8. Dezember: Dunkle Treppe
„Ich bin nicht nur zum Essen hier, nicht wahr?“, fragte ich.
Der Passus trat an die eiserne Umfassung. Er blickte hinunter in den unterirdischen Teil dieser Gruft.
„Du bist mit mir gekommen, meinem Ruf gefolgt. Es wäre recht, du gehst den Weg zu Ende. Aber es ist deine lange Nacht. Wir möchten dir ein Geschenk machen. Du kannst dort hinunter gehen und es annehmen oder ich bringe dich nach Hause.“
„Dann werde ich dich verlieren.“, flüsterte ich.
Er nickte. Dem Wesen des Übergangs begegnete man nicht leichtfertig. Man machte ihn sich zum Freund oder man musste ihn für immer vergessen. Ich wollte nicht vergessen, sondern Lichter anzünden, der Toten gedenken. Essen und leben und sterben ohne Furcht.
„Ich werde gehen.“, beschloss ich.
Die Königin der Traurigkeiten trat an die Stirnseite der Umzäunung. Sie öffnete ein Tor, das ich zuvor nicht bemerkt hatte. Der Fackelschein berührte die ersten drei Stufen einer Treppe, die zu dem Ort hinunterführte, an dem die Särge aufgereiht sein mussten. Sie und der Passus sagten nichts mehr. Ich wusste, dass ich allein gehen würde.
„Es ist dunkel da unten.“, sagte ich.
Der Passus umfasste mit beiden Händen sein rechtes Horn und streifte daran entlang bis fast zur Spitze. Als er die schlanken Finger wieder fortnahm und sie vor seiner Brust öffnete, schwebte ein rundes Licht hervor. Es war klein und gelb wie der Punkt eines Glühwürmchens, den man in einer heißen Sommernacht in der Ferne sah. Langsam schwebte das kleine Leuchten herab zur Treppe und beleuchtete einige weitere Stufen. Es hielt an, denn es wartete darauf, dass ich ihm folgen würde.
Zögernd ging ich auf die Treppe zu. Ich zitterte. Was würde mich dort unten erwarten? Geschlossene Särge? Nischen, in denen man Tote gebettet hatte, nur mit einem Tuch bedeckt, das die Knochen kaum verbarg? Glatte Wände, hinter denen die Toten sauber verschlossen waren, durch kleine Inschrifttafeln gekennzeichnet? Oder gar offene Särge mit trüber Glasplatte, durch die man die mumifizierten Angesichter in verrottendes Leinen gekleideter Leiber betrachten konnte? Warum machte einem die Erwartung des Anblicks von Toten solche Angst? War es nicht die Angst vor der eigenen Sterblichkeit? Der Passus und Königin Tristitia waren immerwährend, Übergang und Traurigkeit stete Begleiter des Lebens. Sie milderten die Furcht vor dem Unausweichlichen. Ihre Blicke begleiteten mich mit Wohlwollen.
Als ich die erste Stufe betrat, bewegte sich das kleine Licht. Ich nahm die zweite Stufe. Das Licht bewegte sich wieder. Mit jedem Schritt glitt es voran, so dass ich genau sehen konnte, wohin meine Füße traten. Als ich auf der dritten Stufe stand, bemerkte ich, dass die folgenden Stufen auf der linken Seite wesentlich schmaler waren als auf der rechten. Ich befand mich auf einer Wendeltreppe aus gemauertem Stein, wo ich zuerst nur ein Loch in erdige Tiefe vermutet hatte.
Nach einigen weiteren Schritten blickte ich zurück. Durch die Windung der Stufen konnte ich Tristitia und den Passus nicht mehr sehen. Hinter und vor mir war finstere Nacht. Ich betete innerlich, das schwebende Licht möge nicht verlöschen. Mit klopfendem Herzen bewegte ich mich in den Untergrund. Hier war es kühl, jedoch nicht winterkalt. Die Erde über den Toten war eine gnädige Decke, nicht zu schwer und nicht zu kalt für die Leiber.
Ich stolperte beinahe, als mein Fuß schließlich keine weitere Stufe fand, sondern auf festgestampften Boden traf. Das Licht schwebte davon. Beinahe hätte ich geschrien vor Angst, in absolutem Dunkel zu stehen, als ich bemerkte, dass zu beiden Seiten ähnliche Fackeln aufleuchteten, wie ich sie oben bei unserem Totenmahl gesehen hatte. Das schwebende Licht hatte sie entzündet, ehe es selbst verlosch. Vorsichtig nahm ich den Raum in Augenschein.

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