Buchbesprechung zu: Alister McGrath: C.S. Lewis – Die Biografie – Prophetischer Denker. Exzentrisches Genie

Buchbesprechung zu:
Alister McGrath: C.S. Lewis – Die Biografie –
Prophetischer Denker. Exzentrisches Genie
(2013/2014 – Übersetzung ins Deutsche: Christian Rendel)

Man kann von Clive Staples Lewis (29. 11. 1898 – 22. 11. 1963) vieles halten oder eben auch gar nichts, denn die Sicht auf das Leben und Werk dieses Gelehrten wird von äußerst unterschiedlichen Herangehensweisen geprägt, widergespiegelt und transportiert. Es kommt ganz darauf an, ob es sich um die Begutachtung seiner literaturwissenschaftlichen Forschungsarbeit und der C.S. Lewis eigenen Haltung zur Beurteilung und Wertschätzung von Literatur handelt, ob es um seine apologetischen Fähigkeiten und geistlichen Betrachtungen geht oder um sein kreatives Schaffen imaginativer Welten und allegorischer Bilder.
Auch unterschiedliche religiöse Lager der Christenheit haben ihn je für sich vereinnahmt oder gar verteufelt, besonders in Hinsicht auf seinen Lebenswandel, den man entweder verdrängt oder toleriert oder ablehnt. Immer wieder wird man zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Die Bandbreite reicht von der Verurteilung als manipulativer Ketzer bis hin zur Verehrung als moderner Heiliger. Allein dieser Widersprüchlichkeiten wegen lohnt es sich, einen genaueren Blick auf Person und Lebenswerk des C.S. Lewis zu werfen.
Dabei ist die vorliegende Biografie von Alister McGrath keinesfalls die erste. Frühere Werke über Lewis wurden vor allem von Menschen verfasst, die Lewis nahe standen, ihn zumindest persönlich kannten. Welche Berechtigung hat nun diese neuerliche Betrachtung über Lewis, sein Leben und seine Werke? Die Veröffentlichung des Buches beruht auf einer distanzierten und kritischen Ausarbeitung zahlloser Primär- und Sekundärquellen. Der Literaturwissenschaftler, Apologet, Schriftsteller und Privatmann C.S. Lewis wird gleichermaßen zu beleuchten versucht.
Hilfreich bei dieser Vielzahl von Aspekten ist der streng chronologische Aufbau des Buches, der sich wiederum an zwei Strängen orientiert, den Lebensdaten und den Daten der Publikationen von C.S. Lewis. Der flüssige, klar gegliederte Stil der Biografie erleichtert das Lesen bei der Fülle an Informationen, die aufgeboten werden. Dabei verhält sich der Autor McGrath gegenüber der Person C.S. Lewis stets streng distanziert, respektvoll und durchaus auch kritisch. Man liest von einem Bewunderer selten derart deutliche Worte auch über zweifelhafte oder zumindest seltsame Verhältnisse und Lebensumstände dieses in vielen Kreisen verehrten Mannes.
Bemerkenswert ist die peinlich genaue Kenntnis der Quellen und wohl nahezu aller Publikationen aus dem reichen Schaffen von C.S. Lewis. Es ist ein wesentliches Merkmal des Buches, dass es die Werke dieses Mannes besonders in den Mittelpunkt stellt, ganz im Sinne von Lewis selbst, für den immer das Werk und dessen Aussage Vorrang vor dem Autor selbst haben. Er war Zeit seines Lebens ein Gegner des Subjektivismus in der Literaturwissenschaft. Am Werk selbst zu bleiben, ist wesentlich für seine Forschungsarbeiten gewesen. Auch McGrath versucht, sich über die Werke und deren Aussagen dem Menschen C.S. Lewis zu nähern und damit den Leser der Biografie zur eigenen Lektüre der aufgeführten Publikationen anzuregen.
Wichtige und berühmte Vorlesungen, literaturwissenschaftliche Arbeiten, apologetische Werke, geistliche Betrachtungen, Lyrik und Prosa werden vorgestellt, in einzelnen Aspekten beleuchtet und in den Gesamtzusammenhang von biografischen, historischen und kulturellen Entwicklungen und Umbrüchen gestellt. So zeugt diese Biografie auch von einer gewaltigen hermeneutischen Arbeit des Autors. Es werden neue und neueste Ansätze der Lewis-Forschung vorgestellt und überraschende Deutungen seiner Schriften präsentiert.
Auch der Zeitpunkt der persönlichen „Bekehrung“ Lewis zum Christentum wird noch einmal ganz neu anhand verschiedenster Quellen nachzuvollziehen und festzulegen versucht. Die Klauberei um dieses Datum scheint zunächst unwichtig, macht aber die gedankliche Entwicklung von Atheismus über Theismus hin zum Christentum etwas durchsichtiger und logischer. Auch die vieldiskutierte Haltung C.S. Lewis zu Frauen wird noch einmal kritisch betrachtet und dabei in überraschend gnädiges Licht getaucht.
All diese Erkenntnisse werden stets an dem geprüft, was man von Lewis Leben weiß und was er selbst zu diesem Zeitpunkt geschrieben und veröffentlicht hat. Seine Freundschaften, die berühmte Gruppe der Inklings in Oxford, Lewis berufliche Höhen und Tiefen – alles wird ausgelotet und objektiv bewertet.
Das Ergebnis ist eine Biografie, die auf ihren über 400 Seiten eine enorme Fülle an Informationen, Ideen und Denkansätzen enthält. Dabei bleibt das Buch durch seine chronologische Abfolge und seinen flüssigen Stil eben trotzdem lesbar. Spannend wird die Lektüre durch die einzelnen Aspekte, die dann teilweise vertieft werden.
Die Biografie bietet zahlreiche, interessante Fenster auf die Persönlichkeit des C.S. Lewis und auf das, was er uns an Werken hinterlassen hat. Auch das scheint ganz im Sinne des Literaturwissenschaftlers Lewis zu sein, der literarische Werke immer auch als Fenster auf die Wirklichkeit betrachtete, als Zugänge zur Wirklichkeit, als Möglichkeit, Wahrheiten und Werte zu erkennen. Ebenso lassen sich wohl durch die kritische Distanz, die McGrath bewahrt, Wahrheiten und Einsichten zu Lewis entdecken.
Diese Biografie ist meiner Meinung nach dreierlei. Zunächst ist sie schlicht eine Ehrung des Mannes C.S. Lewis, des Gelehrten und Schriftstellers, anlässlich seines 50. Todestages. Es ist eine Ehrung, die er für sein Schaffen und seine Wirkung bis heute durchaus verdient hat. Das Buch wird diesem Ansinnen gerecht, es ist ein kleines Denkmal für einen großen Mann.
Dann ist Alister McGraths Buch auch eine breit gefächerte Einführung in das Thema C.S. Lewis. Dieser Aufgabe wird es durch den flüssigen Stil und die ausführlichen Angaben zu Quellen und Publikationen gerecht. Dabei ist jedoch ein einigermaßen großes Interesse an Lewis über mindestens eines seiner Werke erforderlich. Die mehr als 400 Seiten detailliert erforschter Informationen und Ansätze können einen leidenschaftslos Interessierten auch ein wenig abschrecken.
So ist das Buch vor allem für eine Gruppe von Lesern besonders geeignet: Jene, die C.S. Lewis durch einige seiner Werke schon etwas besser kennen gelernt haben, die seine Scharfsichtigkeit und Weisheit schätzen, ihn jedoch nicht als unangefochtenen Heiligen auf ein Podest erheben wollen. Wer sich ernsthaft mit Lewis Werk und den darin vermittelten Gedanken und Inhalten auseinander setzt, der ist auch nicht enttäuscht oder entsetzt über kritische Anmerkungen und Überlegungen zu Lewis Fähigkeiten als Schriftsteller und seinen Schwächen als Mensch.
Wer sich ein offenes Denken und ein offenes Herz bewahrt und eine tiefere Leidenschaft für das Werk von Lewis hat, wird diese fundiert recherchierte Biografie mit Genuss und Gewinn lesen.