22. Dezember: Dichter Schnee
Es schneite. Die Todesnacht, die Wilde Jagd und das lange Dunkel waren vorüber. In der Morgendämmerung waren sie alle verschwunden, die Walküren, die Krieger, Wuotan und Frau Holda. Auch der Weinberg hatte sich gewandelt. Es war wieder die Anhöhe, auf der die kosmischen Schafe immer noch in ihrem silbernen Dornenkäfig schlummerten. Dort, wo sie lagen und schnauften, war kein Schnee. Ihre Hitze hatte ihn nicht liegen lassen. Sie hielten sich gegenseitig warm und trocken. Vielleicht wohnte auch genug Sternenfeuer in ihnen, um alles Eis fernzuhalten.
Ringsum versank das Land im Schnee. Man konnte die Höhen und Tiefen kaum noch voneinander unterscheiden, so blendete das Weiß unter dem ebenfalls weißen Himmel. Es gab keine Spuren von Mensch oder Tier, denn alles schlief noch oder schon wieder. Unberührt knackte der Frost in der glitzernden Decke. Mir war kalt ohne meine Jacke, meine Mütze, meinen Schal. Sie lagen noch in der Gruft auf dem Friedhof. Ich hatte zwar nicht mehr das lose Gewand der jagenden Götter an, doch der Pullover und die Hose schützten wenig. Ein Zittern stieg in mir auf. Es machte mir kaum etwas aus, denn die Schönheit des frisch gefallenen Schnees erfüllte mein ganzes Denken und Schauen.
Der Passus stapfte zu mir und hing seine Weste über meine Schultern, so wie er es getan hatte, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren, um auf der Treppe zur Rückseite des Mondes zu reisen. Ich drehte mich zu ihm um. Er war wieder der gehörnte Krampus mit dem ziegenartigen Gesicht. Es überraschte mich nicht. Freudig umarmte ich ihn, denn dies war mein vertrauter Freund.
„So mag ich dich eigentlich lieber.“, gestand ich.
Er lachte meckernd und gab die Umarmung kurz zurück.
„Das ist nicht verwunderlich. Du bist ein Kind des Winters. Immer wirst du dich nach der Sonne sehnen, aber auch in der Nacht zu Hause sein. Das ist ein Geschenk, das nur wenige besitzen.“
„Es ist nicht leicht, dass alles vorübergeht.“, sagte ich.
„Aber es ist schön.“, entgegnete der Passus.
Er hatte Recht. In allem, das sich verwandelt und vergeht, liegt Schönheit. Und die Schönheit ist ewig. Sie rettet die Seele. Das Bleibende und das Vergängliche sind vermählt, auch wenn sie nie ganz zusammenkommen. Das ging mir durch den Kopf, als ich den Passus beobachtete, wie er zu seinen Schafen ging und mit den Hörnern das silberne Geflecht ihrer Einhegung berührte. Es zerfiel zu feinem Staub, der sich glitzernd auf dem Schnee ringsum verteilte.
Ein erstes Schaf aus der Mitte reckte den Kopf, gähnte und kämpfte sich auf seine Füße. Die Unruhe, die seine Bewegungen erzeugte, wirkte sich nach und nach auf die anderen Schafe aus. Sie kamen auf die Füße und blökten freudig, als sie ihren Hirten erkannten. Der zog seine Flöte hervor, die nun wieder klein und knochenweiß war. Eine sehr einfache Melodie in ganzen, langen Tönen schwebte gedämpft über die Schneedecke. Die Schafe hörten darauf und sammelten sich um den Passus.
Ein letztes Mal richtete er seine schwarzen Augen auf mich.
„Es ist höchste Zeit, Lina. Die Schafe brauchen ihre Ruhe in den Höhlen auf der Rückseite des Mondes. Ich muss sie dorthin führen. Lebe wohl.“
Und schon hatte er sich umgewandt und bestieg eine unsichtbare Leiter, hinter ihm her die Schafe. Es war kein Abschied, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Mein Freund ließ mich zurück.
„Was ist mit deiner Weste?“, rief ich verzweifelt.
„Du wirst sie haben, solange du sie brauchst. Und du wirst sie brauchen.“, rief er, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Fassungslos starrte ich dem Zug der Schafe in die Wolken hinterher. Es hatte keinen letzten Handschlag gegeben, keine Umarmung, keinen Gruß des Abschieds. War sein Herz so sehr getroffen, dass er dem Schmerz eines Lebewohls schnell entkommen wollte? Das erschien mir unpassend, wo doch der Schmerz ein Übergang war, den der Passus, Herr der Übergänge, nicht meiden würde. Ich konnte es mir nur so erklären, dass es wirklich „höchste Zeit“ gewesen war und die Reise mit den Schafen keinen Aufschub haben durfte. Was wusste ich schon vom Hirtendasein?

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