Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

20. Dezember: Seltsamer Traum

   Dem Wesen des Übergangs, des Schabernacks und des Rausches war nicht zu trauen. Es mag sein, dass er ein wenig mehr in meinen Becher Wein gelegt hatte als in den der anderen Kämpfer. Bis heute weiß ich nicht, ob ich dies träumte oder ob wir beide mit Leib und Geist an jenen Ort reisten, während die anderen ohne uns weiterfeierten. Eigentlich spielt das keine Rolle, denn es ist wahr und wirklich – auf die eine oder die andere Weise.

   Ich ging am Arm des Bacchus durch einen Hain, dessen Bäume uns vor der Glut einer Sommersonne in ihrem Mittag schützte. Als ich zu den Baumkronen aufsah, stellte ich fest, dass die Blätter eine Form hatten, die mir fremd war. Kleines, schmales Laubwerk, wie es südliche Pflanzungen tragen. Auf dem weichen Boden tanzten langsame Schatten, denn eine Brise voller Meersalz wehte uns entgegen.

   An Ende des Hains stand eine Steinbank, auf der wir uns niedersetzten. Von hier aus blickten wir auf ein Meer, das so klar und blaugrün leuchtete, wie man es heute nirgendwo mehr sieht. Es war nicht nur ein anderer Ort, sondern auch eine andere Zeit. Fest verschränkte der Bacchus seine Finger mit den meinen und blickte mich an. Sein Gesicht war schön. Es war traurig. Es hing an mir. Ich erschrak.

   „Was ist mit dir, Freund?“, fragte ich besorgt.

   „Ich tat etwas, das mir seit dreitausend Jahren und länger nicht mehr gestattet war. Ich brachte dich an einen Ort, an dem sonst nur die ewigen Wesen wandeln. Selten verliebten wir uns in die Menschen. Noch seltener folgten sie uns. Und fast nie wurden wir eins. Lange ist es her, seit Amor seine Psyche fand. Nie ist es zum Guten für einen von euch ausgegangen. Und ich, ich bin nur der Übergang. Verweilen ist nicht meine Sache. Darum sind wir an diesem Ort. Denn nur hier ist Verweilen für einen wie mich, da dieser Ort keine Zeit kennt.“

   „Ich kann nicht bei dir bleiben, nicht wahr?“, fragte ich.

   „Das ist wahr.“, bestätigte der Bacchus.

   Jetzt weinte er echte Tränen der Traurigkeit. Ich drehte mich um und meinte, den Schatten von Königin Tristitia vorübereilen zu sehen. Sie rührte auch mein Herz. Ich legte meinen Kopf auf die Schulter des goldenen Jünglings und er lehnte seine Wange auf meinen Scheitel. So saßen wir traurig und schweigend.

   „Du kannst nicht treu sein, denn du ziehst nur vorüber.“, sagte ich.

   Er nickte.

   „Und du kannst nicht bleiben, weil du vergehst. Umso schneller, je fester du am Vorübergehenden hältst. Aber gute Freunde sind wir geworden, nicht wahr, Lina?“

   „Ja, das sind wir.“

   Im nächsten Augenblick standen wir wieder auf dem wilden Weinberg zwischen der feiernden Schar. Der Bacchus trank mir zu. Ich trank meinen Becher aus. Mein Rausch war still. Es waren meine Augen, die gierig einsogen, was um mich geschah und wie mein Freund mich mit Liebe ansah.