21. Dezember: Letzter Segen
Das Fest war den ganzen kurzen Tag gegangen. Vielleicht waren wir auch viele Nächte unterwegs gewesen und hatten viele Tage gefeiert. Wer kann das so genau bestimmen in der Zeit, wenn die Sonne nur kurz zu Besuch kommt und das nächtliche Dunkel den Norden lange Stunden in seinen zärtlichen Armen hält? Es muss ein sehr kurzer Tag gewesen sein, denn die Walküren und Krieger waren nicht allzu betrunken, als die Abenddämmerung kam. Andererseits kann diese Kriegsschar genauso viel trinken, wie sie kämpfen kann.
Auf den Rat meines Freundes hin hatte ich den Wein des Bacchus nur sparsam gekostet. Dennoch stieg eine ungekannte Hitze in mir auf. Die Sonne eines ganzen Jahres gärte in jedem Tropfen. Auch eine Lust, die aus meiner Mitte in alle Glieder schoss. Sie war rot und gefährlich, ließ mich unruhig werden. Ich beteiligte mich an den Tänzen. Wir hielten uns an den Händen, lagen uns in den Armen und wechselten alle von einem zum anderen.
Der Bacchus spielte uns einige seiner wildesten Melodien, die den Rausch des Weines zu einem Rasen werden ließen, das auch nicht nachließ, wenn er die Flöte absetzte, in unsere Mitte sprang und sich an den Tänzen beteiligte. Unser Abschied nahte, darum wusste er es geschickt einzurichten, dass ich oft in seinen Armen lag, um mit ihm zu tanzen. Fröhlich war er, aber nie verließ das Traurige ganz seine Augen.
Als der Dämmer in flachen Schatten über den Hügel kroch, verebbte unser Tanz und wir widmeten uns einer anderen Beschäftigung. Ich half, biegsame Ruten zu schneiden, die wir am Rand des Weinberges fanden. Im Zentrum des Steinkreises steckten wir sie in die Erde, banden sie aneinander und bildeten so einen dicht geflochtenen Bogen, unter dem man aufrecht stehen konnte. Zu welchem Zweck das geschah, wusste ich nicht, verlangte auch nach keiner Erklärung.
Die Nacht sank schnell herab. Wir waren fertig mit unserem Werk und traten zurück. Langsam umrundete der Bacchus den Bogen. Seine Bewegungen waren anmutig, die Verliebtheit trat wieder voll in seine Augen. Er nahm seinen Becher, bis an den Rand gefüllt mit Wein und goss ihn dort aus, wo wir die Ruten in die Erde gesteckt hatten. Sofort schoss es grün in ihnen auf, das konnte ich selbst im Mondschein sehen. Weitere Zweige wuchsen aus den Ruten, verschränkten sich miteinander, bildeten Blätter und wohl auch einige Dornen.
Ich seufzte, als dicke Knospen hervorbrachen, aufplatzten und die herrlichsten weißen Rosenblüten freigaben, deren Blätter das Mondlicht in sich aufsogen. Sie verströmten einen Duft, der beinahe so berauschend wirkte wie der Wein, mit dem sie ins Leben gegossen worden waren. Noch nie hatte ich kältere und schönere Blumen gesehen. Der Bacchus trat unter den Bogen und streckte seine Arme aus.
„Komm!“, sagte er und sah mit bittend an.
Langsam ging ich auf ihn zu und stellte mich zu ihm. Seine Arme und der Duft der Rosen umfassten mich. So standen wir und warteten. Es war Wuotan, der vor uns trat und mit einem Flüstern den letzten Gast dieser Nacht zu uns rief.
„Holda. Erste Windsbraut, Mutter im Schnee, Wanderin der Fluren. Komm zu uns, wir haben dir Platz bereitet und die Eisriesen bedrängt. Komm zu uns und feiere den letzten Segen mit uns.“
Das verbliebene Auge des alten Kriegers glitzerte. Er war voller Sehnsucht und Sanftmut, wie ich es ihm nie zugetraut hätte. Unsere ganze Versammlung schwieg im Rosenduft. Es machte uns nichts aus zu warten, wir taten es gern und mit ebenso viel Liebe, wie wir getanzt und getrunken und gekämpft hatten.
Dann trat sie unter uns. Obwohl wir sie erwartet hatten, waren wir überrascht. Frau Holda stellte sich an die Seite des Einäugigen. Sie war dunkel und schön. Ihr erdbraunes Haar umhüllte den ganzen Leib. Darunter blitzte ein grünes Gewand. Ihre Brüste und Hüften waren Hügel, auf denen die Sonne tanzte. Ihre Zeit war gekommen, mitten im Winter. Die Zeit des Passus endete. Hier auf dem Hügel des Bacchus begegneten wir einander für sehr kurze Zeit. Nur wenige Worte sprach sie, als ihre Hände sich auf den Kopf des Bacchus und auf den meinen legten.
„Hier, wo die Nacht am längsten ist, vermählen wir das Vorübergehende mit dem Bleibenden. Hier begegnen sie sich. Hier nehmen sie Abschied. Hier schließen sie ewige Freundschaft.“
Ihre Stimme war Wind und Regen, dann ein glitzernder Schneeschauer, als der Bacchus sich über mich beugte, um mir einen einzigen und letzten Kuss auf den Mund zu geben.

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