Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

24. Dezember: Weihnachtliche Stimmung

   Der Heilige Abend begann ungewöhnlich frostig, hell und schneereich. Ich war zum Mittagsgottesdienst gegangen, der aus einer sehr schlichten Andacht bestand, an deren Inhalt ich mich kaum noch erinnerte, als ich wieder zurück in meiner Wohnung war. Doch ich erinnerte mich an den Kerzenschein in der dämmrigen Kirche, an das blendende Winterlicht, das durch die hohen Fenster sickerte, an müde und einigermaßen glückliche Gesichter. Es hatte mich tatsächlich ein bisschen in die rechte Stimmung versetzt.

   Ein kitschiges Weihnachtslied summend, von denen es seit dem 19. Jahrhundert einfach zu viele gab, drehte ich die Heizung im Wohnzimmer auf. In der Küche brodelte bereits der Wasserkocher. Gesegnete Erfindung für alle leidenschaftlichen Verehrer von Heißgetränken. Mit einem starken Tee setzte ich mich ans Fenster und legte die ausgekühlten Fußsohlen an die Rippen des wärmer werdenden Heizkörpers. Gab es ein größeres Glück? In diesem Augenblick war alles vollkommen, weil es so still war und trotzdem angenehm an mir vorüberziehen würde.

   Ich sah hinaus auf die Kirchtürme, an denen ich mit dem Passus einst auf der Treppe zur Rückseite des Mondes vorbeigeschritten war. Kurz dachte ich an die träumenden Tauben im Turmfenster. Ob sie wohl schliefen oder sich gerade ein frohes Weihnachtsfest zuzwinkerten, nachdem die Kirchenglocken sie kurz geweckt hatten?

   Es war herrlich weiß. Die Menschen waren fast alle zu Hause. Außer für einen weiteren Kirchgang zum abendlichen Krippenspiel würde keiner mehr freiwillig zur Tür hinaus gehen. Alles saß wie ich im Warmen, starrte auf Kerzen und genoss, was ihnen unter den Baum gelegt worden war. Es machte mir nichts aus, hier allein zu sitzen. Gestern erst hatte ich eine kleine Weihnachtsfeier mit Freundinnen begangen, zu der wir liebevolle, selbstgebastelte Geschenke überreichten. Es war ein wunderbarer Abend voll rotwangiger Gespräche gewesen. Nur über eines hatte ich geschwiegen. Über den Passus. Ich verschwieg ihn vor mir selbst und hatte jetzt viel Mühe, weiterhin nicht an ihn zu denken.

   Ein Klingeln an der Tür erleichterte mir das Verdrängen der Gedanken.

   „Nanu? Jetzt? Wer kann das sein?“

   Nach kurzem Zögern erhob ich mich aus meinem Stuhl und eilte zur Tür, die Treppe hinunter in den Eingangsbereich des Hauses. Wer an diesem Tag bei anderen klingelte, brauchte wahrscheinlich dringend Hilfe oder eine Auskunft. Oder es war ein verspäteter Paketbote. Manche dieser bedauernswerten Fleißigen musste wohl noch am Heiligen Abend unterwegs sein.

   Ich fröstelte, als ich die Eingangstür aufschloss und den unzeitigen Besucher mit einem nicht zu unfreundlichen „Hallo?“ begrüßte. Ein Hauch der Schneekälte wehte die Heizungswärme aus meinem Körper. Ich musterte den Fremden, der vor mir stand. Sein Gesicht lag im Schatten einer Kapuze, die zu einem ungewöhnlich lang geschnittenen Mantel gehörte. Der Mantel glänzte golden. Sternsinger? Jetzt schon?, schoss es mir durch den Kopf.

   Erst als der Mann seine Kapuze vom Kopf streifte und ich in schwarze Augen sah, begriff ich, wer mich hier besuchte. Vor mir stand der goldene Bacchus, so blass und schön wie nie zuvor. Es dauerte nur einen Moment, bis ich ihm in die Arme fiel und er mich lachend auffing und an sich drückte.

   „Du hier? Ich dachte, wir würden uns nie wiedersehen und du hättest mich vergessen!“, rief ich.

   „Ich vergesse meine Windsbraut nicht. Die kosmischen Schafe sind in ihren Mondhöhlen und die Piraten haben ihren Beutezug erfolgreich beendet. Jetzt, da die Welt still liegt, bin ich für einen Augenblick frei, umherzuziehen, wo ich will.“, erklärte er feierlich.

   „Und du hast dich entschieden, zu mir zu kommen?“, fragte ich aufgeregt.

   „Ja. Wenn du mich denn weiter als Freund betrachtest und mich einladen willst?“

   „Unbedingt!“, sagte ich mit solchem Ernst, dass mein Freund seinen Kopf zurückwarf und schallend lachte.

   Für einen winzigen Augenblick meinte ich, seine geschwungenen Hörner zu sehen. Dann war er wieder ganz der goldene Jüngling. Ich machte ihm Platz und ließ ihn ein. Anmutig tanzte er die Treppe zu meiner Wohnung hinauf, anders lässt sich sein Gang nicht beschreiben. Dann saßen wir zusammen im Wohnzimmer. Ich hatte Kerzen entzündet und auch ihm einen Tee hingestellt.

   „Ein wenig schmucklos ist deine Wohnung für solch eine festliche Zeit, liebe Lina.“, meinte er, als er sich eine Weile schweigend umgesehen hatte.

   „Was meinst du?“, fragte ich verwirrt.

   Überall hatte ich Kerzenleuchter aufgestellt. Etwas Tannengrün in einer Vase wurde von roten Kugeln geschmückt. Auf dem Tisch lag eine Decke, deren Muster von Sternen übersät war. Es war gemütlich.

   „Es ist zu wenig, eindeutig!“, bestimmte der Bacchus und holte seine goldene Flöte hervor.

   Er hatte etwas vor. Ich kannte seinen Sinn für Scherze und Wandlungen, also wartete ich gespannt, welche Töne er spielen würde. Es war ein Lied, das den Weihnachtsmelodien, die jedes Jahr gesungen werden, entfernt ähnlich war, nur weniger kitschig, tiefer, voller, komplizierter. Hier in meiner Wohnung war das Instrument sehr laut, jedoch nicht so, dass es unangenehm für die Ohren war.

   Überrascht sprang ich auf, als ich bemerkte, was das Lied des Bacchus bewirkte. Alle Kerzen, die ich aufgestellt hatte, entflammten sofort. Weitere Kerzen erschienen an ihrer Seite. Das elektrische Licht ging aus. Stattdessen wurden es immer mehr und mehr Kerzen. Sie leuchteten auf den Fensterbrettern, auf dem Tisch, auf meinen Möbeln, ja sogar auf dem Fußboden. Ihr Wachs tropfte dick herunter. Es störte mich nicht, dass er meine Sachen bedeckte, denn es sah wunderschön aus. Eine reiche Wärme ergoss sich über uns, ein gelbes Licht umhüllte alles.

   „Das ist wundervoll!“, rief ich.

   Doch der Passus war noch nicht fertig. Er spielte lauter, schneller. Die Musik wurde fröhlicher. Über die Wände fielen rote Samtvorhänge bis zum Boden. Von der Decke, um den Türrahmen und um die Fensterrahmen rankten sich immergrüne Zweige. Es waren Büschel des Eibenbaumes, Tannenzweige, Lorbeerblätter, Mistelzweige. Die verschiedenen Grüntöne hoben sich im Kerzenlicht dunkel von den roten Vorhängen ab.

   Es war nicht mehr mein Wohnzimmer. Es war ein großer Saal voller Immergrün, Samt und Kerzen, in dessen Mitte ich nun neben dem Bacchus stand. Er setzte seine Flöte ab und sah mich so verliebt an, wie er es zuletzt bei der Wilden Jagd getan hatte.

   „Gefällt es dir?“, fragte er und verbeugte sich leicht.

   „Es ist schön, so schön…“, seufzte ich.

   Er reichte mir die Hand. Langsam und dicht aneinander geschmiegt wiegten wir uns im Tanz zu der Flötenmelodie, die noch immer im Raum über uns schwebte, obwohl der Bacchus längst aufgehört hatte zu spielen.

   „Es könnte das letzte Mal sein, dass wir uns sehen.“, flüsterte mein Freund.

   „Das weiß ich.“, entgegnete ich. „Du kannst nicht verweilen und ich muss leben. Aber heute. Heute ist ein Fest. Ist das Festliche nicht auch ein Übergang?“

   „Das ist sehr richtig, meine liebe Lina. Heute ist ein Fest.“

   Wir führten noch manches Gespräch an diesem Abend, tranken Wein, aßen ein Festmahl, das plötzlich vor uns erschien – „Ein Geschenk Woutans.“, wie der Bacchus meinte. Es war ein Zauber, der nach und nach verblasste. Mit einem allerletzten Kuss verabschiedete sich mein Freund. Dann war ich allein in einer schmucklosen Wohnung. Doch der Zauber klang nach in meinem Inneren. Ich würde ihn vermissen, den Passus. Aber wir würden gute Freunde bleiben, der Übergang und ich. Glücklich ging ich zu Bett.