23. Dezember: Kaltes Heim
Ich war allein und wollte weinen, doch dazu blieb mir keine Gelegenheit. Der weiße Himmel füllte sich mit grauen Wolken. In die frostige Luft mischte sich ein starker Windhauch. Es würde bald wieder schneien. Da ich recht weit aus der Stadt hinausgelaufen war, ehe ich dem Geruch der kosmischen Schafe bis zum Passus gefolgt war, würde mich der Rückweg durch den hohen Schnee auch einige Zeit kosten. Zudem trug ich nur Turnschuhe. Der Passus musste gewusst haben, dass es noch einmal schneien würde, darum hatte er mir seine Weste überlassen.
Trotzdem war ich wütend darüber, dass er mich erst hierhin und dorthin entführt hatte, um mich nun der Winterkälte zu überlassen. Diese Wut war ungerecht, denn jederzeit hätte er mich zurück nach Hause geführt. Ich hatte mit ihm reisen wollen. Nun war es Zeit für die Schafe und meine Zeit war vorüber. Also drehte ich mich auf dem Absatz und verließ die Anhöhe, um zurück zum Wanderweg zu kommen.
Es war früher Morgen. Es war Winter. Kein Mensch und kein landwirtschaftliches Fahrzeug hatten die Wege geebnet. Ob ich nun durch ein Feld oder über den kaum noch vom Feld zu unterscheidenden Weg lief, machte für mein Schuhwerk keinen Unterschied. Binnen Minuten war es völlig durchnässt. Bis zu den Knien sog sich auch die Hose voll. Ich musste in Bewegung bleiben, wenn ich nicht wollte, dass mir die Zehen erfroren.
Als der Schneefall auf halbem Weg zurück in die Stadt einsetzte, wurde ich überaus dankbar für die Weste des Passus. Sie ließ weder Kälte noch Feuchtigkeit an meine Haut. Der Rumpf mit meinem wild schlagenden Herzen und der vor Anstrengung keuchenden Lunge blieb trocken. Ich bin überzeugt, dass ich ohne die Weste des Passus nicht nach Hause gekommen wäre, selbst wenn ich meine Jacke noch gehabt hätte.
Schlotternd und den Tränen nahe erreichte ich die ersten Straßenzüge der Stadt. Ein paar Räumfahrzeuge hatten das Pflaster bereits vom Schnee befreit. Autos waren kaum unterwegs, also ging ich mitten auf der Straße, um nicht weiter durch die feuchten Schneemassen auf den Gehwegen laufen zu müssen.
Ich erreichte meine Wohnung und stieg langsam die Treppe hinauf. Meine Füße schmerzten bei jedem Schritt. Drinnen war es kalt, die Heizung hatte ich seit Tagen heruntergedreht, weil der Herbst noch warme Tage gekannt hatte, als ich losgegangen war. Mit gefühllosen Händen drehte ich die Thermostate auf. Meine Brust war kalt. Erschrocken umfasste ich meine Schultern. Die Weste des Passus war verschwunden, als ich in meine einsame Wohnung zurückkehrte.
Als erstes tauten meine Gefühle auf. Ich begann zu weinen über den Verlust meines Freundes, über den Schmerz der Kälte und über alles, was einem nur einfallen konnte. Als ich unter der Dusche stand, schrie ich auf, weil das lauwarme Wasser auf meiner ausgekühlten Haut wie Feuer brannte. Immer noch weinend trocknete ich mich ab, zog mir einen langen Schlafanzug an und schlüpfte unter die Bettdecke. Eigentlich hatte ich noch weiter weinen wollen, in endlosem Selbstbedauern, doch die Erschöpfung schlug mir gnädig vor die Stirn. Beinahe sofort schlief ich ein.
Am nächsten Morgen fragte ich mich, ob ich krank gewesen war und geträumt hatte. Die letzten Tage verschwammen vor meinen inneren Augen. Der Schlaf jedenfalls hatte mir wieder etwas Sicherheit verliehen, die ich in Tatendrang umsetzte.
„Es nützt ja nix.“, murmelte ich, versuchte ein Lächeln und begann, meine Weihnachtsdekoration aus dem Schrank zu ziehen.

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