Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

7. Dezember: Nächtlicher Tanz

   Nach dem Essen griff der Passus in seine Weste und holte die Flöte hervor. Auf sein Spiel hatte ich mich bereits gefreut, wusste ich doch, dass er es gerne nach dem Essen ausführte. Er lehnte sich entspannt zurück und streckte die Beine unter dem Tisch aus. Dann blies er schwungvoll in sein Instrument. Es war keine traurige Weise des Totengedenkens, sondern ein fröhlicher Tanz.

   Tristitia wiegte sich leicht. Sie summte mit ihrer wunderschön tiefen Stimme dazu. Ich konnte nicht anders, als aufzustehen, mich zu strecken und langsam in der Gruft umherzugehen. Hin und wieder blieb ich stehen, wippte mit dem Kopf oder dem Fuß. Auch die Königin der Traurigkeiten war aufgestanden. Sie kam auf mich zu, griff nach meinen Händen und begann sich hin und her zu bewegen, von einem Fuß auf den anderen. Ich tat es ihr gleich. Sachte hüpfend tanzten wir miteinander unter den lodernden Fackeln.

   Eine Wolke heftiger Trauer umfasste meine Schultern. Anders kann ich das Gefühl nicht beschreiben. Es war schwer zu ertragen, wie eine Last, die man in einem Rucksack mit sich trägt. Gleichzeitig hielt mich der Druck dieser Last fest am Boden. Die Trauer war ein schwerer und heißer Mantel in kalter Nacht. Ich begriff, nur mit der Trauer kommt auch ihre Auflösung, der Trost, das Erinnern, das Vergessen, das Wiederaufleben.

   Mir liefen wieder Tränen über die Wangen, aber ich lächelte und schämte mich nicht vor meinem Freund, dem Passus, dessen Augen ebenfalls verdächtig glitzerten. Ein Zittern kam in seine Melodie. Ich sehnte mich danach, dass Tristitia mich wieder umarmen würde. Als hätte sie meine Gedanken gehört, zog sie mich an ihren Leib, umfasste mich ganz. Sie wiegte mich immer noch in unserem gemeinsamen Tanz. Ich hörte auf zu weinen, stattdessen überkam mich eine große Ruhe, die sehr leer war und ewige Möglichkeiten enthielt, als hätte der eisigste Winter in seinem Kern den Keim des Frühlings versteckt und würde ihn gleich freigeben. Ich war traurig, zugleich wollte ich alles umarmen, es lieben, mich daran festhalten.

   Als Tristitia mich losließ, war es wieder still geworden. Der Passus hatte aufgehört zu spielen. Wir setzten uns wieder zu ihm. Ich lauschte gebannt der Unterhaltung, die sich zwischen ihm und der Königin der Traurigkeiten entspann.

   „Es ist lange her, dass ich in einer der Wechselnächte ein Menschenkind zu Gast hatte. Ich danke dir, alter Freund, dass du mir diese Freude gemacht hast.“, sagte die Königin der Traurigkeiten.

   Der Passus beugte sein Haupt. Die geschwungenen Hörner wirkten dabei besonders majestätisch.

   „Ah, weißt du noch, werte Tristitia? Vor so vielen Wintermonden, als die Menschen in Scharen auf die Friedhöfe strebten, wenn der Übergang zur dunklen Zeit kam? Wir aßen mit ihnen, wir tranken mit ihnen, wir tanzten mit ihnen. Sie haben uns vergessen. Wir haben sie nie vergessen.“

   „Mondhirte, das ist nicht ganz wahr, wie du zu gut weißt. Sie wollen nicht an uns denken. Sie sind immer noch laut und zünden Lichter an. Nur tun sie das auf den Märkten und nicht mehr im Haus des Hades. Sie versuchen zu vergessen, dass es ihn gibt, den letzten Übergang. Den Tod. Das Ende der langen Tage erinnert sie daran. Doch statt Lichter zu entzünden, um den Weg durch das Dunkel zu finden, entflammen sie sie, um sich zu blenden.“

   „Sie wissen nicht mehr, dass wir gute Freunde sind. Traurigkeit und Festlichkeit.“, gab der Passus zu bedenken. „Sie denken, das eine schließt das andere aus. Ein Übergang ohne Schmerz ist nicht möglich.“

   Sie schwiegen kurz. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um meine Frage zu stellen, die mich schon die ganze Zeit beschäftigte.

   „Was haben wir hier gefeiert? Ein Fest der Toten?“

   „Ganz recht.“, bestätigte der Passus.

   Königin Tristitia nickte.

   „Zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt haben die Menschen ihre Toten besucht und mit ihnen gegessen, ihnen Lichter entzündet. Manche beteten zu ihren Verstorbenen, sahen sie immer noch als Teil des Ganzen. Manchmal feierten die Menschen zugleich die Ernte, die Hoffnung auf neues Licht nach langen Nächten, die Gewissheit, dass Trauer und Nacht ein Übergang sind.“

   Weil sie der Furcht und den Finsternissen entgegensahen, machten sie die Ängste zu Freunden, dachte ich. Ich wollte begreifen, wie Tristitia und Pan zusammenpassten. Ich sah ihnen zu, wie sie aufstanden und sich umarmten. Sie mussten einst Geliebte gewesen sein, waren es vielleicht immer noch. Hin und wieder. Es ging mich nichts an, darum sah ich fort, als die Königin der Traurigkeiten den wilden Krampus auf die Stirn küsste.