Passus II – Eine Adventskalendergeschichte

25. Dezember: Kleines Geschenk

   Als ich erwachte, fühlte ich noch den Abschiedsschmerz. Der Weihnachtsmorgen war nie herrlicher gewesen. Nur ein Mensch, der etwas verloren hat, kann wissen, wie gut es ist, so viele andere Dinge zu haben.

   Ich zog mich an und wollte auf einen Spaziergang zur Tür hinaus. Verdutzt blickte ich auf das, was vor der Haustür im weißen Schnee lag. Fast hätte ich es zertreten oder wäre darüber gestolpert. Es war ein länglicher Karton, bezogen mit schwarzem Samt. Eine rote Kordel hielt seine Hälften zusammen. Langsam bückte ich mich und nahm das Kästchen auf. Das Band war in einer lockeren Schleife um das Geschenk gewickelt. Es ließ sich leicht aufziehen. Vorsichtig hob ich den Deckel des Kartons an und sah hinein. Mir kamen Tränen, die sich mit meinem Lachen vermischten.

   Auf einem samtenen Kissen ruhte eine kleine, knochenfarbige Flöte. Ihr Mundstück und ihr Endstück waren golden. Sie war wie das kleine Kind der Instrumente des Passus und des Bacchus. Ein Zettel lag dabei.

   „Für die traurigen und die fröhlichen Töne. Alles hat sein Recht.“

   Ich steckte den Karton und das Band in meine linke Jackentasche und setzte die Flöte an meine Lippen. Zarte Töne, rund und satt. Mein Leben lang würde ich auf diesem Instrument spielen und besser darin werden, die verschiedenen Melodien ineinander zu verweben und ein Ganzes daraus zu machen. Versonnen übend stapfte ich in den Schnee hinaus.