Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

16. Dezember: Göttlicher Rausch

   Wir wurden schneller. Unter uns sah ich durch die schwarzgrauen Wolkenfetzen eine nächtliche Landschaft aufblitzen, die mir nicht mehr bekannt war. Die Bäume waren schwarz und groß, die Hügel hoch. Manche von ihnen streiften die Hufe der Pferde. Dann bogen sich die Stämme, als würden sie sich vor Wuotan und seinem Gefolge niederwerfen. Ich begriff, dass wir nicht vom Sturmwind getragen wurden, sondern selbst der Sturmwind waren. Wir waren gefährlich. Das Holz knackte manchmal so laut, dass ich es bis in die Mitte des Getöses hören konnte, wo der Bacchus und ich nebeneinander ritten.

   Wir ritten nicht mehr, wir rasten. Wir lachten, klammerten uns in den weichen Mähnen unserer Rösser fest und schrien vor Freude. Immer toller und wilder wurde der Ritt, immer lauter das Brausen. Wir konnten nicht mehr miteinander reden. Es war unmöglich, die Stimme eines anderen wahrzunehmen. Stattdessen warfen wir uns Blicke zu. Dunkle, lustvolle, gefährliche Blicke. Der Bacchus durchdrang mein Gesicht mit seinen Augen. Die Freude auf seinem Gesicht erfasste mein Inneres, dass ich zitterte und bebte.

   Wir waren berauscht vom Lärm, vom Dahinrasen, vom eisigen Hauch auf unseren Wangen und von der Liebe, die wir alle füreinander hatten. Ja, verliebt sah mich der Bacchus an. Er war der Übergang. Verliebtheit ist ein Übergang und warum sollte er nicht verliebt sein, dieser unstete Gott des Rausches? Es störte mich nicht. Ich war seine Braut im Wind und jagte mit allen anderen dahin. Dennoch blieben meine Blicke scheu, wenn ich die seinen erwiderte. Man musste vorsichtig sein mit dem Wilden, das in einem selbst schlummerte. Wenn es erwachte, könnte es einen verschlingen. Fast wollte ich, dass es mich verschlang. Dann würde ich auf der anderen Seite des schwarzen Flusses herauskommen. Gebadet in Allem. Einer unfassbaren Morgendämmerung entgegen. Liebe und Tod sind miteinander verwandt, hörte ich eine Stimme in mir. War es die Stimme des Bacchus? Ich konnte es nicht genau bestimmen.

   Der Rausch nahm ab, denn wir verringerten unseren Himmelslauf.

   „He! Ho! Halt und Schluss!“, brüllte unser einäugiger Anführer und reckte die Faust nach oben.

   Nach und nach hielten wir und sammelten uns um ihn. Die Pferde berührten wieder Boden. Die Wolken stoben als Nebel in alle Richtungen. Sie legten sich zwischen die schwarzen Bäume, sanken in Talfurchen herab und lauerten auf den Befehl, sich wieder zu sammeln. Das Wutheer um den Einäugigen war auf einem Plateau in schroffen Bergen gelandet. Um uns war der kahle Fels, über und unter uns schliefen die Bäume. Sie wiegten sich nur leicht im letzten Windhauch.

   „Warum halten wir?“, fragte ich den Bacchus noch ganz außer Atem.

   „Weil Woutan es befiehlt.“, antwortete der goldene Gott des Übergangs.

   Er war von seinem Pferd geglitten, kam auf meines zu und hob mich bei der Taille aus meinem Sattel, als hätte ich nur aus Federn bestanden. Er wich nicht von meiner Seite, hielt mich in seinem Arm und sah wie alle anderen abwartend zu unserem Anführer hin. Die Nähe des Bacchus war mir willkommen. Er war trotz seiner Wildheit ein anständiger Geselle. Heute Nacht gehörte ich zu ihm, darum würde er mich festhalten, wann immer er Gelegenheit hatte. Ich hätte mich ihm jederzeit entwinden können. Auch jetzt noch blieb mir die Wahl, ihn und die anderen wegzustoßen, davonzulaufen oder zu verlangen, dass man mich zurück nach Hause brachte. Das wusste ich.

   Aber ich wollte jagen und toben. Ich wollte trinken und essen und küssen. Ich wollte Krieg führen. Was für ein aberwitziger Gedanke! Womit und gegen wen hätte ich kämpfen sollen? Ahnungsvoll sah ich zu Wuotan hinüber. Von ihm musste dieser Drang ausgehen. Er war der größte und mächtigste aller Krieger, in unaufhörlicher Schlacht gefangen, weil es seine Bestimmung und zugleich sein Wille war.

   „Hier werden sie vorüberziehen heute Nacht, die Eisriesen!“, rief Woutan. „Jedes Jahr kämpfen wir gegen sie an einem anderen Ort, den wir vereinbart haben. Immer später kommen sie in die äußeren Weltregionen. Die Menschen halten sie fern mit bösen Feuern. Dabei ist es notwendig, dass sie kommen. Und es ist notwendig, dass wir gegen sie kämpfen. Nur eine kleine Schar sind wir. Hunderte sind es gewesen zu früheren Zeiten. Doch sie sind alle geschwunden. Wie die Eisriesen. Doch immer noch wird in dieser einen Schlacht entschieden, wie fest der Winter die Lande greifen darf. Wisst ihr noch, als wir nur einen der Riesen besiegten? Der Eispanzer bedeckte für hundert und mehr Jahre alles, wohin mein eines Auge sehen kann. Wisst ihr noch, als wir sie fast alle besiegten? Die Menschen tanzten in der Wintersonne und pflückten bis in das kommende Frühjahr hinein Beeren und Kräuter. Zu allen Zeiten war jeder Winter anders. Doch es hat ihn gegeben. Jetzt wissen wir nicht mehr, wie lange es ihn noch geben wird oder ob die Eisriesen irgendwann wieder alles zu Frost werden lassen. Aber wir geben nie auf! Wir tun, wozu wir bestimmt sind! Wir bekämpfen sie. Wir stoßen vor zum Herz des Winters. Auf! Sammelt euch hinter mir und haltet eure Lanzen bereit!“

   Die Walküren und erwählten Krieger jubelten zustimmend. Ich hatte noch nie einer Kriegsrede beigewohnt, die zum Ziel hatte, dass auch ich meinen Teil mit Begeisterung beitrug. Nun konnte ich verstehen, warum es zu allen Zeiten gelungen war, Menschen in Schlachten hineinzuziehen. Es war etwas von dem Wilden, das für immer in uns wohnte. Es hauste auch an meiner Wurzel. Auch ich jubelte, obwohl ich nicht einmal wusste, was Eisriesen sind und wie schwer der Kampf gegen sie für uns werden würde.

   Vielleicht war die Schar der etwa zwanzig Gefolgsleute deshalb so klein, weil alle anderen gefallen waren. Vielleicht würde auch ich sterben. Es machte mir nichts aus, denn ich war in den schwarzen Fluss getaucht. Jetzt verstand ich, warum der Passus und Tristitia mich auf die andere Seite des Sarg-Spiegels geschickt hatten. Ohne dieses Geschenk hätte ich weder das wilde Jagen ertragen noch den Gedanken an einen bevorstehenden Krieg.

   Nacheinander trat Wuotan vor seine Krieger und Kriegerinnen und legte seine Hände auf ihre Schultern. Wenn er von ihnen zurücktrat, lagen plötzlich schwere Waffen in ihren Händen. Zwei von ihnen trugen einen Langbogen, einige ein breites Schwert. Die meisten hielten eine schwere Lanze in ihrer Rechten.

   Als der Einäugige vor dem Bacchus stand, küsste er diesen auf die Stirn und sagte zu ihm: „Du tust, was du am besten kannst. Du bläst dein Instrument. Wir werden deine Hilfe sehr benötigen. Deine Windsbraut soll dich im Sturm verteidigen. Dazu ist sie schließlich hier.“

   Mein goldener Gefährte beugte lächelnd das Haupt und zog die Flöte aus seinem Gewand. Auch sie hatte sich verändert. Sie war wesentlich länger und glänzte metallisch. Entweder war sie vergoldet oder sie bestand aus Gold. Ich vermutete Letzteres und fragte mich, wie wohl Musik klingen mochte, die durch Gold gehaucht wird. Da hatte sich unser Anführer bereits mir zugewandt. Ich verbeugte mich respektvoll.

   „Liebst du deinen Freund?“, fragte er mich und bohrte sein verbliebenes Auge in mein Gesicht.

   Ich horchte in mich hinein und sah zu dem goldenen Jüngling hinüber. Als er mir in der Gestalt des Krampus begegnet war, blieb er mir lange Zeit tierisch fremd. Doch nun war mir seine gehörnte Gestalt vertraut geworden. Ein wenig vermisste ich den Anblick. Gewiss, in der Gestalt des Bacchus war er wunderschön und menschlich. Ich suchte seinen Blick und wusste, was ich zu antworten hatte. Die Augen nämlich waren dieselben geblieben. Schwarze Brunnen wilder Zärtlichkeit, in denen sich der Mond spiegelte.

   „Ja, das tue ich.“, bestätigte ich und nickte.

   „Dann verteidige ihn, wenn er sein Lied spielt. Die Kraft aller Kriegsgöttinnen sei mit dir.“, dröhnte er.

   Dann beugte er sich hinunter und küsste mich auf beide Wangen. Sein Bart war weich, seine Lippen trocken. Sein Leib brannte hitzig. Als er sich wieder abwandte, hatte ich einen langen Speer in meinen Händen, dessen Schaft aus schwarzem Holz bestand und dessen Spitze aus einem Gold, das aus der Sonne getropft war. Woher ich das wusste, konnte ich nicht bestimmen. Ich war bereit, den Riesen zu begegnen.