Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

6. Dezember: Großzügiges Gastmahl

   Königin Tristitia war eine hervorragende Gastgeberin. Sie hakte sich bei dem Passus unter und nickte ihm zu. Er fasste mich bei der Hand. So schritten wir nebeneinander zurück auf den Pfad, den wir alle heraufgekommen waren. Ich fand es ein bisschen schade, dass wir den Ausblick auf die Seelenlichter verließen, andererseits wurde mir ohne Bewegung langsam sehr kalt. Wir verließen den Hügel, um an seinem Fuß sofort einzubiegen und an der Reihe der Grufttüren vorbeizuziehen. Die meisten von ihnen waren mit dicken Vorhängeschlössern versehen. Aus den Gitterfensterchen flackerten die Gedenklichter. Die schweren Holztüren, oben abgerundet, mit Eisen beschlagen und tief in das Mauerwerk eingelassen, erinnerten ein wenig an altertümliche Kerkertore. Es waren ja auf ihre Art auch Gefängnisse, die den Tod verschlossen.

   Nach einer Weile, in der wir an vielen Gastkammern des Hades vorbeigegangen waren, die zumeist für Professoren, Doktoren, Hauptleute a. D. und irgendwelche Räte und deren Gattinnen bestimmt waren, gelangten wir zu einer geöffneten Gruft. Die Tür stand weit auf; helles Licht fiel auf das Gras. Es blendete mich nach der Dunkelheit und dem Nebel. Wir gingen hinein.

   Ich musste blinzeln, ehe ich etwas erkannte. Es war ein kleiner Raum mit gewölbter Decke. Die Wände und der Boden waren ordentlich geweißt. In der Mitte umgab ein eiserner Zaun ein rechteckiges Loch, aus dem die Schwärze quoll; gerade groß genug, dass man einen Sarg einlassen konnte. Unter unseren Füßen ruhten die Verblichenen. Hier oben war nur die Empfangshalle, an deren Ende wie in einer kleinen Kapelle ein frommes Kreuz als Relief auf die Wand geprägt war.

   Unter dem Kreuz befand sich etwas, das meiner Meinung nach völlig fehl am Platze war: Ein gedeckter Tisch mit Stühlen daran, das Tischtuch von schwarzem Samt. Die Speisen darauf lagen in silbernen Schüsseln. Es gab Brote und Früchte und roten Wein in gläsernen Karaffen. Drei Stühle warteten darauf, dass wir uns setzten. Tristitia hatte uns eine Tafel bereitet. Sie ließ den Arm des Passus los und lud uns mit einem Lächeln und ausladender Geste zum Sitzen ein.

   „Wir essen in einem Grab? Ist das nicht irgendwie… unanständig?“, fragte ich.

   „Keineswegs.“, entgegnete Tristitia. „Es ist das Anständigste, was wir an dieser Stätte tun können.“

   Zögernd setzte ich mich auf den mir bezeichneten Stuhl unter dem Kreuz. Ich fühlte mich lächerlich, wie die Karikatur eines Christus in der Mitte eines Abendmahlstisches. War das nicht falsch, was wir hier taten?

   „Mir ist beigebracht worden, dass es sich nicht gehört, auf einem Friedhof zu essen oder Lärm zu machen.“, protestierte ich.

   Der Passus kicherte in sich hinein. Er setzte sich an das eine Tischende zu meiner Linken. Als Tristitia sich zu meiner Rechten gesetzt hatte, nahm sie gleich eine der Karaffen auf und goss mir Wein in den Becher, der vor mir stand. Mit der anderen Hand machte sie eine kreisende Geste. An den Wänden flackerten die Fackeln in ihren Halterungen heller; es wurde angenehm warm im Raum. Endlich hörte ich auf zu frieren. Die Königin der Traurigkeiten legte mir ihre heiße Hand auf das Knie und sah mich an.

   „Kind. Das ist ein großes Unglück, dass ihr Menschen verlernt habt, an der Stätte der Toten lebendig zu sein. Es gehörte sich vielmehr, laut zu weinen, in Erinnerung zu lachen und all die schönen Feste mit den Toten zu feiern, die sie zu Lebzeiten mit euch gefeiert haben. Ehe die Pietät erfunden wurde – die nichts anderes ist als eine Verdrängung an den Gedanken eurer Sterblichkeit – da waren die Toten Teil des Ganzen.“

   Verständnislos sah ich sie an.

   „Aber sie sind tot.“, meinte ich.

   Wieder kicherte der Passus und selbst die ernste Tristitia lächelte jetzt etwas breiter.

   „Nun, wenn sie tot sind, die Toten, warum sollten sie sich dann beschweren über uns, die wir leben und essen? Und wenn sie noch sind, in einer Schattenwelt oder an ihrem Ort jenseits des Übergangs – dazu weiß mein Freund Pan sicher mehr zu sagen – würden sie sich nicht freuen, wenn man sie immer noch als Teil des Menschseins betrachtet und beteiligt? Also iss und trink mit uns.“

   Sie hatte Recht. Ich lächelte und nahm wie die anderen beiden meinen Becher auf. Wir tranken uns zu. Es war ein erfüllendes Gefühl, den guten Wein über meine Zunge gleiten zu lassen und seine Wärme zu spüren. Endlich ein voller Bauch und keine steifen Finger mehr. Es war die Gemeinschaft des Paradieses, die wir unter den Toten entfalteten, indem wir aßen und tranken.