Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

14. Dezember: Goldene Verwandlung

    Das Wolkengebilde war mit lautem Getöse auf den Hügel herabgesunken. Es versperrte uns die restliche Sicht auf eine Welt jenseits des Friedhofs. Bald waren wir von einem Ring aus grauweißem, waberndem Dunst umgeben. Der Sturm hörte schlagartig auf. Wir befanden uns im Ruhezentrum dieses Unwetterwirbels. Kreisförmig bewegten sich die Wolkenbänder, als wollten sie uns verschlingen. Sie zogen sich enger, bis nur noch ein kleiner Platz übrigblieb, in dessen Mitte der Passus und ich nah beieinanderstanden.

   „Hahaha! Wilde Reiter! Götterwind! Winterheer! Wuotansjagd! Wutjagd! Willkommen! Willkommen!“

   Der Passus schrie und lachte vor Freude. Überwältigt von seiner Fröhlichkeit starrte ich im Wechsel ihn und das näher rückende Wolkengewusel an. Ich zuckte zusammen, als sich Gestalten auf Pferden aus dem Nebel lösten. Sie trabten auf uns zu, wurden deutlicher und standen schließlich vor uns. Die Reiter umringten uns von allen Seiten, als wollten sie uns zu ihren Gefangenen machen. Vielleicht war es auch so. Ich blieb still und vorsichtig. Angst hatte ich nicht, obwohl diese Erscheinung schrecklicher war als der schwarze Fluss.

   Die Männer und Frauen auf den Pferden waren sehr groß. Sie trugen wallende Gewänder, Beinschienen, Brustpanzer und wildes Lockenhaar. Lange Bärte wehten den Kriegern auf der Brust. Stolze Blicke warfen die Kriegerinnen zum Himmel. Sie alle waren wunderschön, grausam wild und stark. Ich hatte noch nie solche Menschen gesehen, die zugleich erhaben schlank und unfassbar muskulös waren. Es wirkte nicht lächerlich wie so Manches, was man heute zu sehen bekommt, wenn einer versucht seinen Körper zu trainieren. Diese hier waren vollkommen natürlich gewachsen und durch ständiges Kämpfen und Jagen gehärtet.

   Es war eine furchteinflößende Versammlung von etwa zwanzig Reitern. Bei ihrem Anblick erfasste mich unbändige Freude. Am liebsten hätte ich jetzt geschrien und gerufen wie der Passus. Sehnsucht hatte ich danach, diesen Jägern zu begegnen. Einer der Reiter stieg von seinem Pferd und kam auf uns zu. Er musste der Anführer der Schar sein. Sein Gesicht war jung und alt an Tagen. Das Haar war weiß, der Bart ebenso, durchzogen von gelben und roten Strähnen. Er war größer als alle anderen. Sein linkes Auge blitzte golden, die rechte Augenhöhle war leer und schwarz.

   Der Passus verbeugte sich vor dem einäugigen Krieger.

   „Es ist Zeit.“, verkündete der Jäger mit dröhnender Stimme.

   Er streckte seine Hand aus und berührte meinen Begleiter zwischen den Hörnern auf dem Kopf.

   „Es ist Zeit.“, rief er wieder und kam auf mich zu.

   Auch auf meinen Kopf legte er seine schwere Hand. Ich verbeugte mich höflich und sah dabei an mir hinab. Meine nüchterne Wanderbekleidung war verschwunden. Stattdessen trug ich eines jener wallenden, weißen Gewänder wie es die Frauen im Gefolge des Einäugigen hatten. Ein silberner Panzer umspannte meine Brust. Er beengte mich nicht. Meine Arme waren nackt. Unter dem Gewand trug ich silberne Beinschienen, die zu sehen wären, wenn ich auf einem Pferd saß. Da, wo der Wind einen von vorne trifft, kam mir in den Sinn, trugen die Reiter ihre Panzerung.

   Ich blickte zum Passus hinüber und erschrak heftig. Dort stand ein völlig anderes Wesen, als ich es die ganze Zeit gekannt hatte. Mein Freund war nicht viel größer als zuvor, aber ihm fehlten die Hörner. Er hatte kein Ziegengesicht mehr und kein weißes Fell. Schneeweiße Haut leuchtete an nackten Armen. Ein goldenes Gewand bedeckte einen schlanken Leib. Die Augen lagen so schwarz wie zuvor in seinem Gesicht, doch es war das eines wunderschönen Jünglings mit Goldhaar und einem goldfarbenen kurzen Kinnbart. Rote Lippen lächelten glücklich. Er sah mich an.

   „Bist du es?“, fragte ich leise.

   Er nickte und zwinkerte mir zu.

   „Ich bin der Übergang. Das Vorübergehende. Ich bin wie der schwarze Fluss, der vorüberfließt. Ich bin aber auch der Rausch und die Freude. Manche nannten mich Bacchus. Den Gott des Weines, des Rausches, der Freude. Manche nannten mich Pan, den Hirtengott, Freund des Dionysos. Manche nannten mich einen Hüter der Dichtkunst. Manche verschrien mich als Versucher in Lust und Verlangen. Sie haben vergessen, dass auch der Rausch ein Teil des Ganzen ist. Ein Übergang.“

   Er lachte glockenhell. Es traf mich tiefer als jedes Lachen, das ich zuvor aus seinem Mund gehört hatte.

   Der Anführer der Schar machte sich wieder bemerkbar.

   „Schluss! Die Jagd geht weiter! Los! Bringt dem Gott der Freude und seiner Windsbraut ihre Pferde! Auf, auf! Auf, ihr Walküren! Auf, ihr Sturmriesen! Auf, ihr Krieger! Woutan befiehlt es!“

   Er schrie es wild, warf sich in die Brust und winkte mit seiner Faust. Zwei Walküren führten zwei Pferde zu dem Passus und mir. Mein verwandelter Freund bekam ein Pferd, dessen Fell beinahe ebenso golden war wie sein Haar, nur etwas blasser. Ich erhielt ein Pferd, dessen Fell weiß-blau schimmerte wie Eis im schrägen Winterlicht.

   „Ich kann gar nicht reiten.“, widersprach ich.

   Der Einäugige funkelte mich wild an.

   „Wuotan befiehlt es! Du wirst reiten!“, grollte er.

   Ich presste meinen Mund fest zusammen und übernahm die Zügel meines Reittieres aus der Hand der schönen Walküre, die mich wild angrinste. Scheu blickte ich hinüber zum Passus und beobachtete, wie er in den Bügel stieg und sich auf sein Tier schwang. Ich ahmte ihn nach und bemerkte, dass ich sehr viel mehr Kraft haben musste als vorher. Es war ein Leichtes, mein Bein über den Rücken des Pferdes zu schwingen und mich im Sattel zurechtzuziehen.

   Woutan reckte die Faust nach oben. Die Wolken waberten durcheinander, stießen auf uns zu, umschmeichelten die Fesseln der Reittiere und hoben sie mit einem Windstoß an. Sie bewegten langsam und würdevoll ihre Hufe wie in leichtem Trab. Sie ritten in die Luft hinein, wurden gleichzeitig vom Sturm aufgehoben. Es fiel mir leicht, im Sattel zu sitzen, denn ich war stark und der Untergrund, auf dem die Pferde sich bewegten, bestand nun einmal nur aus Luft und Wolken. Wir flogen mehr, als dass wir ritten.

   An der Seite des goldenen Bacchus reiste ich im Tross der Wilden Jagd hoch in die Lüfte. Der Friedhof unter uns wurde klein. Ein Brausen zog meine Haare nach oben. Es stieß uns voran. In wilder Raserei stürmten die Pferde durch die Luft. Unter uns die nächtliche Welt und die Wolken, über uns die glitzernden Sterne.