
Hagar findet eine Quelle mitten in der Wüste, mitten in ihrer Verzweiflung, und sie nennt sie: „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“. Was genau mag Hagar hier erfahren haben, dass sie einer Quelle einen solchen Namen gibt?
Sie erfährt Leben. In ihr wächst ein neues Leben heran, sie ist schwanger mit einem Sohn, dessen Zukunft noch im Ungewissen liegt. Aber es ist Leben in ihr. Sie ist in die Wüste geflohen, denn ihre Herrin hat sie zu hart gedemütigt. Die Demütigung war so unerträglich, dass diese trockene Gegend, in der kein Leben gedeihen kann, ihr besser erscheint, als dort zu bleiben, wo es Wasser und Nahrung gibt, für sie und das ungeborene Kind.
Sie findet eine Quelle. Wasser mitten in einem Landstrich von Trockenheit ist wie das Leben selbst. Dennoch nennt sie diesen Ort nicht „Rettung meines Lebens und das meines Kindes“ oder „Wasser des Lebens“ oder „Lebenswasser“. Sie erfährt mehr als nur das Überleben. Sie erfährt, dass es einen gibt, der hinter dem Leben selbst steht und das Leben und die Ursache allen Lebens ist. Sie hat eine Begegnung mit dem Lebendigen.
Was bewirkt diese Erfahrung in Hagar? Sie empfindet, dass einer sie sieht. Eine gedemütigte Frau erfährt Beachtung und Zuwendung durch einen Boten des Lebendigen. Er hat sie gesehen und gesehen, was sie erlebt hat. Er verheißt ihr Leben, für sich und das Kind. Es gibt eine Zukunft jenseits von Verzweiflung und Ungewissheit.
Was wird aus dieser Frau und ihrem Sohn? Sie bringt ihn zur Welt und bald schon ist sie wieder in der Wüste. Dieses Mal flieht sie nicht, sondern sie wird fortgeschickt. Eine tiefere Demütigung kann es nicht geben. Sie ist zurück gekehrt an den Ort, der ihr und dem Ungeborenen Leben gibt und gestärkt durch den Lebendigen hält sie dort aus. Und dann schickt man sie weg.
Jetzt trägt sie das Kind nicht mehr unter dem Herzen, es kann selbst gehen, doch Ismael ist noch jung und zart und bald dem Verdursten nahe. Was tut die Mutter? Sie steht ihrem sterbenden Kind nicht bei, sondern sie wendet sich von ihm ab. Ihr fehlt die Kraft, das Elend ihres Sohnes auszuhalten. Wieder begegnet ihr der Lebendige. Er wendet sich ihr zu und so kann sie sich wieder ihrem Kind zuwenden.
Sie findet Wasser und Mutter und Sohn leben. Was wird in Zukunft geschehen? Werden sie einen neuen Ort finden, der ihnen Leben ermöglicht? Nein, sie bleiben in der Trockenheit und dort leben sie.
Es heißt von Ismael, dass er groß wurde, ein guter Jäger mit dem Bogen und seine Mutter ihm eine Frau vermittelte. Sie kehrten nie wieder zurück in das üppige Leben von einst bei Abraham, dessen Besitz so groß war, dass ihn das Land kaum ertrug wie es heißt. Sie blieben in der Wüste, sie lebten in der Wüste und fanden das Leben an einem Ort, der eigentlich kein Leben möglich macht. Hagar hat ihrem Sohn das Leben geschenkt. Ohne Vater wuchs er auf und wurde stark, selbst Vater vieler Kinder.
Ein Fürst der Wüste, dessen Söhne ebenfalls Fürsten der Wüste wurden. Beides tragen die Söhne Ismaels im Herzen: die Wüste und das Wissen um einen Lebendigen, der Leben möglich macht, wo nur Trockenheit ist.

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