Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

5. Dezember: Alte Freunde

   Hier oben ragten die ältesten Gedenksteine aus dem Gras. Unter uns schlummerten die Toten in ihren Gruften. Die meisten seit Generationen im Besitz wohlhabender Bürgerfamilien. Man musste es sich leisten können. Doch die Ungleichheiten störten im Angesicht des Todes wenig. Er ist gerechter als alles, was einem Menschen im Leben begegnet, denn er begegnet ohne Unterschied jedem. Bei diesem Gedanken fröstelte ich noch mehr. Meine Füße berührten die kalte Erde. Aus Staub erschaffen, zu Staub zerfallend. Das war unausweichlich. Doch als ich nach oben sah zu den Sternen, wurde mir ebenso bewusst, dass ein Mensch aus all dem Stoff besteht, aus dem auch die Himmelskörper gewebt sind. Wir sind einzigartig, gerade weil wir es nicht sind.

   In der Ferne sah ich die Nebelfetzen auf den Feldern, die wir bis hierher durchquert haben mussten. Ein weiter Weg, der mir gar nicht so beschwerlich vorgekommen war. Mir fiel auf, dass ich trotz des vollen Mondes viel besser in die Nacht schauen konnte als es der Fall hätte sein dürfen. Aus dem Augenwinkel betrachtete ich den Passus, der unbeweglich, mit gerecktem Hals und schiefgelegtem Kopf verharrte. Alles hatte mit ihm zu tun. Ich fürchtete ihn, denn jeder Mensch fürchtet die Macht der Übergänge, die einem das Auge weiten.

   Dann vergaß ich mein Unbehagen, denn ich hörte Schritte auf dem frostigen Gras. Wir drehten uns in Richtung des Pfades, den wir hinaufgekommen waren. Dort kam eine Gestalt auf uns zu. Es war eine Frau. Sie war viel größer als der Passus, der mich nur ein wenig überragte, wenn man von seinen geschwungenen Hörnern absah. Ihr Haar war in großen Locken aufgesteckt und so schwarz, dass es mit dem Nachthimmel hinter ihr verschmolz. Ihre Haut war so weiß, als bestünde sie aus gerade lebendig gewordenem Marmor. Sie hatte ein Kleid an, das aus einem Stück gewebt schien, ohne Ärmel, unter der Brust mit einem Band gerafft. Es fiel in klassischen Falten über ihren Leib, der von kräftiger Schlankheit war. Üppig in den Hüften, muskulös in den Gliedmaßen, schmal in der Taille. Ihre Brüste waren rund und hoben sich gleichmäßig unter dem dunklen Samt ab, dessen Farbe ich erst erkannte, als sie vor uns stand. Es war ein tiefes, fast schwarzes Violett. Dieselbe Farbe hatten ihre Augen. Ihre Lippen waren ungewöhnlich dunkelrot und hoben sich von dem Weiß ihres Gesichtes nicht unangenehm ab. Sie sah aus wie die lebendig gewordene Statue einer griechischen Göttin. Sie war wunderschön.

   Die Frau blieb vor dem Passus stehen. Er ging auf seine Knie herunter, fasste nach ihren Händen und beugte das Haupt, so dass die Spitzen seiner Hörner sie beinahe am Bauch berührten. Er küsste ihre Finger, zu ihr aufschauend. Tiefe Verehrung lag in seinem Blick.

   „Königin Tristitia. Ich danke dir, dass du uns mit deinem Erscheinen ehrst.“, flüsterte er.

   Ich war überrascht von seiner Ergebenheit, hatte ich ihn doch fast immer erfüllt von stolzer Wildheit erlebt. Daher senkte ich schnell den Blick und ließ meinen Kopf respektvoll sinken, als die Augen der Frau mich kurz streiften, ehe sie ihm antwortete, mit einer Stimme, deren Tiefe mir eine Gänsehaut verursachte.

   „Pan, wir sind alte Freunde, du und ich. Es ziemt sich, dass wir beide uns in der Zeit der winterlichen Festlichkeit begegnen. Denn feiert man nicht das Sterben und das Wiederaufleben gleichermaßen?“

   Der Passus stand auf. Er warf den Kopf zurück und lachte meckernd. Er war wieder, wie ich ihn kannte. Trotzdem schüchterte mich die Frau ein, als sie sich mir zuwandte und dicht vor mich trat. Ich wagte kaum, in ihre violetten Augen zu sehen.

   „Das ist Lina. Eine Freundin.“, erklärte der Passus unbekümmert.

   „Ohja, das sehe ich. Sie ist ein wahres Kind des Übergangs. Es ist gut, dass du sie hergebracht hast. Sie soll ebenso wie du mein Gast sein.“

 Sie hob ihre Hände und legte sie auf meine Wangen. So musste ich jetzt in ihr Gesicht sehen. Es war friedlich, ohne Lächeln, aber vollkommen ebenmäßig. In ihren Augen lag die herrlichste Traurigkeit, die ich je gesehen habe.

   „Wer bist du?“, fragte ich mutiger als ich mich fühlte.

   „Ich bin die Königin der Traurigkeiten. In der dunklen Zeit bin ich den Menschen näher als sonst.“, flüsterte sie.

   Ich fand mich in den Armen der großen Frau wieder. Sie war warm, fast fiebrig heiß. Der schwere Samt ihres Kleides umhüllte mich wie eine Decke. Eine schwarze Ruhe durchdrang mich. Ich spürte den Verlust. Jeden Verlust, den ein Mensch nur spüren kann. Ich trauerte um all die Menschen auf diesem Friedhof, für die wir ein Seelenlicht entzündet hatten. Es war aufrichtig. Mir schossen die Tränen in die Augen und ich weinte auf die Brust der Frau, ohne mich zu schämen. Sie umfasste mich noch fester und ich weinte noch heftiger.

   „So ist es recht. Es gehört sich für ein Menschenkind, mir seine Tränen zu schenken. Wer mir nie begegnet, ist arm zu nennen.“

   Es lag keine Großartigkeit in ihrer Aussage, nur Trost und Wahrheit.