Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

9. Dezember: Unterirdisches Museum

   Das Totenhaus war unbehaust. Hier lagen keine Ahnen, hier rotteten keine Leiber. Kein Fleisch, kein Knochen, kein Pilz, kein Insekt. Kein unangenehmer Geruch, nicht einmal ein kühler Hauch. Es war ein ebenmäßiges, weiß getünchtes Gewölbe. Großzügig in der Breite und so langgezogen, dass man sein Ende trotz der Beleuchtung nicht sehen konnte. Es gab Grabnischen zu beiden Seiten. Einst mussten sie die Gebeine einer weitverzweigten, wohlhabenden Sippe aufbewahrt haben. Nun lagen sie verwaist im Schatten.

   Stattdessen hatte man ein Museum der Kuriositäten des Todes eingerichtet. Reich verzierte Beschläge lagen ordentlich arrangiert in einer Nische zu meiner Linken. Entfernt von verrotteten Holzsärgen, poliert und aufbewahrt. In einer anderen Nische standen uralte Urnen aus schwarzem oder weißem Marmor. Sie glänzten, obwohl man die Inschriften auf ihren Plaketten kaum noch sehen konnte. Überall, wo man gegraben hatte, um etwas Neues anzulegen oder ein Grab auszuheben, war man auf Überreste vergangener Begräbnisse gestoßen. Man hatte sie nicht mehr zuordnen können, also hob man sie auf, rubbelte den Dreck ab und stellte sie den Augen Schaulustiger zur Verfügung.

   Es war ein selten besuchter Ort, davon zeugte der Staub in den Ecken. Sicher musste man sich vorher bei der Friedhofsverwaltung melden und zumindest von diesem Museum des Totengedenkens wissen. Doch dies hier war die Nacht, der Übergang am Ende des Lichts. Für jetzt gehörte der Platz dem Passus und der Königin. Überzeugt davon ging ich weiter und ließ meine Augen über alle Gegenstände gleiten.

   In einer weiteren Nische standen alte Grableuchten, solche wie der Passus und ich entzündet hatten. Aus schwerem Glas und geschwärztem Metall. In manchen klebten noch Reste des alten Talgs. Wie würde eine Flamme in solch einem trüben Gefäß mit so altem Fett aussehen und riechen? Ich ließ meine Finger über die kalten Materialien gleiten. Es konnte mir keiner verwehren, die Gegenstände zu berühren, da ich allein war. Trotzdem überkam mich ein schlechtes Gewissen, denn Museen sind für die Augen eingerichtet. Die anderen Sinne kommen meist nicht vor, obwohl der Mensch die Dinge auch riechen und spüren muss, um sie einigermaßen zu begreifen.

   Langsam ging ich weiter. An die Wände waren jetzt Kreuze gelehnt. Ein verwittertes Holzkreuz, dessen Christus recht wurmstichig daran hing, ohne Arme und Beine, die bei der römischen Hinrichtungsmethode doch von entscheidender Bedeutung gewesen waren. Das Zeichen des absoluten Todes, denn es war das Sterben Gottes. Darum das Zeichen der Überwindung des Todes.

   „Der Tod ist nur ein weiterer Übergang.“, flüsterte ich und erschrak vor meiner eigenen Stimme, die von diesem Raum verschluckt wurde.

   Weitere Kreuze reihten sich auf. Hölzerne, eiserne. Verwittert, verrostet, verziert, poliert, verstaubt. Schlicht oder mit dem Gekreuzigten, der die schlimmsten Verstümmelungen aufwies, als wäre es nicht schon genug, dass dieser Mensch zu Tode gefoltert worden war. Ich erschauerte. Endlich endete die unheimliche Aufreihung. Ein Kreuzweg, schoss es mir in den Sinn und ich musste über das Wortspiel lächeln.

   Die Wände waren nun leer. In zwei weiteren Nischen standen kleine Zinnsärge mit zierlichen Mustern. Ich wusste, dass sie leer waren und überlegte kurz, warum ihre Größe so gering ausfiel, bis mir einfiel, dass die Menschen zu früheren Zeiten von wesentlich geringerer Körpergröße gewesen waren. Mehr Erkrankungen und eine andere Ernährung. Selbst ich hätte kaum in einen der beiden Särge hineingepasst. Es war ein seltsamer Gedanke, mir vorzustellen, selbst darin zu liegen. Er machte mir weniger Furcht als ich angenommen hatte.

   Es gab keine weiteren Ausstellungsstücke mehr. Hatte der Passus nicht gesagt, dass sie mir hier unten ein Geschenk machen wollten? Nun, wenn dies das Geschenk war, dann würde ich mich zufriedengeben. Doch von einem Wesen wie ihm hatte ich anderes erwartet. Leicht enttäuscht wollte ich mich schon auf den Rückweg machen, als vor mir weitere Fackeln aufloderten. Wer hatte sie entzündet? Das kleine magische Licht aus dem rechten Horn des Passus war längst erloschen.

   Ich setzte mich wieder vorsichtig in Bewegung. Nun konnte ich das Ende der unterirdischen Gruft sehen. Die Rückwand des Ganges tauchte im Lichtschein auf. Sie war nicht leer. Aufrecht lehnte dort ein Sarg, größer als die zierlichen Zinnsärge. Einfach und aus dunklem Holz. Er musste aus derselben Zeit stammen wie die anderen, denn er wirkte ähnlich in der Form. Eine Kiste für ein schlichtes Begräbnis in der Erde, kein versiegelter Metallkasten für wohlhabende Aufbewahrung. Dieser Sarg dort an der Wand war nie benutzt worden. Er wartete darauf, dass ich zu ihm kam.