt der Saft zum Licht,

Und die unsichtbare Wurzel hält krampfend an dir fest.

   22.

   Do thou, my God, my spirit’s weather control;

   And as I do not gloom though the day be dun,

   Let me not gloom when earth-born vapours roll

   Across the infinite zenith of my soul.

   Should sudden brain-frost through the heart’s summer run,

   Cold, weary, joyless, waste of air and sun,

   Thou art my south, my summer-wind, my all, my one.

22.

Beherrsch du, mein Gott, meines Geistes Wetter;

Und wie ich nicht düster brüte, obwohl der Tag vorbei,

Lass mich nicht düster brüten, wenn Dämpfe aus der Erde wallen

Über den unendlichen Zenit meiner Seele.

Sollte plötzlicher Hirn-Frost den Sommer des Herzens durchziehn,

Kalt, träge, freudlos, Luft und Sonne zehrend,

Bist du mein Süden, mein Sommerwind, mein All, mein Eines.

   23.

   O Life, why dost thou close me up in death?

   O Health, why make me inhabit heaviness?–

   I ask, yet know: the sum of this distress,

   Pang-haunted body, sore-dismayed mind,

   Is but the egg that rounds the winged faith;

   When that its path into the air shall find,

   My heart will follow, high above cold, rain, and wind.

23.

Oh Leben, warum verschließest mich im Tode?

Oh Gesundheit, warum lässt mich weilen in Schwere?–

Ich frag, doch weiß: Summe dieser Trübnis,

Leid-geplagter Leib, wund-bestürzter Geist,

Ist nur das Ei, geflügelten Glauben umschließend;

Wenn dieser den Weg ins Freie find,

Folgt mein Herz, hoch über Kälte, Regen, Wind.

   24.

   I can no more than lift my weary eyes;

   Therefore I lift my weary eyes–no more.

   But my eyes pull my heart, and that, before

   ‚Tis well awake, knocks where the conscience lies;

   Conscience runs quick to the spirit’s hidden door:

   Straightway, from every sky-ward window, cries

   Up to the Father’s listening ears arise.

24.

Ich kann nicht mehr als meine müden Augen heben;

Daher heb ich meine müden Augen–nicht mehr.

Doch meine Augen ziehn mein Herz, und dies, eh

Es wohl erwacht, klopft an, wo das Gewissen liegt;

Gewissen eilet zu des Geists verborgner Tür:

Geradewegs, aus jedem himmelwärt´gen Fenster,

Dringen Schreie an des Vaters lauschend Ohr.

   25.

   Not in my fancy now I search to find thee;

   Not in its loftiest forms would shape or bind thee;

   I cry to one whom I can never know,

   Filling me with an infinite overflow;

   Not to a shape that dwells within my heart,

   Clothed in perfections love and truth assigned thee,

   But to the God thou knowest that thou art.

25.

Nicht nach meiner Einbildung such ich dich zu finden;

Nicht in erhabensten Formen dich zu gestalten oder binden;

Ich ruf zu einem, welchen ich niemals kennen kann,

Mich zu füllen mit unendlichem Überfließen;

Nicht zu einer Gestalt, die in meinem Herzen wohnt,

Gekleidet in Vollkommenheiten, von Lieb und Wahrheit zugeteilt,

Sondern zu dem Gotte, von dem du weißt, dass du es bist.

   26.

   Not, Lord, because I have done well or ill;

   Not that my mind looks up to thee clear-eyed;

   Not that it struggles in fast cerements tied;

   Not that I need thee daily sorer still;

   Not that I wretched, wander from thy will;

   Not now for any cause to thee I cry,

   But this, that thou art thou, and here am I.

26.

Nicht, Herr, weil wohlgetan ich habe oder übel;

Nicht, dass mein Sinn zu dir mit klarem Auge schaut;

Nicht, dass er windet sich in engem Leichenhemde;

Nicht, dass ich dich nicht täglich weher bräuchte;

Nicht, dass ich elend irrte ab von deinem Willen;

Nicht um irgendeinen Grund zu dir ich rufe,

Außer diesem, dass du bist du, und ich bin hier.

   27.

   Yestereve, Death came, and knocked at my thin door.

   I from my window looked: the thing I saw,

   The shape uncouth, I had not seen before.

   I was disturbed–with fear, in sooth, not awe;

   Whereof ashamed, I instantly did rouse

   My will to seek thee–only to fear the more:

   Alas! I could not find thee in the house.

27.

Gestern Abend kam der Tod, pochte an mein dünnes Tor.

Ich sah aus meinem Fenster: das Ding, was ich sah,

Die ungeschlachte Form, sah ich noch nie zuvor.

Ich war verstört–voll Furcht, in Stille, nicht in Staunen;

Worauf beschämt, ich augenblicklich weckte

Meinen Willen, dich zu suchen–um noch mehr zu fürchten:

Weh! Ich konnte dich nicht finden in dem Haus. 

   28.

   I was like Peter when he began to sink.

   To thee a new prayer therefore I have got–

   That, when Death comes in earnest to my door,

   Thou wouldst thyself go, when the latch doth clink,

   And lead him to my room, up to my cot;

   Then hold thy child’s hand, hold and leave him not,

   Till Death has done with him for evermore.

28.

Ich war wie Petrus, als er begann zu sinken.

Zu dir bete ich darum ein neues Gebet–

Dass, wenn im Ernst der Tod kommt zu meinem Tor,

Du selbst magst gehen, wenn nicht der Riegel springt,

Ihn leiten bis zu meinem Raum, hin zu meinem Bett;

Dann halte deines Kindes Hand, halt und lass nicht los,

Bis dass der Tod fertig mit ihm ist für alle Zeit.

   29.

   Till Death has done with him?–Ah, leave me then!

   And Death has done with me, oh, nevermore!

   He comes–and goes–to leave me in thy arms,

   Nearer thy heart, oh, nearer than before!

   To lay thy child, naked, new-born again

   Of mother earth, crept free through many harms,

   Upon thy bosom–still to the very core.

29.

Bis der Tod fertig mit ihm ist–Ah! Mich dann lassen!

Und der Tod ist fertig mit mir, oh, niemals mehr!

Er kommt–und geht–zu lassen mich in deinen Armen,

Näher deinem Herzen, oh, näher als zuvor!

Dein Kind zu legen, nackt, ganz neu geboren

Von Mutter Erde, frei gekrochen durch vieles Leiden,

Hinauf zu deinem Busen–bis zum innigsten Kern.

   30.

   Come to me, Lord: I will not speculate how,

   Nor think at which door I would have thee appear,

   Nor put off calling till my floors be swept,

   But cry, „Come, Lord, come any way, come now.“

   Doors, windows, I throw wide; my head I bow,

   And sit like some one who so long has slept

   That he knows nothing till his life draw near.

30.

Komm zu mir, Herr: ich will nicht spekulieren wie,

Noch denken, an welchem Tor ich dich empfange,

Noch aufhörn zu rufen, bis meine Räume rein gefegt,

Sondern schrein, „Komm, Herr, komm auf jede Weise, jetzt.“

Türen, Fenster, werf weit ich auf: mein Haupt ich beuge,

Und sitz wie jemand, welcher hat so lang geschlafen,

Dass er nichts weiß, bis ihm sich naht sein Leben.

   31.

   O Lord, I have been talking to the people;

   Thought’s wheels have round me whirled a fiery zone,

   And the recoil of my words‘ airy ripple

   My heart unheedful has puffed up and blown.

   Therefore I cast myself before thee prone:

   Lay cool hands on my burning brain, and press

   From my weak heart the swelling emptiness.

31.

Oh Herr, ich redete zu den Leuten;

Gedankenräder haben um mich ein Feuerfeld gezündet,

Und der Widerhall der luftigen Wellen meiner Worte

Hat mein Herz rückhaltlos aufgeblasen und gebläht.

Daher werf ich vor dir mich nieder:

Leg kühlend Hände auf mein brennend Hirn, und drück

Aus meinem schwachen Herz die schwellend Leere.