Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

2. Dezember: Silberner Zaun

   Meine Hände waren warm, wo ich die Hörner des Passus berührt hatte. Den Rest meines Körpers ergriff eine plötzliche Kälte, denn es war Nacht geworden auf der Anhöhe. Der Novemberfrost mischte sich mit Nebel, der dicht wie Leichentücher in den Falten der grasigen Steigung lag. Unbeeindruckt fraßen die Schafe weiter, denn das Kraut war noch nicht steif gefroren und ihr Fell war dicht, die Füße mit dicken Hufen bewehrt. Aus ihren Mündern stieg der Atem in stoßweisen Wölkchen. Ich blickte den Passus an. Seine Augen waren schwärzer als zuvor. Auch aus seinem Mund stieg der Atem als Nebel auf. All das konnte ich sehen, weil ein großer Vollmond als Riese über den Horizont gestiegen war, um das Licht der Sterne auszubleichen und die frostige Sonne jener Gegenwelt zu sein, deren Schönheiten wir für gewöhnlich verschlafen.

   Ich zog meine Mütze tiefer ins Gesicht und über die Ohren, schob meine Hände in die Jackentaschen und sah mich um. Der Nebel lag nicht mehr nur auf der Anhöhe, sondern war auf die umliegenden Felder gekrochen. Er bedeckte sie vollständig. Nur noch der Hügel, auf dem wir waren, ragte als Insel aus der Nacht-Weiße. Ich musste über den Anblick lächeln, obwohl ich sehr fror.

   „Mir ist kalt.“, sagte ich.

   Der Passus nickte. „Dann lass uns etwas tun. Wenn die Hände und Augen gleichermaßen beschäftigt sind, brennt das innere Feuer stärker.“

   Er stand auf und begann zwischen dem höheren Gras nach etwas zu suchen. Ich folgte ihm und sah zu, wie er sich tief bückte. Mit seinen schlanken Fingern pflückte er einen trockenen Distelbusch.

   „Diese sammeln wir.“, erklärte er.

   Es waren verzweigte, kugelige Gebilde, deren Blätter und abgestorbene Blütenstände sämtlich aus Stacheln bestanden. Ein silbriges Grün überzog sie im Licht des Mondes. Ich fragte nicht, wozu wir diese wenig freundlichen Pflanzen sammelten, sondern machte mich daran, selbst im Gras danach zu suchen. Schließlich betrachtete ich den Passus als einen alten Freund und wollte ihm helfen. Leider war ich weniger geschickt darin, die Berührung mit den Stacheln zu meiden. Immer wieder bohrten sich die Enden der schwer bewaffneten Pflanze in meine steifen Finger. Dankbar seufzte ich über die frostige Luft, da sie die schmerzhafte Erfahrung ein wenig linderte.

   Wir häuften die Disteln neben dem Stein auf, der dem Passus zuvor als Sitzplatz gedient hatte. Als er endlich sagte „Genug!“, hob ich erleichtert meine Hände vor das Gesicht. An mehreren Stellen hatten die Finger geblutet. Die kleinen Schnitte brannten unangenehm. Es störte mich wenig. Viel mehr störte mich, dass ich wegen der Schmerzhaftigkeit erheblich weniger Pflanzen gesammelt hatte als mein Freund.

   „Es tut mir leid. Eine große Hilfe war ich nicht.“, sagte ich bedauernd.

   Der Passus drehte sich zu mir, griff nach meinen Händen und hielt sie dicht unter seine finsteren Augen.

   „Denkst du nicht, dass es seltsam ist, so etwas von dir zu sagen? Diese Arbeit verrichte ich sonst allein.“, gab er zu bedenken.

   War da ein Lächeln im Tiergesicht? Seine Augen jedenfalls schimmerten feuchter. Aus jedem der beiden Seelenfenster drang eine Träne. Nacheinander hob er meine rechte Hand an sein linkes Auge und meine linke Hand an sein rechtes Auge. Seine Tränen brannten in den offenen Wunden, als er sie mit den eigenen Fingern rasch auf den meinen verteilte. Sofort hörten die Wunden auf zu bluten. Auch der Schmerz nahm langsam ab.

   „Der Schmerz ist ein Übergang, den der Mensch gern vermeidet.“, sagte er und wandte sich dann den Disteln zu, die wir gepflückt hatten.

   Der Passus setzte sich wieder auf den Stein und winkte mir, mich neben ihn zu setzen. Still in der Kälte zitternd sah ich ihm zu, wie er eines der stachligen Kugelgebilde aufnahm und dann ein zweites. Sachte bettete er sie auf seinen Knien. Wie nur vermied er es, von den Pflanzen zerstochen zu werden?

   Aus seiner linken Westentasche holte er ein kleines Bündel silbrigen Garns, das sehr dünn war und tatsächlich glitzerte, als wäre es Draht, obwohl es geschmeidig wie Wolle über die Finger des Passus glitt. Er machte damit die zwei Disteln aneinander fest, nahm eine dritte Kugel auf und band sie ebenso fest. Er knotete eine Pflanze an die nächste, so dass eine Reihe entstand. Dabei zerschnitt er das Garn nicht, sondern wand kunstvolle Schlaufen. Nach und nach entstand auf diese Weise der Eindruck, als wären die trockenen Stachelkugeln auf einer Kette aus Silberdraht befestigt. Wie genau der Passus das bewerkstelligte, konnten meine Augen nicht erkennen, obwohl ich ihm ununterbrochen zusah.

   Er musste nichts sagen, damit ich erkannte, was meine Aufgabe war. Ich stand auf. Vorsichtig hielt ich das Ende dieser Kette aus Disteln und kosmischem Schafsgarn. Sobald der Passus wieder eine der Pflanzen aufnahm und die vorige vom Schoß gleiten ließ, trat ich ein Stück zurück und zog die Reihe glatt aus. Dabei entfernte ich mich von ihm. Mir wurde kälter, als ich nicht mehr in seiner Gegenwart war. Der Frost wurde stärker. Er gefror auf dem Gras. Die Schafe verloren die Lust am Fressen. Sie schnauften leise. Endlich war der Passus fertig.

   „Nun geh dort unten herum. Ich komme dir von oben entgegen, dass wir den Kreis schließen. So treiben wir meine Schafe zusammen.“, rief er mir zu.

  Ganz selbstverständlich setzten sich die Tiere in Bewegung, als wir sie mit der Distel-Girlande einkreisten. Eng und enger kamen sie zusammen, lagerten sich im Gras, schoben die Köpfe ineinander, übereinander. Einige gähnten sogar. Sie wussten, dass ihr Hirte sie einhegte. Es war Zeit für den Schlaf unter dem Mond, im Tau der kalten Tage, im Novemberfrost, im süßen Duft des vergehenden Grases. Sie waren fett und glücklich. Das spürte ich. Lächelnd reichte ich mein Ende dem Passus, der es mit seinem Ende verknüpfte und ins Gras legte. In einem fast vollkommenen Kreis lagen die Disteln um die Schafe herum. Der Passus griff in seine andere Westentasche und zog die Flöte hervor. Ich freute mich, dass er sie spielen wollte. Zu gern lauschte ich dem feinen Ton seines Instrumentes. Die Melodien waren nie aufdringlich, sie schmeichelten Herz und Ohren.

   Als er zu spielen begann, klang die Flöte in so tiefen Tönen, wie ich sie noch nicht gehört hatte und von denen ich nicht vermutet hatte, dass sie in diesem winzigen Instrument liegen könnten. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Ich drehte mich um und wich erschrocken zurück. Die Disteln reckten sich. Ihre Stängel, Stacheln und Blätter wurden länger, breiter. Sie dehnten sich in die Höhe, verschränkten sich miteinander und bildeten ein dichtes Geflecht. Sie wuchsen bei jedem tiefen Ton der Flöte ein weiteres Stück in die Höhe.

   Als der Passus aufhörte zu spielen, waren die Schafe mannshoch umzäunt. Als hätte jemand aus Silber mit schmiedeeiserner Kunst gearbeitet, stand dort ein metallischer Zaun aus Pflanzenranken. Das Garn der kosmischen Schafe schien sich ausgedehnt zu haben, um die Pflanzen zu überziehen. Gleichzeitig hatten sie neu gewurzelt, sich tief in die Erde gegraben. Es war das schönste und zugleich furchterregendste Gebilde, das ich je gesehen hatte.

   „Wie hast du das gemacht?“, fragte ich.

   „Mein Lied hat die Erde an ihre erste Kraft erinnert. Es hat Zeiten gegeben, da brauchte es nur einen Tropfen Wasser und einen Sonnenstrahl am Morgen und das Erdreich hat einen Baum wachsen lassen, dessen äußerste Zweige die Wolken von unten berührten. Aber nun ist die Erde müde geworden. Einzig Gras und Kraut wachsen immer noch über alles, wo es nur ein wenig Feuchte gibt. Sie bedecken gnädig, was der Mensch umgegraben hat. Sie sind das Verzeihen der Erde.“

   Der Passus nickte ernst. Als er meine betroffene Miene sah, warf er den Kopf zurück und lachte. Ich wusste nie, ob er mir eine Geschichte erzählte, um mich zu belehren oder mich zu verspotten. Aber es gefiel mir, wie er lachte. Es war ohne Bösartigkeit. Es war fröhlich. Es hatte den hellen Klang der Jugend, obwohl man ahnte, dass dieses Lachen sehr alt war. Es hatte tatsächlich die ersten Bäume wachsen sehen. Darum fiel es mir nicht schwer, als der Passus nach meiner Hand griff, sie ihm zu überlassen und mit ihm zu gehen. Die Schafe schliefen sicher beschützt im silbernen Käfig. Wir konnten sie dem Mond überlassen, der über ihnen aufstieg, kleiner wurde und einen weiten Hof bildete.