18. Dezember: Dunkle Höhle
In einer Höhle unterhalb des Gipfels hatte die Schar der Wilden Jagd Zuflucht gefunden, um ihre Wunden zu pflegen. Ich hörte leises Lachen aus den Mündern der Walküren. Die grimmigen Kriegerinnen zeigten ihre sanfte Seite. Die Schlacht hatte ihnen große Zufriedenheit geschenkt. Auch die Krieger des einäugigen Wuotans streckten ihre Beine wohlig seufzend von sich. Zwei von ihnen bewachten ein Feuer am Eingang der Höhle. Der Anführer der Schar selbst stand aufrecht und schweigend in der Mitte aller dem Bacchus gegenüber. Nachdem ich aus dem tiefen Schlaf erwacht war, fand ich mich eingewickelt in ein schwarzes Fell liegend an der Höhlenwand wieder, von wo aus ich dies alles beobachten konnte.
Der Bacchus war wieder bekleidet. Er hatte nur wenige Wunden davongetragen. Seine dunklen Augen quollen über. Er weinte lautlos, wie er es auch schon getan hatte, als ich mich an den Stacheln der Disteln verletzt hatte. Seine Tränen tropften auf die Hände Wuotans, der sie auffing und sammelte. Dann verteilte er die Tränen auf seinen Armen und im Gesicht. Beinahe sofort begannen die Wunden sich zu schließen, bis nur noch rosafarbene Schatten übrigblieben, die man kaum als Narben bezeichnen konnte.
Fasziniert beobachtete ich, wie der goldene Jüngling von einem zum anderen ging und ihm in die Hände weinte. Woher nur nahm er diese Kraft zu Freude und Traurigkeit? Würde er auch zu mir kommen? Geduldig wartete ich. Als er sich schließlich auf mich zubewegte, setzte ich mich mühevoll auf. Die Müdigkeit wollte mich noch nicht verlassen. Der Bacchus kniete sich vor mir nieder. Ich wollte schon meine Hände aufheben, als er nur den Kopf schüttelte und die seinen aufhob. Er weinte in sie hinein, ohne seine Augen von meinem Gesicht zu nehmen. Er weinte, bis die Tränen über den Rand seiner zusammengelegten Finger liefen.
Er selbst goss die Tränen über meinem Gesicht aus und strich sie zärtlich über meine Wangen, fuhr über meine Arme und hielt schließlich meine Hände fest. Aus der Verliebtheit seiner Augen, vor der ich mich ein wenig gefürchtet hatte, war etwas anderes geworden. Es war tiefer und ich konnte es nicht deuten. Es gefiel mir, aber ich hatte zugleich noch mehr Angst davor.
„Noch nie hatte ich eine Windsbraut, die ihr Leben für mich gegeben hätte. Du hast mir die größte Liebe erwiesen, die man einem Freund erweisen kann, Lina.“, flüsterte er, um dann etwas lauter fortzufahren. „Ich denke, Wuotan wird mir zustimmen, dass dir die Ehre zukommen sollte, das Ende der Wilden Jagd herbeizuführen.“
Der Einäugige war hinter den Bacchus getreten. Er nickte und reichte mir seine riesige Hand, die ich nur ungern gegen die schmalen Finger des goldenen Jünglings eintauschte, aber ich verstand, dass es ein großes Bekunden von Achtung mir gegenüber war und griff danach. Er zog mich hoch, sah mich grimmig an und verkündete:
„Es ist recht. Es ist das einzig Richtige. Du, Lina, gehst in das Innere der Höhle und durchstichst das Herz des Winters. Du allein.“
„Wer tut das sonst?“, fragte ich.
„Der tapferste Krieger. Die mutigste Walküre.“, erklärte er.
Ich musste lachen.
„Ich bin nicht mutig. Ich hatte furchtbare Angst.“, gestand ich.
„Du bist mutig, weil du getan hast, was du nicht tun musstest, obwohl du Angst hattest. Ein Mensch, der sein Leben unter das eines anderen stellt, ist mutiger als alle Kriegsherren und Kriegsgöttinnen. Sterblich und doch so ewig tapfer. Das zeichnet euch Menschen manchmal aus.“
Ich starrte ihn an und konnte oder wollte nicht verstehen, was er sagte, stattdessen verlegte ich mich auf das Praktische.
„Was muss ich tun?“
Wuotan ließ mich los und lachte nun seinerseits.
„Hört ihr, ihr Walküren? Sie könnte fast eine von euch sein! Sie fragt nicht einmal, warum und folgt dem Befehl. Verbeugt euch vor einer, die euresgleichen ist!“
Die Frauen taten, wie er geheißen hatte und neigten ihre Köpfe lächelnd in meine Richtung, Auch ohne Befehl taten die Männer es ihnen gleich. Es war mir unangenehm.
„Passus. Bacchus. Sag ihnen, sie sollen aufhören. Es macht mich ganz schwindelig.“, flehte ich meinen goldenen Freund an.
Er lachte nur wie die anderen.
„Nimm deinen Sonnenspeer und geh ins Dunkle hinten in der Höhle. Dir wird kein Schaden begegnen. Wenn du das Herz des Winters siehst, wirst du es erkennen. Durchstoße es mit aller Kraft. Damit machst du den Weg frei für einen neuen Frühling. Frau Holda schüttet ihre Schneelast aus und tränkt die Felder und Wälder. Um diese Aufgabe zu erfüllen, mussten wir die Eisriesen dämpfen. Jetzt gib uns die Ehre, tapfere Lina, und beende die Wilde Jagd.“
Der Bacchus hatte gesprochen und legte mir den Speer in die Hände. Ohne Widerspruch drehte ich mich um und lief in den hinteren Teil der Höhle. Kein Lichtschein drang dort ein, obwohl es vor der Höhle bereits blass dämmerte. Ich würde weitergehen, auch wenn ich völlig blind war. Schräg vor der Brust hielt ich meine Waffe, um zu fühlen, ob ich links und rechts Wände berührte. Weiter und weiter ging ich, bis die Finsternis nachgab.
Vor mir schimmerte es erst grau, dann blau und schließlich weiß. Die Höhle weitete sich und plötzlich stand ich inmitten eines blendenden Glanzes. Von oben her drang Licht in die Erweiterung der Höhle, die ich durch einen weiten Gang betreten hatte. Es wurde von Millionen Eis-Kristallen gebrochen und reflektiert. Sie bedeckten vollständig Wände und Boden der Höhle. Hier herrschte eine Kälte, wie ich sie noch nie gefühlt hatte. Ich fand es wunderschön. Mein Herz wurde eng und munter, meine Augen klar, mein Atem frei.
In der Mitte dieses Raumes befand sich ein Fels, auf dem ein Kristall ruhte, der die Größe eines Kopfes hatte. Seine spiegelglatten Flächen brachen das Licht in verschiedensten Abstufungen von Weiß und Blau. Es war das Herz des Winters, daran bestand kein Zweifel. Ich wollte diese Schönheit nicht zerstören, aber ich wusste, dass es ohne meine Tat keinen wahrhaftigen Winter geben könnte.
Stumm harrte ich vor dem Kristall aus. Ich kann nicht sagen, wie lange ich ihn betrachtete, ehe ich mit einem Schrei des Triumphes den Sonnenspeer von oben in die Mitte stieß. Tausende, tausende, tausende Kristalle zerstoben in der Luft, wirbelten durcheinander und fanden schließlich ihren Weg durch den Lichteinfall über mir.
Nur noch schwach leuchteten die Wände der Höhle, als ich nachdenklich und bewegt meinen Rückweg antrat.

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