15. Dezember: Wilde Jagd
Der Passus – oder mein Freund Bacchus, wie er sich nun nannte – hatte ein solch glücklich strahlendes Gesicht, dass es mir schwerfiel, den Blick von ihm abzuwenden, um wie alle anderen geradeaus zu starren, in die Nacht und die Sturm-gepeitschten Wolken, die von den Hufen der Pferde vorangetrieben wurden. Etwas von dem Strahlen des Bacchus musste auf mich übergegangen sein, denn zum ersten Mal seit langer Zeit bemerkte ich eine Bewegung in meinen Mundwinkeln.
Die letzten Wochen meines Lebens, an das ich mich hier oben kaum noch erinnern konnte, waren sehr anstrengend gewesen. Ich hatte einen geliebten Menschen verloren, eine Freundschaft war zerbrochen. Lange hatte ich kein seliges Lächeln mehr auf den Lippen getragen, weil das Leben gut war. Jetzt zeigte es sich. Es war nicht nur der Bacchus. Es war das Reiten, Sausen, Jagen, die Schreie der Krieger.
Irgendwann schrie ich mit, traute mich, meine Faust wie die anderen in den Himmel zu heben, in dem Vertrauen, dass mein Pferd mich tragen würde, ohne dass ich krampfhaft festhielt. Ich hörte das helle Lachen des Freudengottes neben mir, blickte wieder hinüber und fand seine Augen auf mich gerichtet. Er war wilder als je zuvor anzuschauen, obwohl seine Schönheit edel und erhaben leuchtete. Um ihn herum sammelte sich das Wetterblitzen besonders stark.
Der einäugige Anführer ließ sich hinter seine Walküren und ausgewählten Krieger zurückfallen, bis er zwischen uns ritt. Zuerst redete er mit dem Passus. Beider Stimmen waren laut genug, um das Tosen um uns herum zu übertönen.
„Wir haben dich bei der letzten Jagd vermisst, Bacchus. Es fehlte die rechte Freude im Heer.“, begann der Einäugige.
„Du weißt, dass ich viele Pflichten habe. Die Mondgöttin verlangte nach meinem Dienst. Ihr kann ich keinen Wunsch abschlagen.“
„Du und deine Weiber! War das nicht Tristitia, die ich habe fortziehen sehen, ehe wir uns trafen? Wie sieht es aus zwischen euch beiden?“
Der Passus grinste verschmitzt. Es machte ihn überaus liebenswert.
„Bestens! Besser als je zuvor.“
„Gut, gut.“, brummte Wuotan. „Und was für eine hübsche Windsbraut hast du uns heute mitgebracht!“
Jetzt wandte er sich zu meiner Seite. Er betrachtete mich weitaus freundlicher als zu Beginn.
„Lina.“, antwortete ich ihm.
„Bacchus, Bacchus! Entführst eine Menschentochter! Du bist ein Gott des Schabernacks, ich wusste es immer!“, rief der Einäugige, lachte und strich sich den Bart.
Ich erinnerte mich, was der Passus mir auf unserer ersten Reise mit den Mondpiraten gesagt hatte. „Man nennt mich auch Loki.“ Er verkörperte alles, was Schatten, Zweideutigkeit, Übergang und Vorübergehendes war. Er war tiefer Ernst und lustvolle Freude, wild und nicht zu zähmen.
„Ich habe von der Wilden Jagd gehört, als ich Kind war.“, bemerkte ich. „Meine Großmutter hat mir davon erzählt. Sie sagte, es wäre ein grauenhafter Anblick. Ein Leichenzug. Ein Albtraum, der mich holen würde. Ich solle mich hüten, vor allem in den Nächten nach der Weihnacht.“
Der goldene Bacchus lenkte sein Pferd näher an meine Seite. Er legte seine Hand auf meine und sah mir gerade ins Gesicht. Seine Finger waren jetzt warm.
„Lina. Das hier ist ein Freudenzug. Wir treiben den Winter vor uns her. Wir tanzen in den Stürmen am Ende des Jahres, wenn die Nacht an Stärke gewinnt. Wir feiern die Ernte und die verdiente Ruhe für die Erde, die ihre Frucht gebracht hat und nun unter einer weißen Decke schlafen möchte. Du bist im schwarzen Fluss gewesen, darum siehst du uns, wie wir sind. Wer immer noch Angst hat vor den Schatten, der sieht den Totenzug, nur der Schatten unseres Schattens.“
„Ich danke euch für die Ehre, mitziehen zu dürfen.“, sagte ich.
Wuotan nickte.
„Höflich ist sie auch noch, deine Windsbraut!“
Damit preschte er wieder nach vorn an die Spitze des Zuges, der an Geschwindigkeit zunahm, da der Anführer wieder an seinem Platz ritt. Aus unserem eiligen Traben wurde ein Galopp. Ich musste mich ein wenig fester halten und mit meinem Körper wieder neu den Rhythmus des Tieres unter mir aufnehmen.
„Passus?“, fragte ich. „Was meint Wuotan damit, dass ich deine Windsbraut bin?“
Er ritt wieder nahe an meine Seite. Dieses Mal verschränkten sich seine Finger mit den meinen. Er sah mir noch tiefer ins Gesicht. Der Ernst in seiner Stimme unterstrich die Freude auf seinen Wangen so vollkommen, dass ich erschauerte, doch ich zog meine Hand nicht aus seiner.
„Für heute Nacht sind wir Braut und Bräutigam des Windes.“, raunte er.
„Was bedeutet das?“, fragte ich erschrocken.
„Dass wir beide die Mitte der Wilden Jagd sind. Wir sind ihr Herz, ihre Freude und ihr Erfolg. Hilfst du mir dabei, den Hort des Winters aufzuspüren, ihn in seinem Bau aufzustöbern, ihn zu jagen und zu treffen?“
Ich zögerte, doch dem Bacchus und der Lust am Jagen kann man nicht widerstehen.
„Ja, was immer das bedeutet. Ich vertraue dir.“
Er zog meine Hand zu seinen Lippen und küsste sie sachte. Dann lachte er wieder so glockenhell wie die Jugend selbst.
„Ich bin das Wilde. Du solltest mir nicht vertrauen. Aber es ist das Schönste, was du tun kannst.“

Hinterlasse einen Kommentar