Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

3. Dezember: Nebliger Weg

   Wir stiegen auf den Kamm der Anhöhe. Dort gab es einen schmalen, sandigen Pfad. Zu allen Seiten hin sah man den Nebel als undurchdringliche Decke auf den Feldern liegen. Furchtbar einzig wirkte unser Weg. Wie weit er sich zog, war nicht zu erkennen. Ich ging immer noch an der Hand des Passus. Die Kälte seiner Finger vermischte sich mit der Kälte meiner Finger. Seine Kälte machte die meine weniger schlimm. Der Passus war ein mondkühles Wesen, doch in seiner Nähe fror man nicht. Ich spürte die feinen Härchen auf seinem Handrücken. Die Handflächen waren unbehaart, glatt und trocken. Es war angenehm, meinen Freund so nah bei mir zu haben. Trotzdem hatte seine Andersartigkeit, seine Wildheit immer noch etwas Beklemmendes.

   „Wo gehen wir hin?“, fragte ich nach einer Weile.

   Ich hatte vergessen, dass er so lange schweigen konnte. Menschen sind im Allgemeinen geschwätzig. Die, die es nicht sind, sind die Geschwätzigkeit anderer gewohnt. Schweigendes Nebeneinanderhergehen ist etwas Seltenes geworden. Er antwortete nicht. Nur der Druck seiner Hand schien sich für einen Augenblick zu verstärken. Müdes Glück, eine Sehnsucht danach, überrascht zu werden, stieg in mir auf. Das Leben bleibt nur dann interessant, wenn nicht alles vorausgesehen wird. Schweig, sagte der Händedruck. Ich schwieg.

   Die Nacht ist ein Übergang, fiel mir ein. Von einem Tag zum anderen. Darum haben wir Angst vor ihr wie vor allen Übergängen. Die Dunkelheit verunsichert uns. Dieselbe Dunkelheit wohnte in den Augen des Passus. Es war, als würden sie sich an der Schwärze der sonnenlosen Zeit satt trinken. Abgründe waren sie, an deren Boden sich eine unberührbare Seele fand. Wie weit weg mir mein Freund dadurch erschien, obwohl er so freundlich mit dem tierischen Kopf wippte und nichts Ablehnendes in seiner Haltung wohnte! Ich seufzte.

   „Meine Zeit ist jetzt.“, sagte er.

   „Ich weiß.“, antwortete ich. „Der Übergang.“

   Der Passus nickte. „Es ist nicht nur die Zeit. Es sind auch die Orte des Übergangs, die ab jetzt lebendig werden, bis meine Zeit vorüber ist.“

   „Wir besuchen diese Orte, nicht wahr?“, fragte ich.

   Wieder nickte er. Es lag etwas Ehrfürchtiges darin. Es mussten heilige Orte sein. Ein Schauer überkam mich. Wie mochten die Orte des Übergangs aussehen? Waren sie für Menschen bestimmt? Wollte ich sie überhaupt sehen? Ich wollte; mit aller Macht wollte ich mich in die Brunnen dunklen Wassers stürzen und aus ihnen trinken. Ich wollte die Seele der Nacht und des Nebels ergründen. Angst und Sehnsucht lagen als Schwestern auf dem Bett schlafloser Stunden zusammen.

   Der Kammweg fand zu seinem Ende, senkte sich ab, ging über in die Fläche und endete auf einer Wiese. Wir tauchten in den Nebel ein. Das feuchte Gras durchweichte meine Turnschuhe. Ich war gekleidet für eine Wanderung an einem trockenen Novembertag über festgestampfte Feldwege, nicht für einen Lauf durch Frost und Nässe. War ich nicht vor zwei Jahren im Schlafanzug die Treppe zum Mond heraufgestiegen? Heute hatte ich immerhin eine Mütze und einen Schal bei mir, dicke Socken an warmgelaufenen Füßen und eine dieser furchtbar belanglosen Allwetterjacken. Alles in unauffälligem Schwarz. Der Passus war die Lichtgestalt mit seinem weißen Fell. Ich war die Gestalt der Dunkelheit. Bei diesem Gedanken musste ich grinsen.

   „Was ist so lustig, Lina?“, fragte der Passus. Er neigte seinen Kopf.

   „Ach, sieh mich an. Was für eine Furcht hatte ich einst vor dir, dem Herrn der dunklen Zeit des Übergangs. Und hier laufe ich neben dir, mitten in der Nacht, schwarz gekleidet wie eine Einbrecherin. Lächerlich!“ Ich lachte.

   Der Passus lachte ebenfalls, leise und meckernd. „Es ist wahr. Ihr Menschen seid lächerliche Wesen. Aber das macht es möglich, dass ihr geliebt werden könnt.“

   Wieder wusste ich nicht, ob er seine Äußerung ernst meinte. Ob ich hätte beleidigt sein sollen. Ob er mir etwas mitteilen wollte. Ich nahm es hin und fühlte mich wohl damit. War es nicht natürlich, dass ein Wesen des Übergangs so redete?

   Der Nebel wurde so dicht, dass man gerade einen Schritt weit sehen konnte. Dazu erschwerten der blendende Mond und die tiefe Nacht das Sehen. Ich griff fester nach der Hand des Passus, denn mich überkam die Sorge, dass wir möglicherweise nicht ankamen, wohin wir wollten, weil der Weg sich im Dunst verlor. Es war festes, welkes Gras unter unseren Füßen, kein erdiger Weg. Der Passus legte seine andere Hand auf meine und sah mich an. Die Schwärze seiner Augen war überwältigend.

   „Weißt du nicht, dass wir den Weg finden, weil wir einander festhalten?“, fragte er.

   Mein Freund hatte meine Angst erkannt.

   „Danke.“, sagte ich nur.

   Jetzt hakte er mich sogar unter. Sein hagerer Rumpf wiegte sich an meiner Schulter, als wir im Gleichschritt gingen. Konnte ich sein Herz schlagen hören? Seinen Atem in der Brust? Sah ich den Mond in seinen Augen sich spiegeln? Roch ich das trockene Gras, die Wolle der Schafe und die Schneekälte an ihm? Ich wusste es nicht, denn die Bewegung wurde zu einem Traum. Die Wiese glitt unfühlbar unter uns dahin. Kaum berührten meine Füße den nassen Untergrund. Zusammen mit dem Passus war ich leicht.

   Endlich endete der Gang über die Wiese. Wir traten auf einen Feldweg hinaus und wanden uns nach links. Der Passus ließ mich los. Ohne Berührung gingen wir nebeneinander. Der Mond stand hinter uns. Er warf unsere formlosen Schatten in den Nebel. Ich fühlte mich verlassen. Immer wieder musste ich zur Seite schauen, um mich zu vergewissern, dass mein Begleiter noch da war. Erst als der Nebel dünner wurde und die Umrisse einzelner Häuser zu beiden Seiten des Weges zu erkennen waren, schwand die Unsicherheit.

   Wir hatten das Ende eines mir unbekannten Ortes erreicht. Der Feldweg ging in schwarze Pflastersteine über, die Häuser wurden deutlicher. Eine Seite der Straße war durch Laternen erleuchtet, auf der anderen standen schlanke Linden, deren kahle Äste ihr eigenes Abbild auf die Fassaden warfen. Der Nebel war nur noch leichter Dunst, der das Licht abstumpfte und seltsam gleichmäßig in der Luft verteilte. Wir bogen wieder in dunklere Straßenzüge ein. In der Nähe musste ein Kirchturm sein, dessen Glocke gerade dreimal schlug. Dreimal für die volle Stunde oder für das dritte Viertel vor der vollen Stunde? Beides war möglich.

   Wir bogen ein weiteres Mal ab. Diese Straße war breiter angelegt. Sie wurde von schwarz-rindigen Kastanienbäumen gesäumt. Reste des rostig abgefallenen Laubes lagen im Rinnstein. Das Pflaster glänzte fast so schwarz und nass wie die Augen des Passus. Langsam stieg die Straße an. Sie endete an einem großen schmiedeeisernen Tor. Darüber wölbte sich ein gemauerter Bogen, der in grob geschichtetes Mauerwerk auslief. Dieser Eingang war alt. Vielleicht nur einmal erneuert und ausgebessert worden. Er war weit und hoch genug, dass eine Pferdekutsche hindurchpasste. Oder ein kleinerer Lieferwagen. Ein breiter Kombi.

   Denn eine Leiche braucht Platz, wenn sie zu ihrer letzten Ruhestätte auf den Friedhof gefahren wird.