Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

4. Dezember: Alte Ruhestätte

   Dieser Friedhof musste mehrere Hundert Jahre alt sein. Eine kleine romanische Kirche duckte sich in seiner Mitte. Der Mond beleuchtete ihre Turmspitzen und den Dachfirst. Sie war ein einfaches Gebäude, wenig umgebaut über die Generationen, so dass ihr wuchtiges Kauern erhalten geblieben war. Sie stammte aus einer Zeit, als das Heilige und der Tod gute Nachbarn waren, bevor die Nüchternheit in das Beten eingekehrt war und alle Erinnerungen an alte Gottheiten dahinwelkten. Nur das neunzehnte Jahrhundert hatte gewagt, ein wenig Kitsch in die Fensterbögen und die Eingangspforte zu pflanzen. Die Rankenmuster wollten sich schlecht in das Gefüge des groben Steins einpassen; sie blieben fremd. Ein vergeblicher Versuch, dem alten Glauben wieder mehr Großartigkeit zu verleihen.

   Die Grabsteine wuchsen als stumme Zeugen vergangener Moden und Frömmigkeitsformen aus dem Totenacker. Der Same zu ihren Füßen jedoch war gleichgeblieben. Menschenleib auf Menschenleib. Ich hatte gedacht, ein Friedhof bei Nacht wäre eine Stätte des Grauens. Doch ich sah nur Schönheit. Man hatte die alten Grabsteine und tiefen Gruften nicht angetastet. Sie existierten neben modernen Hässlichkeiten glattgeschliffener Gedenktafeln. Schneeweiß, in Gold oder in Bronze konnte man die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen aus den letzten Jahrzehnten entziffern. Die Inschriften auf den alten Granitblöcken und Findlingen waren unleserlich verwittert. Steinerne und eiserne Kreuze, mal schlicht und mal bis zur Unkenntlichkeit verschnörkelt, verbreiteten eine Ernsthaftigkeit, die der fröhliche Gott der Christenheit vielleicht belächelte. All das wurde scharf gezeichnet durch Nachtschatten und Mondleuchten. Das Gras grau, die Erde hart und kalt. Steinplatten, Tannengrün oder Efeu bedeckte die Gräber. Auch ein Friedhof, der das ganze Jahr über Ruhestätte ist, ging in der dunklen Jahreszeit in noch tiefere Friedlichkeit über.

   Diese vertrauten Ansichten waren es nicht, die mich so rührten, dass mir die Augen feucht wurden. Es waren die kleinen Lichter auf den Gräbern. Die Lichter, die zu Allerheiligen, Allerseelen oder am Sonntag vor der Adventszeit in Erinnerung an die Verstorbenen auf die Ruhestätten gestellt werden. Sie brannten nicht überall, nur vereinzelt.

   „Was wäre es doch für ein Anblick, wenn auf jedem Grab so ein Licht brennen würde. Wie vielleicht zu früheren Zeiten, als dies noch mehr Menschen wichtig war.“, flüsterte ich.

   Der Passus wandte sich mir zu und legte seinen gehörnten Kopf schief.

   „Dazu sind wir hier. Willst du mit mir die Lichter für jene Toten entzünden, die man vergessen hat?“

   Ich nickte eifrig. Jetzt erst sah ich, dass mein Begleiter wieder seine grobe Hirtentasche bei sich hatte. Er reichte mir Zündhölzer und ein Grablicht. Es war keines dieser zuckenden Plastikgebilde, die mit Batterie betrieben werden. Es war ein geschwungener Glaszylinder mit einem Deckel aus geschwärztem Metall. Darin war ein Talglicht. Tierisches, gelbliches Fett, das lange brannte und eine warme Flamme erzeugte. Vermutlich stammte es aus dem Wollfett der kosmischen Schafe. Ein Hirte hat alles, was er braucht, wenn er mit seinen Tieren lebt.

   Langsam gingen wir von Grabstätte zu Grabstätte. Ich stellte das Licht, das mir der Passus aus seiner Tasche reichte, an den Rand der jeweiligen Stätte, öffnete den Deckel, entzündete den Docht, verschloss das Glas und stellte dann die Flamme mitten in die Fläche. Ich wunderte mich, wie viel der Passus in seiner Tasche transportieren konnte, denn der Friedhof war groß und Ich entzündete bestimmt mehr als hundert Lichter. Erschöpft, mit leichten Schmerzen in den kalten Knien, weil ich mich so oft hingehockt hatte, erreichten wir den Gruft-Hügel. Wir stiegen hinauf und blickten von oben auf die Fläche der Gräber, die um die Kirche verstreut lagen.

   Der Anblick war überwältigend. Weißliche und gelbliche Flämmchen tanzten gleichmäßig verteilt im Schatten von Stein und Monument. Ein schwarz gewelltes Meer, auf dem die Lichter der Ewigkeit schwammen.

   „Ein Seelenmeer.“, flüsterte ich.

   Der Passus lachte leise. Er legte mir seine Hand auf die Schulter.

   „Du sprichst die Wahrheit. Der Tod ist ein Übergang, der Friedhof ein Ort des Übergangs. Nur im Schlaf berührst du ein wenig diesen Übergang. Ein Leben lang, bis du ihm selbst begegnest. Nur wenige Seelen bleiben ein wenig länger haften. Sie wohnen nicht an diesem Ort. Es ist nur die Erinnerung an sie, ein heiliges Gedenken. Und doch wohnt Seele darin. Der Friedhof ist ein guter Ort. Besser, als die Menschen denken. Er ist einer der besten Orte, an denen man sich aufhalten kann.“

   „Es ist wunderschön.“

   „Ja, genau richtig, um sie zu empfangen. Jetzt ist alles bereit.“

   „Um wen zu empfangen?“, fragte ich.

   „Eine Königin.“, antwortete er schlicht.

   Dann schwiegen wir, während wir hinaus auf das Totenmeer blickten. Wir warteten.