19. Dezember: Fröhliches Fest
Die Wilde Jagd war zu einem Wehen und Säuseln geworden. Wir reisten auf unseren Pferden ruhig durch die Luft, unter den Hufen der ungestümen Tiere wallten Nebel und Wolken von so dichtem Weiß, dass wir die Landschaft darunter kaum sehen konnten. Aus dem Norden fuhren wir wieder gen Süden und brachten den Winter mit. So recht verstand ich es noch nicht.
„Bacchus, wir haben den Winter bekämpft und bringen ihn dennoch mit uns?“, fragte ich leise.
Der Goldene führte sein Reittier näher an meine Seite.
„Nur wenn der Winter sich ausbreiten kann, trägt er in sich den Keim eines gesegneten Frühjahrs. Das ist der Sinn der Wilden Jagd in der Zeit des Übergangs. Es sind die dunklen Nächte der Angst für die Menschen. Gleichzeitig die Nächte der Festlichkeit, des heiligen Wechsels. Ohne das Absterben ist kein Platz für das frische Grün, das aus der Kälte sprießt.“
Ich hörte ihm gerne zu.
„Wo reisen wir hin?“
„An den Ort, an dem ich darauf warte, dass die kosmischen Schafe sich satt fressen im Sternenstaub, bis ich sie in der Zeit des Übergangs wieder auf die Erde führe. Nur kurz besuchen wir ihn. Für ein Fest.“
„Ein Siegesfest?“
Er nickte und lächelte bestätigend. Wehmut hatte sich in seine verliebten Augen geschlichen. Auch der Übergang muss einmal ruhen im Schlaf der Sommerhitze, dachte ich und wunderte mich über diesen Gedanken. War es die Stimme des Bacchus oder war es meine eigene? Immer weniger konnte ich beide unterscheiden. Wir waren uns näher als zuvor. Darum machte mich der Gedanke, diese Reise irgendwann beenden zu müssen, traurig. Ich verdrängte ihn.
Wir wurden langsamer, denn die Ausläufer des Schneetreibens stützten die Hufe der Luftrösser nicht mehr so stark wie im Norden. Wir sanken tiefer und tiefer einer Landschaft entgegen, die mir noch fremdartiger vorkam als die der Eisriesen. Es waren baumlose, sachte gewellte Hügel. Die trockene Heide glühte braun in der Dämmerung des Winters. Das Licht färbte den Erdboden und die verteilten Felsbrocken rötlich. Eine Anhöhe wuchs aus dem flachen Land. An ihren Hängen sah ich abgeerntete Weinstöcke. Wir landeten sanft auf der Kuppe, inmitten von groben Steinbrocken, die kreisförmig angeordnet waren.
Unsere Pferde zerstreuten sich zufrieden, um nach ein paar letzten Grasbüscheln zu suchen, die trotzig grüne Winter-Halme trieben. Gelöst schritten die Krieger und Walküren im Steinkreis umher. Manche lagen sich in den Armen. Es gab wohl auch das eine oder andere Paar, das innige Küsse tauschte. Verlegen sah ich weg.
Wuotan warf sich in die Brust. Er brüllte einen Jubelschrei, der mich zusammenfahren ließ.
„Zu trinken! Bacchus! Du Gott allen Rausches! Mach deinem Ruf Ehre! Sonst mach ich dir Beine!“
Als der goldene Jüngling lachend aufsprang, konnte ich auch ein wenig vom Herrn des Schabernacks in ihm erkennen. Frech grinste er, als seine Finger die Felsen berührten. Aus ihren Spalten floss blutiges Dunkel. Sie ließen Wein strömen. Der Einäugige klatschte in die Hände, worauf plötzlich jeder einen goldenen Becher in seiner Rechten hielt.
„Sauft, sauft, sauft! Es war eine gute Jagd! Wir haben übermannt! Sauft!“, brüllte Wuotan.
Die Kämpfer eilten zu den Felsen und fingen in ihren Bechern den strömenden Wein auf. Sie setzten ihn begierig an die Lippen, tranken in vollen Zügen. Die alte Wildheit kennt keine verfeinerten Sitten, nur eine natürliche Anmut. Und mit dieser tranken und tanzten sie. Ich musste an das Zafflakaff der Mondpiraten denken und zögerte, von dem Wein zu kosten. Es war der Bacchus, der mit einem gefüllten Becher zu mir kam.
„Trink mit mir, schönes Kind.“
Ich trank und erhaschte einen Blick in die alte Welt der fröhlichen Götter und Helden, als der Wein wie blutige Perlen schwer in meinen Hals glitt.

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