Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

17. Dezember: Eisige Riesen

   Die Krieger und Kriegerinnen stellten sich am Rand des Felsplateaus in einer Reihe auf, Wuotan, größer als sie alle, in ihrer Mitte. Der Bacchus und ich blieben hinter ihnen zurück. Der goldene Jüngling begann, sich zu entkleiden. Mit entblößter Brust und nackten Beinen stand er auf der kalten Erde, nur noch die Scham bedeckt. Er war wunderschön und überaus verletzlich. Versonnen legte er die Flöte an seine Lippen und begann zu spielen.

   Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass goldene Töne aus dem goldenen Instrument flossen. Es war eine Melodie wie tiefer Schlaf, einsames Erwachen und beginnender Frühling. Dann schnell, laut und tanzend, als würden Sonnenstrahlen durch Blätter fallen und die Schatten am Boden eines Waldes verjagen. Wiederum leise und tief, als läge eine weite Landschaft unter heißem Abenddämmer, rot und stark, vor einer lauen Nacht. Es war ein Sonnenlied, das die Eisriesen provozierte und uns Kämpfern Mut gab.

   Dann kamen die Eisriesen. Sie stiegen den Berg hinauf und schoben die Bäume mit ihren riesigen Händen auseinander. Einige Stämme gaben nach und sanken zwischen die anderen. Eine Schneise der Verwüstung kam auf uns zu. Es waren blaue Gestalten, deren runde Köpfe über die Wipfel ragten. Wenn sie uns erreichten, würden sie die größten Krieger um ein Dreifaches überragen. Zum ersten Mal, seit wir zur Wilden Jagd aufgebrochen waren, fühlte ich Angst. Sie lähmte mich nicht wie sonst. Sie versetzte meine Sinne in einen gereizten Zustand. Als hätte ich nie etwas anderes getan, stellte ich mich breitbeinig vor den goldenen Flötenspieler und hob den Speer vor meine Brust.

   Die Eisriesen waren schnell. Ich hatte ihre Größe unterschätzt. Sie würden uns um mehr als das Dreifache überragen. Es mussten etwa fünfzig glasig-blaue Wesen sein, deren Bärte ihnen auf den nackten Bauch hingen. Sie sahen sich alle sehr ähnlich. Kein Wort kam über ihre bleichen Lippen. Nur ein Grunzen und Brummen drang aus ihrer gewaltigen Brust. Es wurde lauter, je näher sie kamen.

   „Ich werde mein Bestes geben.“, murmelte ich.

   „So ist recht!“, sagte Woutan, ohne sich zu mir umzudrehen. „Das werden wir alle.“

   Die goldene Melodie aus der Flöte des Bacchus wurde lauter, eindringlicher. Mit jedem Ton fuhr mehr Kraft in meine Gliedmaßen. Spiel, spiel um unser Leben, dachte ich. Das tue ich, ich spiele für dich allein heute Nacht, hörte ich die Stimme meines Freundes im Kopf. Nur noch einmal sah ich hinter mich und holte mir die letzte nötige Kraft aus dem Blick seiner verliebten Augen. Dann waren die Riesen angekommen.

   Wir mussten unsere Hälse nach hinten biegen, um die unbeweglichen Gesichter der schrecklichen Riesen über uns zu sehen. Sie hoben die Fäuste, uns zu zerschmettern. Ich wusste, was wir zu tun hatten. Schnell sprang ich zurück an die Seite des Bacchus und hielt meinen Speer nach oben, über seinem Kopf. Auch die anderen Krieger und Kriegerinnen hielten ihre Speere und Schwerter nach oben. Die beiden Bogenschützen gingen auf die Knie und hielten den Pfeil auf der Sehne über sich. Auf das Nicken des Einäugigen hin ließen sie los. Die beiden Pfeile trafen die Faust und das linke Auge eines Riesen.

   Er brüllte. Er brüllte so laut, dass mir die Ohren gellten. Die anderen fünfzig taten es ihm gleich. Die Schlacht brach los, als auch wir auf unsere Weise brüllten. Während die Eisriesen versuchten, uns mit ihren Fäusten zu zerschmettern, hielten wir unsere Waffen nach oben gerichtet und stießen unsererseits zu. Wie kleine Insekten stachen wir sie mit unseren Stacheln. Ich begriff, dass wir nur so lange die Kraft dazu hätten, wie der Bacchus ungebrochen das Sonnenlied spielte. Und er konnte nur weiterspielen, wenn ich die Faustschläge mit meinem Sonnenspeer von ihm fernhielt. Das war meine Aufgabe. Grauenhaft bebten meine Arme, als der erste Hieb auf die Spitze des Speeres traf. Ich hielt tapfer dagegen, stemmte meine Beine auf den Fels.

   Es forderte Kraft und Ausdauer, immer wieder den Speer nach oben zu stoßen und die Schläge mit all meinen Knochen abzufedern. Doch das war nicht schlimm, solange die Melodie der goldenen Flöte mir Mut einflößte. Fürchterlich war, was unsere Speer- und Schwerthiebe anrichteten. Die Eisriesen waren spröde Gesellen. Kalte, scharfkantige Splitter stoben aus ihren Fäusten, wenn sie auf die Klingen trafen. Diese Splitter regneten herab auf uns und schnitten die Haut. Gegen diese Schmerzen anzuhalten war weitaus schwieriger, als die Stoßkraft aufzubringen.

   Ich drehte mich, um einen neuen Faustschlag abzuwehren, der zielgenau den Bacchus treffen wollte, nicht mich. Dabei sah ich, dass er den Splittern noch ungeschützter ausgeliefert war als wir anderen, weil er seine Kleidung abgelegt hatte. Frisches Blut rann an ihm herab. In die Fröhlichkeit seiner schwarzen Augen mischte sich derselbe Schmerz, den ich empfand. Das Mitleid mit dem schönen Goldjüngling zerschnitt mir das Herz heftiger als es jede äußere Wunde hätte tun können. Ich musste meinen Freund schützen, das war meine Aufgabe. Nur wie?

   Meine Schläge gegen die Fäuste der immer lauter brüllenden Eisriesen mussten gezielter ausfallen. Ich stellte mich so dicht zu dem spielenden Bacchus wie es möglich war, ohne ihn in der Nutzung seines Instrumentes zu stören. Jetzt wartete ich mit meinen Speerstößen so lange, dass ich schräg nach vorn zuschlagen konnte, weg vom Bacchus. Im Kreis bewegte ich mich um ihn herum und verteidigte ihn von allen Seiten. Es wurde ein wilder Tanz. Die blauen Splitter prallten an meinem Brustpanzer ab, verfingen sich in meinem Gewand. Ein gutes Teil jedoch zerschnitt mir das Gesicht und die Arme. Es war mir gleichgültig, wenn nur mein Freund von Schmerzen verschont blieb.

   Mein Leben hätte ich für den goldenen Gott der Freude gegeben, ohne Gedanken an den Tod selbst, dessen schwarzen Fluss ich dann endgültig hätte durchschreiten müssen. Doch nun ebbten die Schläge der Riesen ab. Zwanzig von ihnen waren vor brüllender Wut zu Staub zerplatzt. Weitere zehn zogen grollend und wimmernd zurück in den Wald. Die restlichen zwanzig schüttelten drohend die Fäuste und zogen hinauf zum Berg, darüber hinweg, in den äußersten Norden. Es würde ein mittelschwerer Winter werden, in dem die Natur ihre Ruhe fand und niemand unnötig litt. Es war ein guter Sieg ohne Bitterkeit.

   Der Bacchus hörte auf zu spielen. Augenblicklich überkamen mich Müdigkeit und Schmerz. Ich sank stehend in einen schweren Dämmer. Schwach bemerkte ich, wie der Bacchus mich auffing und der einäugige Wuotan mich auf seine gewaltigen Arme nahm, um mich schlafend zurück in das Brausen der Jagd zu tragen.