Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

10. Dezember: Seltsamer Spiegel

   Ich wusste jetzt, dass es um diesen Sarg ging, als der Passus und die Königin mich hier herabgeschickt hatten. Wollten sie mir damit etwas sagen? War etwas Besonderes an ihm, was nur Wenige zu sehen bekamen? Er sah furchtbar bescheiden und schmucklos aus. Nun war ich aber einmal hier unten, also würde ich dieses Ding in Augenschein nehmen. Mit kleinen Schritten ging ich darauf zu, bis ich direkt vor dem rissigen Holzdeckel stand.

   „Öffne ihn.“, hörte ich die Stimme des Passus.

   Ich fuhr herum. Da war niemand. Ich war so allein wie zuvor. Meine Begleiter waren oben, hinter der Wendeltreppe. So laut und deutlich konnte ich hier unten unmöglich ihre Stimmen hören, selbst wenn sie gerufen hätten. Trotzdem hörte ich wieder die Stimme meines gehörnten Freundes. Dieses Mal leiser.

   „Öffne ihn, Lina.“

   Er war bei mir, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Seine schwarzen Augen sahen immer etwas weiter als die anderer Wesen. Vorsichtig legte ich die flache Hand auf den Sargdeckel. Er fühlte sich an wie Samt, so trocken und alt war das Holz. Ein angenehmes Gefühl. Ich glitt über die Oberfläche. Bei genauerer Betrachtung sah ich auf der linken Seite die Scharniere. Sie waren verwittert und rostig, aber wirkten funktionsfähig. Ich musste meine Finger nur um den rechten Rand des Deckels schließen und ziehen. Der Sarg würde sich problemlos öffnen lassen. Wollte ich sehen, was darin war? Denn ohne Zweifel wäre dieser Kasten nicht so leer wie die anderen beiden Särge. Oder war die Frage nicht vielmehr, wer darin lag?

   „Wenn du es wissen willst, dann öffne ihn.“, flüsterte die Stimme dicht an meinem Ohr.

   Ich wandte den Kopf, obwohl ich wusste, dass da niemand sein würde. Ein leichter Schwindel erfasste mich. War das alles nur ein Traum, ein Alb auf meiner Brust? Ich würde gleich die Augen schließen, sie wieder öffnen und die dunkle Decke meines Schlafzimmers anstarren, auf der die Straßenlaterne ihre Muster malte.

   Als ich die Lider aufschlug war immer noch der Sarg vor mir, meine Hand lag auf dem Holz. Es war warm. Ich zog meine Mütze vom Kopf und fuhr mir durch die wirren Haare. Ich warf die Mütze auf den Boden, den Schal hinterher und zog den Reißverschluss der Jacke auf. Einen Augenblick später lag auch die Jacke auf dem Boden. In meiner belanglosen Jeans und dem dicken Pullover schwitzte ich immer noch genug.

   Ich holte tief Luft und fuhr mit der Hand um den rechten Rand des Sargdeckels. Sachte hob ich ihn an. Er ließ sich ohne Geräusch oder Widerstand anheben, als hätte jemand die Scharniere frisch geölt. Ich trat einen Schritt zurück, um Platz zu haben, den Deckel herumzuschlagen.

   „Auch nur eine Tür zu einem Raum.“, sagte ich zu mir selbst und zuckte mit den Schultern.

   Endlich stand der Deckel offen. Ich blickte auf den Boden des alten Ausstellungsstückes und musste herzlich lachen. Das Ding war leer. Bis auf den Spiegel, der perfekt in die Form des Sarges eingepasst war und den aufrechtstehenden Boden vollständig ausfüllte. Ein guter Scherz. Ich hatte verstanden. Eines Tages würde ich selbst dort drin liegen. Von Kopf bis Fuß konnte ich mein Spiegelbild betrachten, ruhte ich dort auf dem Grund, bereit unter die Erde gebettet zu werden. Der Passus hatte einen morbiden Humor. Ich war nicht böse darum. Er war mein Freund, ihm ließ ich einiges durchgehen.

   „Sieh genau hin.“, flüsterte die tiefe Stimme Tristitias in mein anderes Ohr.

   Ich musste den Kopf nicht wieder wenden, um zu wissen, dass sie nicht da war. Stattdessen leistete ich ihrer Aufforderung Folge und betrachtete mein Spiegelbild im Sarg. Etwas stimmte nicht damit. Es war ein Spiegel und ich sah mich darin. Ich war mir selbst sehr bekannt. Überall in unserer Welt laufen wir an spiegelglatten Oberflächen vorbei, um uns zu messen und zu bewundern. Es ist eine Selbstverständlichkeit geworden. So sehr, dass wir kaum noch hinsehen. Darum war mir zuerst nicht aufgefallen, dass diese Reflektion sich anders verhielt.

   Mein Spiegelbild bewegte sich nicht. Es hatte die Augen geschlossen. Das Gesicht war farblos. Ich hatte die Hände an meiner Körperseite hängen, doch der Spiegel zeigte sie zusammengefaltet auf meinem Bauch. Ein Flimmern zog über das Glas, als würde ich durch die von Hitze bewegte Luft eines Feuers sehen. Meine dunkle Kleidung war in der Spiegelung einem langen weißen Tuch gewichen. Mein Abbild schlief nicht, es war tot. Der Scherz, den ich vermutet hatte, verwandelte sich in eine sehr ernste Form. Nein, bisher hatte ich es nicht völlig verstanden, aber nun sah ich der Wirklichkeit auf ihr leichenblasses Angesicht. Ich würde eines Tages genauso daliegen. Kein Blutrauschen mehr und kein Herzschlag.

   Hätte ich Angst haben sollen? Die ganze Zeit über begleitete mich eine leichte Furcht. Jetzt, da ich meinem Totenspiegel gegenüberstand, fühlte ich nichts. Nur der leichte Schwindel stellte sich wieder ein. Er kam nicht aus meinem Kopf oder von meinen Beinen her. Er kam von vorne, aus dem Spiegel. Die Luft flimmerte. Ein Wind zog an meinen Schultern. Ich stolperte, schrie und fiel in den Spiegel.